Home Artikel-ID: 2016_04_18_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service
Leserreisen
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 24.05.2016
Aktuelle Ausgabe: 21 vom 22.05.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 04/2016 vom 24.01.2016
Alle Artikel der » Ausgabe 04/2016 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Träumer und Karrierist

Personen der Bibel (55): Josef und seine Brüder - eine Geschichte um Geld, Macht und Sex


Josefs Lebensgeschichte bietet Stoff für Weltliteratur: Der verträumte 17-Jährige wird von seinen eifersüchtigen Brüdern verkauft. In der Fremde verhält er sich klug und macht Karriere - und tritt seinen Brüdern schließlich selbstbewusst und vergebensbereit wieder entgegen. In der Josefsgeschichte geht es um Vaterliebe und Geschwisterkonkurrenz, um Träume, Trauer und Todesangst, um Geld, Macht und Sex.

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez: Josefs blutiges Gewand wird zu Jakob gebracht (1. Mose 37, 31 f.), 1630.
Foto: PD
   Diego Rodríguez de Silva y Velázquez: Josefs blutiges Gewand wird zu Jakob gebracht (1. Mose 37, 31 f.), 1630.

        

Manchmal verbauen sich die Hochgelehrten den Blick auf die unmittelbare Schönheit einer Geschichte. Die »Josefsnovelle« ( 1. Buch Mose, Kapitel 37 bis 50) habe die literarisch geschickt geschaffene Funktion eines »Brückentexts«, meint etwa der Alttestamentler Konrad Schmid.

Damit würde eine unterhaltsame und nachvollziehbare Verbindung zwischen den großen »Ursprungserzählungen« Israels geschaffen, von den Erzelterngeschichten in der Nachfolge Abrahams hin zur Erzählung des Auszugs aus Ägypten (»Exodus«).

Da mag ja was dran sein. Doch ist die Josefserzählung völlig unabhängig von ihrer literarischen oder theologischen Bedeutung eine hinreißende Geschichte, die die Herzen bewegt, als lägen keine 4000 Jahre zwischen damals und heute.

Die Brüder hassten Papas Liebling

Da geht es zum Beispiel um den Neid zwischen Geschwistern. Eltern vieler Kinder, zumal in Patchworkfamilien, können ein Lied davon singen. Josef selbst konnte eigentlich gar nichts dafür, dass sein Vater Jakob ihn »lieber hatte als alle seine (elf) Brüder« ( 1. Mose 37, 4). Die aber hassten Papas Liebling dafür. Mit ziemlich egozentrischen Träumen fachte Josef ihren Neid noch an: Dass sich das ganze Universum vor ihm verneigte, träumte er zum Beispiel. »Seht, der Träumer kommt daher!«, verhöhnten die Brüder ihn. Aufgebracht schmiedeten sie einen bösen Plan. Erst wollten sie ihn umbringen; dann aber warfen sie ihn »nur« lebendig in eine Grube. Als eine ägyptische Karawane vorbeikam, verkauften sie ihn für 20 Silberstücke. Für Vater Jakob ersannen sie eine fiese Geschichte. Sie tränkten ein Kleidungsstück von Josef in Tierblut und sagten dem Vater, Josef sei von wilden Tieren zerfetzt worden. »Lange Zeit« trug Jakob Trauer um seinen Lieblingssohn.

Der erlebte im fernen Ägypten vieles. Die Karawane hatte ihn an Potifar, den Kämmerer des Pharao, weiterverkauft. Dort arbeitete er so überzeugend, dass er bald zum Hausverwalter aufstieg. Zudem war er »schön an Gestalt und hübsch von Angesicht«. ( 1. Mose 39, 6) Als die Frau des Potifar ihn zu einem Schäferstündchen drängte, weigerte er sich mannhaft. Was die Zurückgewiesene wiederum so ärgerte, dass sie ihn der Nötigung bezichtigte und Josef ins Gefängnis geworfen wurde.

Doch auch dieses Pech nutzte Josef als Chance. Er deutete Träume - zunächst die von Mitgefangenen, dann auch die des Pharao: Auf sieben reiche würden sieben magere Jahre folgen, erklärte Josef so überzeugend, dass der Pharao Josef aus der Haft entließ und ihn zum obersten Minister seines Landes machte. Auch diesen Job füllte Josef perfekt aus. Durch gutes Lagermanagement sorgte er dafür, dass die Bevölkerung auch während schlechter Erntejahre genug zu essen hatte.

Das Wiedersehen war herzlich

Der Hunger trieb auch die Brüder Josefs nach Ägypten. Eines Tages standen sie vor Josef, den sie nicht erkannten, und fragten nach Getreide. Josef wusste, wen er vor sich hatte; durch mehrere Tricks trieb er sie in peinvolle Situationen, bis er sich schließlich zu erkennen gab. Gleichzeitig nahm er ihnen das schlechte Gewissen: Gott habe seinen Plan gehabt, sie seien quasi nur Ausführende gewesen, beruhigte er sie, und schickte sie los, den Vater Jakob nach Ägypten zu holen. Das Wiedersehen war herzlich: Josef »fiel ihm um den Hals und weinte lange« vor Freude. Jakob hatte einen großen Treck an Menschen mitgebracht, seine gesamte Nachkommenschaft. Sie siedelten nun in Ägypten und wurden die erste Generation der »Hebräer«, die dann vom folgenden Pharao als Sklaven missbraucht wurden und später unter ihrem Führer Mose das Land verließen ( 2. Mose 1-15).

