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Sonntagsblatt 05/ vom

Den Alltag lebenswerter machen

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Wie man »Erinnerungen schafft« und dadurch glücklicher wird. Ein kleines bisschen.

Ich finde diese Wintertage sehr bedrückend. Ich habe lange unter Depressionen gelitten, war deshalb auch in Behandlung, nehme Medikamente. Damit habe ich mein Leben einigermaßen im Griff.

Ich stehe früh auf und erledige, was ich mir vorgenommen habe. Meine Ärztin hat mir geraten, mir eine Liste zu schreiben und alles nacheinander abzuhaken und mir zu sagen: Jeder kleine Haken ist ein Erfolg. Das klappt schon - aber ich habe das Gefühl, dass es nichts gibt außer Alltag und dass die Freude und der Genuss viel zu kurz kommen.

Am liebsten hätte ich ein Programm, wie ich mich wieder freuen kann ...

Herr N.

 

Ich habe mal irgendwo eine To-do-Liste des Country-Sängers Johnny Cash gesehen. Da stand unter all den anderen mehr oder weniger alltäglichen Verrichtungen als Punkt 2: »Kiss June …«

Ich glaube nicht, dass Johnny Cash ohne diese Liste vergessen hätte, seine Frau June zu küssen - aber es aufzuschreiben hat womöglich geholfen, dieses Schöne und Freudige unter die ganz normalen Alltagsdinge mit hineinzunehmen, um sich daran zu erinnern, dass Alltag viel mehr ist als Mülltüten und Kartoffelbrei.

Das könnten Sie sich vielleicht von Johnny Cash abschauen: immer wieder etwas Schönes auf Ihre alltägliche Liste mit Erledigungen zu schmuggeln und das dann genauso gewissenhaft »abzuarbeiten«, wie Sie alles andere erledigen. Und sich dann doppelt oder sogar dreifach freuen: daran, dass es auf der Liste steht (Vorfreude), dass Sie sich dafür Zeit nehmen (Freude im ganz konkreten Moment) und dass Sie es wirklich gemacht haben (Nachklang der Freude).

Neuseeländische Psychologen haben mal eine Genussliste erstellt, eine Liste mit zehn Strategien, wie es gelingen kann, schöne Erlebnisse bewusster zu machen und innerlich festzuhalten. Ein wichtiger Punkt auf dieser Genussliste heißt: »Erinnerungen schaffen«.

Viele tun das mittlerweile bewusst oder unbewusst, indem sie immer wieder Schnappschüsse mit dem Handy machen. Wichtiger ist es aber, nicht nur mit dem Handy, sondern mit den Augen und mit der ganz eigenen Aufmerksamkeit Bilder festzuhalten, die einen erinnern können an schöne Momente. Halten Sie bewusst inne, wenn Sie etwas Schönes erleben, schließen Sie die Augen und machen Sie eine mentale Momentaufnahme des Geschehens.

Und dann ist da natürlich der kleine Stein vom Strandspaziergang, die Tüte, in die eine Verkäuferin etwas besonders schön für Sie verpackt hat, die kleine Vogelfeder, die plötzlich vor Ihren Füßen auf dem Weg lag und die so wunderbar schillert oder der Moment unmittelbar vor Beginn eines Konzerts, wenn die Musiker ihre Instrumente stimmen und alle Töne verheißungsvoll im Raum schweben …

Speichern Sie Wertvolles ganz bewusst - Umgebung, Details, Farben, Töne, Gerüche -, und lassen Sie all das später wieder Revue passieren. Das verstärkt das momentane Erleben, und es schafft eine stabile Grundlage fürs Erinnern und Wiedereintauchen in solche Momente - auch an kalten, grauen Wintertagen.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Breite Gasse 82/84, 90402 Nürnberg - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Meringer Str. 38c, 86163 Augsburg.

Waldemar Pisarski

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Barbara Hauck