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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2016 vom 17.01.2016
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Turbo-Lesen und kurze Sätze

Kinderbuchautor Paul Maar über veränderte Lesegewohnheiten von Kindern


Paul Maar ist einer der bekanntesten Kinderbuchautoren in Deutschland - vor allem dank seiner erfolgreichsten Schöpfung, den Geschichten vom Sams. Maar setzt sich mit verschiedenen Projekten für die Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen ein. Ein zentraler Punkt für ihn ist dabei die Sprache. Ohne sie gehe nichts, sagt der 78-jährige Bamberger im Interview.

Paul Maar.
Foto: Joerg Schwalfenberg/Verlag Oettinger
   Paul Maar.

        

  Herr Maar, lesen die Kinder in Deutschland noch genug?

Maar: Wenn ich vor rund 20 Jahren in eine Schulklasse zum Vorlesen gegangen bin, gab es immer vier bis sechs Kinder, zumeist Mädchen, die wirklich viel und gerne gelesen haben - der Rest hat sich Asterix-Comics angeguckt, gelegentlich auch ein Buch. Diese vier bis sechs haben sich montags in der Schulbücherei ein Buch ausgeliehen - und am Mittwoch waren sie schon fertig damit. Heute gibt es in manchen Klassen vielleicht noch drei Kinder, die viel lesen - dann aber drei Bücher in drei Tagen, während der Rest der Klasse mit Büchern kaum etwas anfangen kann.

  Drei Bücher in drei Tagen? Das funktioniert doch nur oberflächlich...

Maar: Die Kinder, die heute noch lesen, lesen leidenschaftlich gerne und ungeheuer schnell. Meine Enkelin Antonia hat mich überzeugt. Als sie an nicht mal einem Nachmittag ein neues Buch von mir durchgelesen hatte, wollte ich ihr das erst nicht glauben - also habe ich ihr Testfragen gestellt, auch zu kleinen Details. Sie wusste alles. Diese lesehungrigen Kinder haben eine eigene Lesetechnik, die ich nicht beherrsche, aber sie lesen die Bücher wirklich. Leider sind diese Kinder klar in der Minderheit.

  In den 1990er-Jahren haben sicher auch noch Viertklässler »Sams«-Bücher gelesen. Wie ist das heute?

Maar: Anders (lacht). Wenn ich früher in eine vierte Klasse gekommen bin und erzählt habe, dass ich ein neues Sams-Buch geschrieben habe, sollte ich immer sofort daraus vorlesen. Heute würde ich vor allem von der Mehrheit der Mädchen, die dann teils schon leicht geschminkt in den Tischreihen sitzen, ziemlich verwundert angeguckt. »Das ist aber doch ein Kinderbuch«, wäre wohl noch das Netteste, was sie sagen würden. In zweiten Klassen klagen die Kinder: »Das ist so eng geschrieben, und farbige Bilder sind auch keine drin.«

  Wie führt man Kinder überhaupt richtig an das Kulturgut Buch heran? Vorlesen oder »Lesen vorleben«?

Maar: Es ist eine Mischung aus beidem. Ich war mal in einer Grundschule zu Gast, da gab es zwei dritte Klassen. In der einen waren die Kinder ganz aufgeregt, dass ein Autor zu ihnen kommt, die haben erzählt, was die Lehrerin alles vorliest, was sie alles lesen, die Lehrerin hat erzählt, was sie liest - die Parallelklasse war das krasse Gegenteil. Keiner hatte wirklich Spaß am Lesen oder Lust dazu. Im Nachgespräch mit dem Lehrer stellte sich dann heraus: Auch er liest zu Hause nichts, dafür habe er ja keine Zeit. Da merkt man die Funktion des Vorbilds: Die Lehrerin erzählt ihrer Klasse begeistert vom Lesen, die Unlust des Lehrers überträgt sich hingegen unbewusst auf die Kinder.

  Vor zwei, drei Jahren haben die Buchverlage große Hoffnung in E-Books für Kinder gesetzt. Ist das die Lösung? Der Markt stagniert ja...

Maar: Mich wundert das nicht. Ich glaube an das gedruckte Buch, das man abends mit ins Bett nimmt, das beim Umblättern knistert, das nach Buch riecht. E-Books sind sicher für manche eine tolle Sache, wenn sie viel lesen und unterwegs sind. Das Elektronische wirkt für mich etwas kühl, nicht emotional - aber genau das müssen Bücher für mich sein.

  Sie haben sich immer für die Integration ausländischer Kinder starkgemacht. Welche Rolle spielt dabei das Lesen?

Maar: Eine große. Ich habe 1993 das Kinderbuch »Neben mir ist noch Platz« geschrieben, wo es um eine libanesische Flüchtlingsfamilie geht. Das ist heute wieder hochaktuell, ich sitze gerade an einer kompletten Überarbeitung. Das Mädchen kommt jetzt auch nicht mehr aus dem Libanon, sondern aus Syrien, damit es wieder aktueller wird. Es wird eine große Herausforderung, eine Million Flüchtlinge zu integrieren und für sie adäquate Wohnungen zu finden, damit sie nicht jahrelang in Gemeinschaftsunterkünften leben müssen. Aber ich habe große Hoffnung, dass es uns gelingt.

  Welchen Beitrag kann Literatur bei dieser großen Integrationsaufgabe leisten?

Maar: Viel, wenn sie sich bemüht. Zusammen mit anderen Illustratoren habe ich etwa aktuell ein Kinderbuch ohne Worte für Flüchtlingskinder gemacht. Das erscheint beim Fischer-Verlag und wird demnächst bundesweit an Flüchtlingskinder verteilt.

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Interview: DanielSt affen-Quandt

 


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abgerufen 27.06.2016 - 11:22 Uhr

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