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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2016 vom 17.01.2016
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Zwischen Unsinn und Größenwahn

Die Welt muss nicht vor Hitlers »Mein Kampf« geschützt werden

Kommentar von Thomas Greif

Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw.« Die Erkenntnis mag banal sein, klärt der Autor auf, aber draufkommen müsse man eben doch erst mal: »Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen.«

Ja, all dieser Quatsch steht wirklich in jenem Buch, das anno 1924 ein gescheiterter Kunstmaler mit, allerdings ebenfalls gescheiterten, politischen Ambitionen in einer oberbayerischen Gefängniszelle niederschrieb.

Weil der Autor namens Adolf Hitler später die Welt in Brand setzte und für Verbrechen von unvorstellbarem Ausmaß verantwortlich ist, gewinnt alles, was mit ihm zu tun hat, maßlos an Bedeutung - selbst sein Pamphlet, das munter zwischen Größenwahn, Unsinn und reaktionärem »Dolchstoß«-Zeitgeist umhermäandert und voller großer und kleiner Unwahrheiten steckt, die zumeist auch noch bei anderen Autoren geklaut, aber als eigene Idee verkauft wurden.

Das Buch bekam den selbstverliebten Titel »Mein Kampf«, und weil jetzt, 70 Jahre nach dem Tod des Autors, die Urheberrechte ausgelaufen sind, kann man diesen Text endlich auf sicherem rechtlichen Boden kaufen und lesen - sogar in einer akribisch-kritischen kommentierten Ausgabe.

Dass es so lange dauerte, ist schade. Und dass so viele Zeitgenossen bis hin zum bayerischen Ministerpräsidenten damit jetzt ein Problem haben, ist vollkommen unverständlich.

Erst Geheimniskrämerei schafft Mythen. Erst Verbote machen solche Bücher richtig spannend und geben dem Autor eine fragwürdige Ehre, die ihm gar nicht zusteht. Dabei gibt es gar nichts zu verbergen: Der Text offenbart die verworrene Gedankenwelt seines Autors, aber auch die unfassbare Unwilligkeit seiner Leser, dessen Ideen für bare Münze zu nehmen.

Selbst wenn nur ein paar Prozent der Deutschen »Mein Kampf« wirklich gelesen haben, wären das immerhin einige Millionen, die sich nicht auf das beliebte »wenn wir das gewusst hätten« berufen können. Und glaubt tatsächlich jemand ernsthaft, dass Neonazis von heute diesen bald 100-jährigen Unsinn als Blaupause für staatsfeindliche Umtriebe verwenden?

Gesellschaftliches Handeln in einer Demokratie muss immer sachlich-wissenschaftlich unterfüttert sein. Im Umgang mit dem Dritten Reich bedeutet das, eine Schrift wie »Mein Kampf« nicht als mythische Botschaft des Bösen zu behandeln, vor der die Welt geschützt werden muss. Sondern als zentrale historische Quelle, um wichtige Zusammenhänge zu verstehen.

Sonntagsblatt-Redakteur Thomas Greif

 

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abgerufen 30.08.2016 - 22:45 Uhr

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