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Heute: 24.07.2016
Aktuelle Ausgabe: 29 vom 17.07.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 03/2016 vom 17.01.2016
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Jauchzet, frohlocket!

2. bayerisches Singalong: Voll besetzte Würzburger Johanniskirche interpretiert Bach-Oratorium


Jeder sollte mitsingen. Der neue Johannis-Kantor Matthias Querbach lud für den 9. Januar ganz Süddeutschland zum Weihnachtsoratorium ein.

Bewegte Erwartung: Der Kirchenraum füllt sich auf den Alt- und Sopranplätzen am raschesten.
Foto: Fildhaut
   Bewegte Erwartung: Der Kirchenraum füllt sich auf den Alt- und Sopranplätzen am raschesten.

        

Sänger aus Stuttgart, Augsburg, Frankfurt und Neuendettelsau strömten herbei. Im Programmheftchen lesen sie Regel 7: »Der Dirigent unterbricht die Aufführung nur, wenn etwas total schiefgeht.« Für die Probe hat Querbach 20 Minuten einkalkuliert.

17.20 Uhr: Die Menschenschlange säumt das Kirchgrundstück bis zur Straßenecke.

17.30 Uhr: Zwei Gemeindemitglieder verteilen die einströmenden Sänger auf das Kirchengestühl, von links nach rechts in vier langen Streifen Altistinnen, Bässe, Tenöre, Sopranistinnen. Von der Empore sieht man schön, wie die sich über die Bänke verteilen: An den Seiten sind fast schon die hintersten Plätze besetzt, links und rechts vom Mittelgang zum Altar hin bleibt noch Leerraum. Die ersten Instrumentalisten treten zum Altar. Ein einsamer Flötenton erklingt.

Modale Klangfläche?

17.35 Uhr: Gelegentlich treffen Sänger ohne Noten an der Abendkasse ein. Sie können welche ausleihen.

17.40 Uhr: Ein virtuoser Oboenlauf steigt vor den zwei großen Weihnachtsbäumen auf.

17.45 Uhr: Matthias Querbach schaut die inzwischen etwas kürzere Schlange an. Der Singalong-Initiator ist freudig erregt, aber auch sichtlich gefasst und wirkt jetzt schon ziemlich konzentriert.

17.50 Uhr: Der Block von Alt- und Bassstimmen ist fast bis hinten aufgeschlossen. Dabei haben doch alle Chöre Schwierigkeiten, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herzustellen! Bei genauem Hinsehen zeigt sich: Die Grenze zwischen Frauen und Männern verläuft nicht in der Bankmitte. Auf acht Altistinnen kommen etwa zwei Bässe. Die Tenöre füllen erst die vordere Hälfte ihres reservierten Raums, beim Sopran sieht es nur ganz hinten noch etwas schütter aus.

17.55 Uhr: Der einzelne Kontrabass neben dem Altar bekommt Gesellschaft von den höheren Streichern des Bachorchesters Würzburg.

18.00 Uhr: Jetzt können auch die hinteren Tenor-Sopran-Bänke als locker besetzt gelten. Lauter Beifall begrüßt Matthias Querbach und die vier Gesangssolisten. Der Dirigent freut sich u.a. über das Mittun seiner früheren Kantorei in Neuendettelsau, erklärt, es folge »kein Konzert, sondern ein Gemeinschaftsevent«, und gibt einige Anweisungen: »Halten Sie die Noten so, dass Sie mich sehen«, auf einen »schlanken und beweglichen Ton« komme es ihm an. »Singen Sie nur so laut, dass Sie Ihren Nachbarn noch hören«, und, sehr wichtig: »Schauen Sie raus!«

Querbach kündigt »gemäßigte Tempi« an, vor allem bei Nummer 21. Da lacht der Chor, wohl wissend, dass das »Ehre sei Gott« recht schwierige Stellen aufweist.

18.05 Uhr: Einsingen mit Kadenzen auf Silben wie »Loa loa loa…«

18.15 Uhr: Test Nummer 21. Der Choral klingt sehr modern, eine diffuse Klangfläche liegt über dem Gestühl. »Schauen Sie raus!«, ruft Querbach zwischen zwei Takten, und sofort rafft sich der Riesenchor zu höherer Konzentration auf, man hört, wie sich die Tonwolke barock strukturiert - und nach dem Schlussakkord überraschtes Durchatmen und zufriedenes Raunen der Beteiligten. Querbachs Tipp: »Singen Sie einfach, was der Text aussagt: Ehre sei Gott.«

18.19 Uhr: Stimmen der Instrumente.

18.20 Uhr: Auf den Punkt planmäßiger Beginn des Weihnachtsoratoriums BWV 248 I bis III.

Dass der Chor in Richtung weg vom Ohr des Publikums singt, schafft einen geschlossenen, dafür nicht sehr transparenten Gesamtklang. Der scheint die etwas ungleiche Stimmenverteilung zu glätten.

Kanon, Einstimmigkeit, Wechselspiel zwischen Chor und Orchester - alles klappt wie in den besten Momenten des Einsingens. Kaum vorzustellen, dass Matthias Querbach Regel Nummer sieben anwenden muss.

Gesten seines ganzen Körpers motivieren seine Gäste ein ums andere Mal, ihr Bestes zu geben. Geht er zu sehr auf Nummer sicher? Wäre ein etwas schnelleres Singalong nicht fein? Nun, nach solchen Zweifeln erklingt gleich ein mehrstimmiger Satz, dessen Tempo auch den Hörer mitreißt. Nie allerdings ist es die Lautstärke, mit der die Hörer überwältigt werden.

Erst beim Finale »Herrscher des Himmels« stehen die fünf Hundertschaften auf, was größere Dynamik als beim Sitzendsingen ermöglicht. Nach dem letzten Ton bleibt sekundenlang alles still. Die Empore beginnt zu klatschen. Eine Beseligung des Gelingens ist dem Beifall anzumerken, den sich die Sänger schließlich gegenseitig spenden.

Dann spielt das Bachorchester noch einmal neu. Die Zugabe ist die Nummer eins des Weihnachtsoratoriums, eine Wiederholung, aber die wird jetzt genau nach dem, »was der Text aussagt«, im Stehen gesungen: »Jauchzet, frohlocket!«

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Joachim Fildhaut

 


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abgerufen 24.07.2016 - 06:47 Uhr

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