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Dieser Artikel: Ausgabe 05/2016 vom 31.01.2016
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»Für viele bin ich nur der Rollstuhlfahrer«

Journalist und Musiker Haakon Nogge über Barrieren in den Köpfen Nichtbehinderter


Übertriebene Hilfsbereitschaft, unpassende Fragen und falsche Solidarität: Haakon Nogge hat während seiner 45-jährigen Rollstuhlkarriere schon einiges erlebt. Der Münchner setzt sich privat und im Netz gegen Barrieren in den Köpfen ein.

Journalist und Musiker Haakon Nogge.
Foto: Mayer
   Journalist und Musiker Haakon Nogge.

        

  Wir wollen ein Interview über den Umgang mit Behinderten führen. Ist es überhaupt okay, wenn ich Behinderter sage?

Nogge: Ich habe überhaupt kein Problem mit dem Wort Behinderung und dass ich ein Behinderter bin. Zu sagen, du bist kein Behinderter, sondern ein behinderter Mensch, finde ich vollkommen affig. Ich muss nicht betonen, dass ich ein Mensch bin und kein Tier oder irgendwas. Das sind alles Nebenkriegsschauplätze. Darum geht's nicht. Das ist nicht das Hauptproblem.

  Was ist dann das Problem?

Nogge: Ich werde gerne mal gefragt, ob ich mir wünschen würde, nicht im Rollstuhl zu sitzen. Ich finde das nachvollziehbar aus der Sicht eines durchschnittlichen Nichtbehinderten. Dass Menschen sich oft nicht vorstellen können, dass jemand wie ich ein glückliches Leben führen kann. Die Antwort ist für mich: Ich wünsche mir nicht, nicht im Rollstuhl zu sitzen. Sondern ich wünsche mir eine Welt, wo ich durch die Tatsache, dass ich im Rollstuhl sitze, keinen Nachteil habe und wie jeder andere behandelt werde.

  Was hast du schon alles erlebt mit Leuten im Umgang mit deiner Behinderung?

Nogge: Ein typisches Beispiel: Ich lerne jemanden auf einer Party kennen, und als eine der ersten Fragen kommt: »Kannst du eigentlich Sex haben?« Ich antworte dann gerne mit einem witzigen Spruch - bei Frauen etwa »Jetzt und hier? Du gehst aber ran!« und bei Männern »Du bist leider nicht mein Typ«, damit sie sich klar werden, was sie da gerade einen wildfremden Menschen gefragt haben. Oder, innerhalb der ersten zwei Minuten kommt die Frage: »Warum sitzt du überhaupt im Rollstuhl?« Natürlich ist der Rollstuhl augenfällig. Und es mag naheliegen, danach zu fragen. Aber ich finde es schade, wenn jemand sein Augenmerk so sehr auf den Rollstuhl richtet, anstatt zu fragen: Was machst du? Was hast du für einen Job? Welche Musik hörst du? Normaler Party-Smalltalk eben. Ich sehe den Menschen als Menschen und stelle fest, dass vielen Nichtbehinderten im Umgang mit mir das nicht gelingt. Die sehen den Rollstuhl und dann bin ich der Rollstuhlfahrer. Und dann gibt es bloß das Behindertenthema.

  Gibt es Fettnäpfchen, in die die Leute immer wieder tappen?

Nogge: Wieder ein Beispiel: Wenn ich einkaufen gehe, an der Kasse stehe und meine Einkäufe nach hinten in mein Netz packe, dann lassen gerade ältere Damen wahnsinnig gerne alles stehen und liegen und stopfen meine Einkäufe in meine Tasche. Ohne irgendetwas zu sagen. Die wollen natürlich nur helfen und meinen es nur gut. Aber man sollte zuerst immer erst Kontakt aufnehmen und fragen. Und wenn der Behinderte das Hilfsangebot dankend ablehnt, sollte man das akzeptieren.

  Wieso fällt vielen ein normaler Umgang mit Behinderten so schwer?

Nogge: Weil Behinderte nach wie vor nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und viele Nichtbehinderte im Alltag keinen Kontakt mit uns haben. Öfters habe ich auch schon erlebt - wieder beim Einkaufen -, dass ich vor einem Regal stehe und es kommt jemand auf mich zu und sagt: »Sie sind eine Inspiration. Sie machen das ganz toll. Ich finde das super.« Und dann frage ich zurück: »Was mache ich denn gerade? Ich schaue mir die Tomaten an.« Die finden das toll, weil sie offensichtlich noch nie einen Menschen im Rollstuhl beim Einkaufen gesehen haben und dachten, das können wir nicht. Weil sie Behinderten generell wenig zutrauen.

  Welche Sprüche von Nichtbehinderten kannst du nicht mehr hören?

Nogge: Den Spruch: Sind wir nicht alle ein bisschen behindert? Der ist zwar einerseits richtig, andererseits nivelliert er Beeinträchtigungen. Und es ist der Versuch von Nichtbehinderten, Solidarität zu zeigen. Diese Art von Solidarität ist aber ziemlich schräg, weil ein eingewachsener Zehennagel und eine schwere mehrfache Behinderung eben nicht das Gleiche sind.

UMGANG MIT BEHINDERUNG

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Interview: Nadja A. Mayer

 


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abgerufen 27.08.2016 - 04:52 Uhr

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