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Sonntagsblatt 05/ vom

ZEITZEICHEN


Dieser Tage habe ich in aller Ruhe die Weihnachtspost noch einmal durchgelesen. Schön, von Leuten etwas zu hören, die weit weg leben. Die ich nur selten sehe, aber seit meiner Jugend kenne.

Ein alter Freund schreibt, dass es ihm gut gehe. Das freut mich. Er hat schwere Jahre hinter sich. Manchmal habe ich ihn für seinen Lebensgeist bewundert. Er schreibt einen Satz, der mir seit Tagen durch den Kopf geht: »Es ist schwer, dem Segen Gottes auszuweichen.«

Wollte er das? Ausweichen? Oder erlebt er so viel Gutes - und könnte dem, selbst wenn er wollte, nicht ausweichen?

Alte Erinnerungen steigen in mir hoch. Erinnerungen an die Jugendgruppe, in der wir beide waren. Was haben wir nicht alles gemeinsam erlebt. Es gab viel Lustiges, wir haben viel gelacht. Aber auch viel Schweres geteilt - Krankheit, Liebeskummer oder Trauer. Schade, dass wir heute so in Deutschland verstreut leben. Mancher Kontakt ist eingeschlafen, andere haben sich gehalten.

Andererseits: Wie wunderbar, dass wir das erleben durften: echte, tiefe Freundschaft, Solidarität. Dass wir einander infrage stellen und kritisieren konnten in dem Wissen, es geht nicht gegen die Person.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, wie reich mein Leben ist. Welch ein Segen es war, in schweren Zeiten Menschen zu haben, die mir zur Seite standen. Die für mich gebetet und mir geholfen haben. Manches, was ich bisher als »schwere Zeit« abgespeichert hatte, rückt mit der Sicht der Dankbarkeit in ein anderes Licht.

Ja, denke ich, es ist wirklich schwer, dem Segen Gottes auszuweichen.

kil