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Dieser Artikel: Ausgabe 05/2016 vom 31.01.2016
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Wo, bitte, geht's zum Paradies?

Seit über 2000 Jahren suchen und kartografieren die Menschen den Himmel auf Erden


Was ist das Paradies? Und wo ist das Paradies? Der Kulturwissenschaftler Alessandro Scafi (London) hat sich auf die Fährte einer uralten Menschheitsvision begeben.

Die Ebstorfer Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert ist nach Osten ausgerichtet. Oben liegt also nicht der Nordpol, sondern Indien - und das Haupt Christi. Dort ist auch das Paradies eingezeichnet.
Foto: © Koster Ebstorf
   Die Ebstorfer Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert ist nach Osten ausgerichtet. Oben liegt also nicht der Nordpol, sondern Indien - und das Haupt Christi. Dort ist auch das Paradies eingezeichnet.

        

Die Spuren des Wortes »Paradies« führen zurück bis ins 2. Jahrtausend vor Christus: Bei den Medern, einem ungefähr im heutigen Nordiran ansässigen Volk, sprach man vom »pari-daiza«, wenn man einen eingefriedeten Bereich meinte. Über die Perser und Juden gelangte der Begriff ins Altgriechische, nunmehr im Sinne eines schönen Gartens.

Der ägyptische König Ptolemaios II. brachte das »parádeisos« erstmals mit der Idee göttlicher Vollkommenheit zusammen, weshalb die unter ihm angefertigte griechische Bibelübersetzung (»Septuaginta«) aus dem »Garten Eden« im ersten Buch Mose das »parádeisos en Edem« machte. Im Neuen Testament ist das P-Wort dann schon ein Synonym für das Himmelreich Gottes geworden. Eine folgenreiche Begriffswandlung: »Die Idee von einem wunderbaren Paradies, das den Frommen erwartet, setzte sich fest«, schreibt Scafi. Gemeint war nun der in Genesis erwähnte Gottesgarten. Man begann ihn zu kartografieren.

Heilsgeschichte statt Realität

Wir mögen uns über diese eigenwillige Vermengung von Theologie und Wissenschaft heute wundern - im Mittelalter war das aber keine Besonderheit. Kartenwerke bildeten keine empirisch untermauerte Realität ab, sondern waren ein Abbild der göttlichen Heilsgeschichte. Jerusalem befand sich in solchen Karten selbstredend in der Mitte, Größen- und Entfernungsrelationen spielten keine Rolle. Da konnten die drei Nachbarstädte des Klosters, in dem eine Karte entstand, problemlos größer und wichtiger daherkommen als alle Handelszentren des Fernen Ostens. Von dem wusste man ja sowieso nichts Genaues.

Auf solchen Kartenprojektionen war schon seit dem 8. Jahrhundert Platz für das Paradies. Auf der »Ebstorfer Weltkarte« und der Weltkarte von Hereford, den beiden berühmtesten Weltkarten des Mittelalters, liegt es jenseits von Indien. Das Paradies ist Ausgangspunkt einer linearen, auf Christus bezogenen Menschheitsgeschichte, die inzwischen, im 14. Jahrhundert, ganz im europäischen Westen angelangt war. Der Himmel auf Erden - aber trotzdem, irgendwie, nicht erreichbar.

Seefahrer und Reformatoren warfen das mittelalterliche Paradies-Konzept über den Haufen. Kolumbus & Co. benötigten exakte Kartenwerke, die nachprüfbaren Koordinaten folgten. Das Paradies verschwand aus den Karten. Martin Luther lieferte die theologische Unterfütterung: Den Garten Eden habe es zwar gegeben, durch die Sintflut sei er aber zerstört worden. Ein Holzschnitt in Luthers Wittenberger Bibelausgabe von 1534 zeigt das Paradies-Geschehen getreu den Formulierungen im Alten Testament. Diese gute, alte Zeit aber sei, bedingt durch die menschliche Sünde, endgültig vorbei: »Das Paradies wurde verflucht, überflutet und ausgelöscht«, fasst Scafi Luthers Erklärung zusammen.

Der Genfer Reformator Johannes Calvin sah das ganz anders. In seinem Genesis-Kommentar von 1553 taucht das Paradies wieder als realer Ort auf - und zwar in Mesopotamien, an einem von Calvin gedachten Zusammenfluss von Euphrat und Tigris, die sich aber weiter südlich wieder trennen.

Seine Überlegungen führten zu einer Neubelebung der Paradies-Geografie. Aus dem fiktiven Ort, irgendwo im Fernen Osten, wurde eine Flusslandschaft im Umfeld des Persischen Golfs. Der katholische Bischof von Avranches publizierte 1694 eine »Karte von der geografischen Lage des irdischen Paradieses«, und noch 1782 erschien in London eine »Neue Karte vom Garten und vom Land Eden«.

Im 19. Jahrhundert bekam die Suche nach dem Paradies neue Impulse. Das Interesse der Theologen schwand, doch dafür sprangen die Archäologen in die Bresche. Der Engländer Austen Henry Layard brachte 1849 Palastreliefs von Nimrud (heute Irak) mit dem »Baum des Lebens« aus dem Buch Genesis in Verbindung. Ein anderer Engländer suchte den biblischen Garten Eden in der Nähe der Stadt Eridu (ebenfalls heute Irak). Die neuesten Eden-Theorien stammen aus dem Jahr 2002.

In eine ganz andere Richtung hatte übrigens schon im 16. Jahrhundert der englische Philosoph Thomas Morus gedacht. Er skizzierte in einem Büchlein eine ideale menschliche Gesellschaft, die irgendwo existiert und nirgendwo einen Ort hat. Gemeint ist das Paradies, benannt hat Morus seinen Fantasie-Ort mit einem Begriff, der längst in unsere Alltagssprache eingesickert ist: »Utopia«.

Alessandro Scafi: Die Vermessung des Paradieses. Eine Kartographie des Himmels auf Erden (Bildband). Philipp von Zabern Verlag, Darmstadt 2015, 176 Seiten, ISBN 978-3-8053-4917-8, 39,95 Euro.

 

  BUCHTIPP: Alessandro Scafi: Die Vermessung des Paradieses. Eine Kartographie des Himmels auf Erden (Bildband). Philipp von Zabern Verlag, Darmstadt 2015, 176 Seiten, ISBN 978-3-8053-4917-8, 39,95 Euro.

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Thomas Greif

 


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abgerufen 31.07.2016 - 05:29 Uhr

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