Die Geschichte Josefs endet wie eine richtiger Familienroman. Jakob lebte 17 Jahre in Ägypten; kurz vor dem Tod des Vaters versprach Josef ihm, ihn daheim in Kanaan zu bestatten.

Die Zeit des Abschieds nahte. Geschwächt machte Jakob »sich stark und setzte sich auf im Bett« und rief Josef mit dessen beiden Söhnen Efraim und Manasse zu sich, »bringe sie her zu mir, dass ich sie segne.« ( 1. Mose 48, 9)

Jakob küsste seine Enkel und segnete sie. Eigentlich ein ehrenvoller Akt. Hier jedoch geschah etwas Ungewöhnliches. Jakob überkreuzte seine Hände und segnete den Jüngeren - und nicht den Erstgeborenen - mit der rechten Hand. Damit brachte er die Segensfolge durcheinander. Josef war verwirrt. Als er »sah, dass sein Vater die rechte Hand auf Ephraims Haupt legte, missfiel es ihm, und er fasste seines Vaters Hand, dass er sie von Ephraims Haupt auf Manasses Haupt wendete, und sprach zu ihm: Nicht so, mein Vater, dieser ist der Erstgeborene; lege deine rechte Hand auf sein Haupt.«

Jakob weigerte sich und erklärt, dass dies kein Zeichen von Altersverwirrung sei, sondern ein bewusster Akt. »Ich weiß wohl, mein Sohn, ich weiß wohl«, sagt er zu Josef, »dieser soll auch ein Volk werden und wird groß sein, aber sein jüngerer Bruder wird größer als er werden, und sein Geschlecht wird eine Menge von Völkern werden.« Der großväterliche Segen bringt Unruhe in die Familie. Ob Josef innerlich grollte oder darauf vertraute, dass Jakob schon wisse, was er tut?

Ein spätes Happy End

Danach rief Jakob seine zwölf Söhne zu sich und segnete jeden einzelnen mit sehr individuellen väterlichen Worten. Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar, Sebulon, Benjamin, Dan, Naftali, Gad, Asser und Josef ( 1. Mose 49). Wenig später schloss er seine Augen für immer und wurde unter großer Anteilnahme in Mamre, in der Nähe Abrahams und Isaaks, beigesetzt.

Josef und seine Brüder lebten noch lange friedlich in Ägypten. »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen«, versicherte er ihnen nochmals, »so fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.« ( 1. Mose 50, 20 f.)

Im Alter von 110 Jahren stirbt auch Josef und wird in Ägypten beigesetzt.

In das Gedächtnis Israels und der Bibel geht Josef als gottesfürchtiger, vorbildhafter Mann ein. Einen Nachhall findet seine Geschichte im Buch der Weisheit ( 10, 13): »Die Weisheit ließ den Gerechten nicht im Stich, als er verkauft wurde, sondern behütete ihn vor der Sünde; sie stieg mit ihm hinab in die Grube und verließ ihn nicht, als er in Fesseln lag, bis sie ihm das Zepter des Königreichs brachte und Macht über die, die ihm Gewalt angetan hatten; sie erwies die als Lügner, die ihn geschmäht hatten, und gab ihm ewigen Ruhm.« Ein spätes Happy End und eine Ehre, die Josef zu einer der großen Gestalten der biblischen Urgeschichten macht.

JOSEF

  NAME: hebr.: Gott möge hinzufügen ( 1. Mose 30, 24)

  HERKUNFT: Eltern: Jakob, der Sohn Isaaks, und Rahel

  ZEIT: zwischen 2000 und 1400 v. Chr.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  1. Mose 30, 22-24;  37-50

  WIRKUNGSGESCHICHTE: »Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung, nur erscheint sie zu kurz, und man fühlt sich berufen, sie ins Einzelne auszumalen.« Diese Bemerkung Johann Wolfgang von Goethes machte sich der Schriftsteller Thomas Mann zu eigen und schrieb von 1933 bis 1943 einen vierbändigen Roman über »Josef und seine Brüder«. Es wurde sein Hauptwerk und zählt heute zur Weltliteratur.

  ZITAT: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.« ( 1. Mose 50, 20)

  BUCHTIPP: An Vaters Rockzipfel: Margot Käßmann und Kitty Kahane erzählen eine Geschichte von Josef und seinen Brüdern, Frankfurt am Main (edition chrismon) 2011.

THEOLOGISCHES STICHWORT

DIE ZWÖLF STÄMME ISRAELS: Das Volk Israel setzte sich der Bibel zufolge aus zwölf Stammesverbänden zusammen, die in einem losen Verband nach dem Auszug aus Ägypten in das Land Kanaan zogen - ob friedlich oder kämpferisch, ist nicht geklärt. Die Namen der Stämme gehen auf die Söhne Jakobs zurück; ihre Eigenschaften und ihre Schicksale werden teilweise im Jakobsegen beschrieben.

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

 

 

Uwe Birnstein

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2016_04_18_01.htm
abgerufen 24.05.2016 - 11:50 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2016, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB

Anzeigen

»Die Personen der Bibel«: der beliebte Glaubenskurs aus dem Sonntagsblatt jetzt als Buch für nur 19,90 Euro. Gleich bestellen!

Werden Sie Hoffnungsträger - und spenden Sie ein Patenschafts-Abo für Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Jetzt mitmachen!