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Sonntagsblatt 03/ vom

Geschichte auf Straßenschildern

Ein neues Buch lädt zu einem wunderlichen Streifzug zu Nürnberger Straßennamen


Natürlich, auch Nürnberg hat seine Tulpenstraße, seinen Birkenweg und seine Amselstraße. Doch jenseits der biederen Langeweile erzählen viele Straßennamen spannende Geschichten von Literaten, Feldherren oder Himmelskörpern. Der Fürther Journalist und Sonntagsblatt-Autor Reinhard Kalb hat in einem Buch gut 50 von ihnen nachgespürt.

Im Nürnberger Nibelungenviertel kommt es zu einer seltenen Namensverdichtung von germanischen Heldenrecken. Reinhard Kalb weiß immer die passende vergnügliche Geschichte dazu.
Foto: Sauerbeck
   Im Nürnberger Nibelungenviertel kommt es zu einer seltenen Namensverdichtung von germanischen Heldenrecken. Reinhard Kalb weiß immer die passende vergnügliche Geschichte dazu.

        

Schon erstaunlich, welchen Leute, die Nürnberger jenseits von Goethe, Schiller und Mozart Straßennamen in ihrer Stadt gewidmet haben. Kalb wundert sich mit, doch freilich immer mit Respekt auch vor dem kuriosesten Lebenswerk.

Richard Dehmel (1863-1920) ist als Liebesdichter des späten Kaiserreichs heute außerhalb von Nürnberg-Eibach ziemlich vergessen, und Kalb erklärt auch trocken, warum: »Keiner besingt seine erotischen Exzesse derart glühend und Abgründe der Peinlichkeit munter auslotend wie Dehmel.« Kein Wunder, dass des Förstersohns Berliner Lieblingskneipe den Namen »Zum schwarzen Ferkel« trug.

Vergessener Sterndeuter

Auch die Anwohner der Senistraße im Stadtteil Mühlhof dürfen sich über ihren Namengeber wundern: Giovanni Battista Seni (1600-1656) war Leibarzt und Astrologe des großen Feldherrn Wallenstein, spielt aber in den Zeitläuften des Dreißigjährigen Kriegs nicht gerade eine bestimmende Rolle. Ohne Schiller, der Seni mit zwei kurzen Auftritten in seinen Wallenstein-Dramen bedachte, wäre der Mann nur eine Fußnote der Geschichte, sinniert Kalb in einem fiktiven Interview mit dem Sterndeuter aus Italien.

Wer bekommt einen Straßennamen und wer nicht? Wenn es um Persönlichkeiten mit lokalen oder gar zeitgeschichtlichen Bezügen geht, können Benennungen zum Politikum werden. Letztmals schwappten derlei Wellen in Nürnberg anno 2007 hoch, als der Stadtrat die Straßenbenennung nach dem ersten evangelischen Landesbischof in Bayern, Hans Meiser (1881-1956), nach langen Diskussionen zurücknahm. Aus der einstigen Meiserstraße wurde ein Teil der Spitalgasse. Auch andere Orte in Franken kennen derlei Diskussionen über Rückbenennungen von Straßennamen.

Da sind Himmelskörper als Namengeber ungefährlicher. Als 1958 in der Rangierbahnhof-Siedlung die Parkwohnanlage Zollhaus entstand, mussten Sonne und Planeten herhalten, wobei der größte Planet und Göttervater Jupiter nur einen kleinen »Jupiterwinkel« abbekam.

Im Nobelstadtteil Erlenstegen erfreuen sich Anwohner an noblen Adressen, die der deutschen Romantik entliehen sind (Tieck, Grimm und Mörike!), während für ein Wohnviertel in Lichtenhof die wüsten Recken aus dem Nibelungenlied Pate standen: Siegfried, Kriemhild, Gunther. Kalb erzählt die sagenhaften Biografien der Heldengestalten ebenso kundig wie mit wohltuend ironischem Zungenschlag. Kleine Kostprobe, Kalbs Kurz-Charakteristik über den Heldenrecken Siegfried: »Kein Epos kommt ohne Lichtgestalt aus, die alle anderen an Kraft, Mut, Willensstärke, Erotik oder Charisma überragt. Bloß mit dem Denken hapert's manchmal.«

Reinhard Kalbs »walk of names« basiert auf einer mehrjährigen Artikelserie in der Nürnberger Zeitung. Der Nürnberger Fotograf Tillmann Grewe hat stimmungsvolle Stadtteil-Impressionen beigesteuert.

Reinhard Kalb: Nürnberger Straßennamen und ihre Geschichte. Von Arminius dem Cherusker bis Graf von Zeppelin. Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg 2015, 181 Seiten, ISBN 978-3-86913-597-7, 14,90 Euro.

 

  BUCHTIPP: Reinhard Kalb: Nürnberger Straßennamen und ihre Geschichte. Von Arminius dem Cherusker bis Graf von Zeppelin. Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg 2015, 181 Seiten, ISBN 978-3-86913-597-7, 14,90 Euro.

 

 

Thomas Greif