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Aktuelle Ausgabe: 48 vom 27.11.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 03/2016 vom 17.01.2016
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Zwischen Traum und Albtraum

Der Flüchtling Ahmad Shakib Pouya lebt in Augsburg mit der ständigen Angst vor Abschiebung


Ahmad Shakib Pouya will nichts lieber, als in Deutschland arbeiten und Steuern zahlen. Doch auch gute Integration, ehrenamtliche Arbeit und eine Bitte beim Bundespräsidenten bringen ihm keine Arbeitserlaubnis.

Ahmad Shakib Pouya mit einem Harmonium in seinem Zimmer im Grandhotel Cosmopolis: »Es heißt immer, dass Integration alles ist. Aber das stimmt nicht«, sagt der Musiker und Zahnarzt.
Foto: Wenisch
   Ahmad Shakib Pouya mit einem Harmonium in seinem Zimmer im Grandhotel Cosmopolis: »Es heißt immer, dass Integration alles ist. Aber das stimmt nicht«, sagt der Musiker und Zahnarzt.

        

In den vergangenen fünf Jahren hat Ahmad Shakib Pouya mehr Jobs gehabt als viele andere Menschen in ihrem ganzen Leben. Als Bauarbeiter, Schauspieler, Musiker, Dolmetscher, Koch, Putzkraft, Barkeeper und Helfer für minderjährige Flüchtlinge war er tätig.

Nur bezahlt wurde der in Augsburg lebende Afghane für keine der Arbeiten - alles ist ehrenamtlich. Denn der Asylantrag des 32-Jährigen wurde abgelehnt, als Geduldeter droht ihm fast täglich die Abschiebung. Dabei ist arbeiten und Steuern zahlen alles, was er will. Doch bei diesem Ziel kann ihm nicht einmal der Bundespräsident helfen.

Ende vergangenen Jahres war Pouya ins Schloss Bellevue eingeladen worden. Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen, die in dem interkulturellen Theaterprojekt »Zaide - eine Flucht« der Augsburger Sängerin Cornelia Lanz mitspielen, trat er bei einer Veranstaltung des Bundespräsidenten auf. Und in einem kurzen Gespräch konnte er dem Staatsoberhaupt sogar seine Leidensgeschichte erzählen. Er bat ihn um Hilfe im Kampf um eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. »Ich habe von der untersten Ebene bis zum Präsidenten alles versucht. Und das war meine letzte Chance«, erzählt er. Anschließend habe er Joachim Gauck noch einen Brief geschrieben.

Gute Aussicht auf einen Job

Die Situation verfolgte ihn bis in den Schlaf - er habe von einem Fest des Präsidenten geträumt, berichtet er: »Dort zieht ein Mann plötzlich eine Waffe: Ich werfe mich dazwischen und rette dem Präsidenten das Leben. Als ich im Krankenhaus aufwache, kommt Herr Gauck zu mir und sagt: ›Du hast dich integriert und mir das Leben gerettet. Wir brauchen solche Menschen hier. Du darfst bleiben.‹« Doch der Traum platzt: Aus dem Präsidialamt kommt ein Brief, dass der Präsident nicht helfen könne.

Pouya erzählt diese Geschichte mit erstaunlicher Gelassenheit und einem Lächeln. Wie viel für ihn auf dem Spiel steht, macht er dann aber doch deutlich: »Es ist ein großer Stress, dass ich jederzeit abgeschoben werden könnte«, sagt er. Auch mitten in der Nacht könnten die Beamten kommen, um ihn zu holen und ihn in sein Heimatland zurückzuschicken. Das belaste ihn sehr.

Denn zurück nach Afghanistan hieße für Pouya zurück in die Angst vor dem Taliban, vor dem er 2009 geflohen ist. Ins Visier der radikalen Islamisten sei er geraten, weil er als Zahnarzt in einem Krankenhaus mit Franzosen zusammengearbeitet habe und weil er Musiker ist. »Mein Vater ist bei einem Bombenangriff auf meine Wohnung gestorben«, berichtet er.

Knapp zwei Jahre hat es gedauert, bis er über den Iran, die Türkei, Griechenland, Italien und Österreich nach Lindau kam. Dort sei er von der Polizei festgenommen worden - was für ihn ein sehr positives Erlebnis war. Denn zum ersten Mal sei er von Polizisten freundlich behandelt worden. Dabei wusste er zunächst gar nicht, wo er war.

»In Afghanistan habe ich immer ›Alarm für Cobra 11‹ geschaut - die Serie gibt es dort auch. Von daher kenne ich die Aufschrift ›Polizei‹. Erst als ich den Schriftzug entdeckt habe, wusste ich, dass ich in Deutschland bin«, sagt er.

Inzwischen spricht Pouya gut Deutsch. Und so ist das interkulturelle Theater nur eines von seinen zahlreichen ehrenamtlichen Engagements. Inzwischen ist er oft als Dolmetscher aktiv, immerhin spricht er neben Deutsch auch Englisch, Persisch, Paschtu, Urdu und Hindi. In Augsburg hat er außerdem das Grandhotel Cosmopolis mit aufgebaut, eine vielfach ausgezeichnete integrative Flüchtlingsunterkunft. Eine Arbeitserlaubnis hat er dadurch aber noch nicht bekommen, obwohl er mittlerweile gute Aussichten auf einen Job in Frankfurt hat - und jüngst dorthin umgezogen ist.

»Es heißt immer, dass Integration alles ist. Aber das stimmt nicht: Die Sprache zu lernen und ehrenamtlich zu arbeiten, das reicht nicht«, sagt Pouya. Die Hoffnung aufgeben werde er aber nicht, betont er noch zum Abschluss. Dann muss er aber los - zu einem Gerichtstermin, bei dem er dolmetschen muss. Ehrenamtlich, versteht sich.

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Daniel Wenisch

 


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abgerufen 03.12.2016 - 14:43 Uhr

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