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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2016 vom 17.01.2016
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Mann ohne Moral

Personen der Bibel (54): Lot - eine verstörende Familiengeschichte


Ein Vater, der seine beiden Töchter zur Vergewaltigung preisgibt und kurz darauf im Rausch selbst Kinder mit ihnen zeugt - Lots Geschichte ist keine leichte Kost.

Guercino: Lot und seine Töchter, 1651. Im Hintergrund das brennende Sodom.
Foto: PD
   Guercino: Lot und seine Töchter, 1651. Im Hintergrund das brennende Sodom.

        

Lots Leben begann vielversprechend. Mit seinem Onkel Abraham zog er als Nomade umher. Bald waren ihre Herden so groß, dass sie sich trennen mussten, um genug Grün für die Tiere zu finden. Lot zog in das fruchtbare Jordantal und ließ sich später mit seiner Frau und den beiden Töchtern in der verrufenen Stadt Sodom nieder.

Hier begann die verstörende Familiengeschichte. Eines Tages traf Lot auf der Straße zwei Gottesboten. Er lud sie zu sich ein. Am Abend war sein Haus plötzlich umringt von Männern, die forderten, er solle die Besucher herausgeben, damit sie sich »über sie hermachen« (1. Mose 19, 5) könnten.

Um die Engel zu schützen, fiel Lot nichts anderes ein, als dem aufgeregten Mob seine Töchter als Ersatz anzubieten. »Die wissen noch von keinem Manne«, pries er sie auch noch an und fügte hinzu: »Tut mit ihnen, was euch gefällt.« (1. Mose 19, 8)

Erstaunlicherweise verurteilte Gott Lots Verhalten nicht und beschützte ihn weiterhin. Die Engel verhinderten das Schlimmste. Sie zogen Lot ins Haus und ließen die Männer draußen erblinden. Dann teilten sie Lot mit, er solle mit seiner Familie die Stadt verlassen, denn Gott habe beschlossen, Sodom zu zerstören. »Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich« (1. Mose 19, 17), mahnten sie.

Kaum war die Familie aus der Stadt geflohen, ließ Gott »Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab […] und vernichtete […] die ganze Gegend«. (1. Mose 19, 24) Lots Frau missachtete die Warnung der Engel und blickte zurück. Sofort erstarrte sie zur Salzsäule.

Lot und seine Töchter ließen sich in einer Gebirgshöhle nieder. Die jungen Frauen glaubten, keinen Mann mehr zu finden, um eine Familie gründen zu können, und fassten nun ihrerseits einen verstörenden Entschluss. Sie machten ihren Vater betrunken und schliefen mit ihm.

Ob Lot je realisierte, was da geschehen war, berichtet die Bibel nicht. Nur dass die beiden Frauen Söhne gebaren, erfährt der Leser noch: Moab und Ben-Ammi, die Stammväter zweier Völker, die den Israeliten immer feindlich gegenüberstanden.

Wie kann ein Vater seine Töchter zur Vergewaltigung freigeben? Warum tut Gott nichts, um die ungesunden Verstrickungen innerhalb der Familie zu unterbinden, lässt aber einen ganzen Landstrich ob der Sündhaftigkeit der Bewohner untergehen? Welche Moral soll der Leser dieser Erzählung entnehmen? Lots Geschichte irritiert und schockiert, ohne zufriedenstellende Antworten auf all die Fragen anzubieten, die sie aufwirft. Eines aber wird deutlich: Der Bibel sind selbst tiefste menschliche Abgründe nicht fremd.

LOT

  NAME: hebr. Verhüllung, Schleier

  BERUF: Viehhirte

  HERKUNFT: Sohn des Haran und Neffe Abrahams aus Ur in Chaldäa

  ZEIT: ca. 1500 v. Chr.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  1. Mose 13, 1-13; 19

  ZITAT: »Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch und tut mit ihnen, was euch gefällt.« ( 1. Mose 19, 8)

  WIRKUNGSGESCHICHTE: Lots Geschichte zeigt, dass die Bibel von Männern geschrieben wurde. Auf einfache Weise wird Lot die Verantwortung genommen - er wird quasi selbst zum Opfer, schließlich hat man ihn betrunken gemacht. Prompt liegt die Schuld bei den Frauen. Diese Verschiebung wirkte lange fort. In christlicher Tradition galt Lot als gerechter Mann, der unter dem sündhaften Treiben seiner Mitmenschen litt. Auch die Männer der Aufklärung sahen Lot so. Der Schriftsteller Christoph Martin Wieland (1733-1813) etwa meinte: »Von seinen Töchtern ward der fromme Lot betrogen.«

THEOLOGISCHES STICHWORT

DIE BIBEL VERSTEHEN: Lots Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die biblischen Texte in Bezug zu ihrer Entstehungszeit zu lesen und nicht unhinterfragt zur Grundlage heutiger Moralvorstellungen zu machen. Die damalige politische Situation Israels und der hohe Stellenwert der Gastfreundschaft müssen mit in Betracht gezogen werden. Dann spielt natürlich die damalige patriarchale Kultur eine Rolle. Nur so lässt sich ahnen, warum es je plausibel erschien, dass Lot bereit war, seine Töchter preiszugeben, um Gäste zu schützen. Die Inzestgeschichte wird dann als Legende nachvollziehbar: Sie will erklären, warum Nachbarvölker sich feindlich gegenüberstanden.

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Sonja Poppe

 


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abgerufen 27.05.2016 - 20:01 Uhr

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