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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2016 vom 17.01.2016
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Synagoge und Stolpersteine

In Meran (Südtirol) erinnern nur wenige Spuren an die jüdische Geschichte der Stadt


Sigmund Freud und Franz Kafka gehörten einst zu den jüdischen Kurgästen in Südtirol. In der beliebten Urlaubsregion erinnern heute kaum mehr als eine Synagoge und ein paar Stolpersteine an die Opfer der deutschen und italienischen Verfolgung.

Die Synagoge in Meran stammt aus dem Jahr 1901. Zur Jüdischen Gemeinde gehören heute rund 50 Personen.
Foto: ManfredK / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
   Die Synagoge in Meran stammt aus dem Jahr 1901. Zur Jüdischen Gemeinde gehören heute rund 50 Personen.

        

Gegenüber der Altstadt von Meran mit ihren Cafés und Laubengängen - einst gedacht für den Handel zwischen Nord- und Südeuropäern auch bei schlechtem Wetter - liegt in einem vornehmen Villenviertel die Synagoge der Stadt. Das 1901 eröffnete Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Während der deutschen Besetzung nutzte es die SS jedoch 1943 zeitweilig als Stall, wie Joachim Innerhofer erzählt, der Leiter des Jüdischen Museums im Untergeschoss der Synagoge.

Die bunten Fenster des architektonisch eher unscheinbaren Hauses stammen aus den 1970er-Jahren, doch die Deckenleuchter von 1910 erzählen noch vom Leben vor dem Ersten Weltkrieg, als zahlreiche Juden in Südtirol Urlaub machten. Für sie wurden um die Jahrhundertwende eigens koschere Restaurants eröffnet. Franz Kafka erholte sich hier ebenso wie Sigmund Freud, Stefan Zweig oder Arthur Schnitzler. Ein Eintrag im Kurregister verzeichnet auch den ersten israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann als Kurgast von Meran.

Ritualmord-Legende

Wanderer stoßen in den umliegenden Bergen andererseits noch heute auf Erinnerungen an eine lokale Ritualmord-Legende, nämlich auf Heiligenbilder des Simon von Trient. Im Jahr 1475 wurden 14 Juden als Urheber eines angeblichen Ritualmords an dem christlichen Jungen hingerichtet.

Der damalige Folterprozess diente der Rechtfertigung von Judenpogromen. »Das Bild des heiligen Simon von Trient ist in St.Leonhard im Passeiertal noch immer unkommentiert«, beklagt Sabine Mayr, die gemeinsam mit Innerhofer jüdisches Leben in der Region erforscht. Bis vor rund 30 Jahren gab es einen Kult um das Kind. »Erst der Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher hat ihn Mitte der 1980er-Jahre verboten«, sagt Mayr.

Juden, die vor der NS-Herrschaft nach Südtirol geflohen waren, wurden seit der Einführung der italienischen Rassegesetze auch hier verfolgt. Wer den Begriff der Diskriminierung nur in seiner negativen Bedeutung kennt, wird im Zusammenhang mit den 1938 von der Mussolini-Regierung beschlossenen Regelungen überrascht. Denn diejenigen Juden, die sich um das Königreich Italien besonders verdient gemacht hatten, konnten sich um die Anerkennung als »discriminati« bemühen. Damit wurden sie von den umfassenden Berufsverboten ausgenommen.

Mit dem Ende der Hitler-Mussolini-Achse und der deutschen Besatzung begannen 1943 Deportationen von Juden auch aus Südtirol. In Bozen wurde ein Durchgangs- und Gefangenenlager errichtet. Ein Foto im Museum der Synagoge von Meran zeigt die jüngste Deportierte. Olimpia Carpi war erst drei Jahre alt, als sie im März 1944 im KZ Auschwitz getötet wurde. Ein »Stolperstein« des Kölner Künstlers Gunter Demnig erinnert mittlerweile vor dem ehemaligen Wohnhaus der Carpis an die jüngste Tochter der Familie.

Ein Foto von 1936 zeigt dagegen die jüdische Familie Goldstaub mit Kindern in der Uniform der faschistischen Balilla-Jugend. Trotz des bis heute in Italien verbreiteten Antisemitismus gehörte dieser ursprünglich nicht zu den Prioritäten des italienischen Faschismus. Eine Postkarte erinnert im Museum daran, dass die Züge mit Deportierten in Südtirol vor der Fahrt über die Alpen haltmachten.

Der Schriftsteller Primo Levi (1919-1987) warf im Februar 1944 in Bozen eine Botschaft an eine Freundin aus dem Viehwaggon, der ihn nach Auschwitz brachte: »Liebe Bianca, alle auf Reisen auf klassische Art - Grüß alle - Die Fackel ist jetzt bei Euch. Wir lieben Dich«, schrieb der Schriftsteller mit bitterem Sarkasmus auf die Karte. Der Bitte auf der Rückseite (»Bitte abschicken«) folgte ein unbekannter Finder.

Gegenüber der Meraner Synagoge liegt noch heute das Gebäude des früheren Sanatoriums, das bedürftigen tuberkulosekranken Juden einst Kuraufenthalte ermöglichte. In dem 1957 verkauften Haus befand sich zunächst ein Genesungsheim.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier insgesamt 15.000 KZ-Überlebende betreut, die später nach Israel auswanderten. Heute hat die Jüdische Gemeinde in Meran rund 50 Mitglieder.

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Bettina Gabbe

 


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abgerufen 02.12.2016 - 18:59 Uhr

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