Home Artikel-ID: 2016_04_09_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 08.12.2016
Aktuelle Ausgabe: 49 vom 04.12.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 04/2016 vom 24.01.2016
Alle Artikel der » Ausgabe 04/2016 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


»Greife ich Gott in sein Handwerk?«

Die deutsche Ärztin Eva Kaiser half ihrer Schwester in der Schweiz beim Suizid


Die deutsche Ärztin Eva Kaiser stand ihrer Schwester in der Schweiz beim Suizid zur Seite. Und auch als gläubige Christin hält sie das für richtig. Das Sterbehilfegesetz, das der Bundestag im November beschlossen hat, hält Kaiser dagegen für falsch.

»Ausschlaggebend für mein Handeln ist der Wunsch, den meine Patienten äußern. Aber ich muss sicher sein, dass er wohlreflektiert und nachvollziehbar ist«, sagt die gläubige Ärztin Kaiser.
Foto: Thatchakon Hinngoen / 123rf.de
   »Ausschlaggebend für mein Handeln ist der Wunsch, den meine Patienten äußern. Aber ich muss sicher sein, dass er wohlreflektiert und nachvollziehbar ist«, sagt die gläubige Ärztin Kaiser.

        

Für ihre schwer kranke Schwester Barbara sei der Gedanke an die Möglichkeit der Sterbehilfe wichtig gewesen, um die letzte Zeit ihres Lebens genießen zu können. Das erzählt Eva Kaiser, deutsche Ärztin in der Schweiz, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stand. Mit der Gesetzesänderung wäre das heute nicht mehr möglich. Denn schon die Beratung deutscher Patienten ist für schweizerische Organisationen zum Risiko geworden.

Als Barbara erfuhr, dass ihr Krebs unheilbar war, tat sie zwei Dinge: Sie bat ihre Schwester in der Schweiz um Informationen zur Sterbehilfe, und sie kaufte sich ein E-Bike. »Sie wollte leben«, erinnert sich Eva Kaiser. Ihre Schwester starb im Juli 2015 durch eine tödliche Infusion in der Schweiz. »Sie hätte nicht viel länger gelebt. Sie wäre erstickt«, sagt Kaiser. »Man hätte ihr Morphium geben können, bis sie nicht mehr bei Bewusstsein ist. Aber ich finde es falsch, wenn Palliativmediziner auf solche Lösungen pochen«, sagt Kaiser, die selbst als Hausärztin arbeitet.

Vier Monate nach Barbaras Tod hat der Bundestag ein neues Sterbehilfegesetz beschlossen. Am 10. Dezember ist es in Kraft getreten. Einmalige Hilfe beim Suizid ist demnach nicht verboten. Strafbar macht sich aber jeder, der Sterbehilfe »geschäftsmäßig«, also häufiger betreibt. Das gilt auch dann, wenn kein materieller Gewinn erzielt wird. »Nach dem neuen Gesetz hätte niemand meiner Schwester helfen können. Sie wäre am Tumor verreckt«, sagt Kaiser.

»Sie wäre am Tumor verreckt«

Das bestätigt Erika Preisig. Die Ärztin hat in der Schweiz den Sterbehilfeverein »lifecircle« gegründet und Kaisers Schwester in den Tod begleitet. »Die Schweizer Sterbehilfeorganisationen gehen davon aus, dass die deutsche Regierung ein Exempel statuieren möchte. Deshalb führen wir keine Gespräche mehr mit deutschen Patienten. Wir schreiben keine Mails und telefonieren auch nicht«, erklärt Preisig. Für jeden Kontakt mit einer Organisation müssten die Patienten nun in die Schweiz fahren. »Es ist kompliziert, bis man alle Unterlagen zusammenhat. Da sind oft mehrere Kontakte notwendig. Dazu kommt, dass kranke Menschen oft nicht ohne Weiteres reisen können«, berichtet Preisig.

Für sie als Ärztin sei es schwierig, Vertrauen zu Menschen aufzubauen, wenn sie mit ihnen nicht häufiger kommunizieren könne. Preisig kritisiert deshalb die Entscheidung des Bundestags: »Schwer kranken Menschen ist eine wichtige Möglichkeit genommen worden, ihr Leiden zu beenden.«

Eva Kaiser hat jahrelang darüber nachgedacht, ob diese Möglichkeit der richtige Weg ist. »Ich bin Ärztin. Ich habe einen Beruf gewählt, bei dem ich den Menschen helfe zu leben. Und ich bin gläubig.«

Sie habe sich gefragt: »Greife ich Gott in sein Handwerk?« Doch sie kam zu dem Schluss, dass sie das auch tut, wenn die Menschen älter werden, als die Natur es für sie vorgesehen habe. »Ausschlaggebend für mein Handeln ist der Wunsch, den meine Patienten äußern. Aber ich muss mir sicher sein, dass er wohlreflektiert und nachvollziehbar ist.« Durch die Auseinandersetzung mit der Freitodbegleitung ihrer Schwester ist sie an diesen Punkt gelangt. Heute kann sie sich vorstellen, eines Tages selbst eine Begleitung zu machen.

»Wenn man das Thema nun in eine Tabuzone zieht, läuft es genau falsch«, sagt Kaiser und ergänzt: »Ich glaube, wir brauchen Sterbehilfeorganisationen.« Diese könnten für eine gewisse Professionalität sorgen. Auch Erika Preisig sagt: »Organisationen können am besten überwacht werden. So kann ein Land sichergehen, dass es bei der Sterbehilfe nicht um Bereicherung geht.«

Eine solche Regelung der Sterbehilfe führe auch nicht dazu, dass sich immer mehr Menschen für den Tod entscheiden: »Das Grundbedürfnis des Menschen ist es zu leben - und das so lange wie möglich«, sagt Preisig.

»Das Wissen um die letzte Möglichkeit hält den Menschen am Leben«, glaubt die deutsche Ärztin: »Meine Schwester konnte besser leben, weil sie wusste, dass es die Hintertür gibt.«

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

 

 

Christiane Meister

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2016_04_09_01.htm
abgerufen 08.12.2016 - 06:53 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2016, ImpressumDatenschutzWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB

»Weihnachtswunschkiste 2016 - Bestellschein (PDF - 4,12 MB)

Werden Sie Hoffnungsträger - und spenden Sie ein Patenschafts-Abo für Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Jetzt mitmachen!

»Der Weihnachtsstern«: Jetzt das neue THEMA-Magazin bestellen!

»Die Personen der Bibel«: der beliebte Glaubenskurs aus dem Sonntagsblatt jetzt als Buch für nur 19,90 Euro. Gleich bestellen!

»Evangelische Augenblicke« - der neue Glaubenskurs im Sonntagsblatt. Jetzt bestellen!