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Dieser Artikel: Ausgabe 04/2016 vom 24.01.2016
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Ein Zentrum des jüdischen Buchdrucks

Aber auch in Wilhermsdorf ist die jüdische Ortsgeschichte weitgehend vergessen


Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar erinnert an die jüdische Vergangenheit in Deutschland. Auch auf dem fränkischen Land gab es zahlreiche jüdische Gemeinden - wie etwa in Wilhermsdorf, wo die Juden teilweise ein Fünftel der Bevölkerung ausmachten. Doch das Wissen vor Ort ist oft dürftig.

Die alte Synagoge kennen heute nur noch wenige Wilhermsdorfer.
Foto: Wraneschitz
   Die alte Synagoge kennen heute nur noch wenige Wilhermsdorfer.

        

»Wilhermsdorf ist international bekannt für den jüdischen Buchdruck.« Keine Sekunde zögert Maike Strobel auf die Frage, welchen Wert die Marktgemeinde für Europas Judentum hat. Strobel arbeitet in der Hebraica- und Judaica-Abteilung der Frankfurter Universitätsbibliothek. Einige der Bücher aus dem 18. Jahrhundert sind sehr wertvoll. Doch dass ihr Wohnort in der jüdischen Buchdruckkunst eine wichtige Rolle gespielt hat, das wissen nicht viele Wilhermsdorfer.

Auch Robert Hollenbacher (73) hat erst in den letzten gut zehn Jahren das Wissen angehäuft, das ihn heute zu einem ausgewiesenen Kenner der jüdischen Geschichte seines Heimatorts macht. Ehrenamtlich und kostenlos macht er beispielsweise Führungen am Jüdischen Friedhof.

Es gab Zeiten, da war jeder fünfte Wilhermsdorfer Bürger Jude. Die ersten Menschen dieses Glaubens dürften im 15. Jahrhundert aus Nürnberg gekommen sein - ob gezwungenermaßen oder freiwillig, weiß niemand. Auf einem Grabstein wurde die Jahreszahl 5212 jüdischer Zeitrechnung gefunden, was 1452 »nach Christus« bedeutet.

Das jüngste Grab auf dem Jüdischen Friedhof ist aus dem Jahr 1936.
Foto: Wraneschitz
   Das jüngste Grab auf dem Jüdischen Friedhof ist aus dem Jahr 1936.

        

Als letzter Jude wurde dort am 5. April 1936 der Viehhändler Naphtali Gottlieb begraben. Zu seiner Erinnerung wurde kein »Stein der Toten« mehr errichtet. Dennoch: Über 500 davon stehen auf dem 3950 Quadratmeter großen, von einer Backsteinmauer umgebenen Friedhof. Die etwa Ende des 19. Jahrhunderts aufgestellten Steine sind durchnummeriert bis zur Zahl 491, spätere tragen keine Nummern. Warum viele Steine keine Nummern tragen, das konnte der Hauptschullehrer im Ruhestand noch nicht herausfinden.

Auch wenn es der Name anders vermuten lässt: Hobbyforscher Hollenbacher hat keine jüdischen Wurzeln. Aber er ist neben dem »Judentor« aufgewachsen. Das war ein imposantes Gebäude mitten im Ort, das erst 1965 abgerissen wurde: »Die Erinnerung daran ist eigentlich erst im Ruhestand wieder aufgetaucht.« Quellenstudium betrieben hat er im Bayerischen Staatsarchiv und dem Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sein Urgroßvater für die Pläne und den Bau der Synagoge verantwortlich war.

Der rote Backsteinbau wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Er steht heute noch, hat aber viel von seinem Glanz verloren, und dazu noch seinen Turm, den alte Fotos am Südostgiebel zeigen. Weil das Gebäude nur aus dem Wiesengrund ganz zu sehen ist, kennen es nur noch die wenigsten Wilhermsdorfer.

Hollenbacher ist die Synagoge jedoch nicht egal: »Hätte ich ein paar Millionen, würde ich sie kaufen.« Denn heute ist das Haus teilweise bewohnt, die einst großen Fenster sind waagerecht unterteilt. Es wäre ein großer Aufwand, das einst sehr repräsentative Haus wieder zu einem Schmuckstück zu machen. In Ottensoos ist das im vergangenen Jahr gelungen (wir berichteten).

Eine Renovierung würde auch Johannes Geisenhof erfreuen. Der Professor ist Architekt und Denkmalschützer. 1998 hat er ein Buch zur Altorterneuerung von Wilhermsdorf veröffentlicht und darin die Synagoge für die Bayerische Denkmalschutzliste empfohlen, auf der bereits 38 Objekte aus dem Ort stehen. Inzwischen haben die Denkmalpfleger mit der Prüfung des Vorschlags begonnen.

Auf die Bücher aus dem Ort im Zenngrund sind heute noch viele Bibliotheken stolz. Etwa 170 hebräische Titel wurden ab 1669 in Wilhermsdorf gestaltet, redigiert und gedruckt. Auftraggeber war der damalige Regent der Marktgemeinde, Graf Wolfgang Julius von Hohenlohe und Gleichen: Er wollte die Umsätze seiner Papiermühle in Ernsbach an der Kocher steigern und setzte auf den Buchdruck seiner jüdischen Bevölkerung.

Aufschwung nahm das Handwerk 1712: Da übernahm Zebi Hirsch ben Chaim aus Fürth die Druckerei in einem Gartenhaus auf dem Schlosshof. Auf diesem Gelände befindet sich heute der Sitz eines Transportunternehmens. Die Bücher wurden auf den Messen in Frankfurt und Leipzig gezeigt, teilweise mit dem Schiff von Marktbreit aus transportiert, nach Polen, Mähren oder Lothringen verkauft.

Viel hat Robert Hollenbacher inzwischen zur Geschichte der Juden in seinem Heimatort zusammengetragen. Ein Buchprojekt darüber ist ihm »zu riskant« - aus finanziellen Gründen. Nun hofft der Hobbyforscher vor allem auf »Kontakt zu Nachkommen von Zeitzeugen«.

 

  Infos bei Robert Hollenbacher (roholle@t-online.de) oder im Internet unter  www.alemannia-judaica.de

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Heinz Wraneschitz

 


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abgerufen 26.05.2016 - 14:32 Uhr

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