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Sonntagsblatt 05/ vom

Mit Ironie gegen die Hetze

Wie Politiker auf Hasskommentare bei Facebook reagieren


Sie werden beschimpft, beleidigt und bedroht: Politiker bekommen auf Facebook immer mehr Hasskommentare. Sie gehen damit unterschiedlich um: Manche reagieren mit Ironie, andere schimpfen zurück. Ein Patentrezept gebe es nicht, sagen Experten.

Ironie oder zurückschimpfen? Politiker in den sozialen Medien.
Foto: pa
   Ironie oder zurückschimpfen? Politiker in den sozialen Medien.

        

Renate Künast setzte einfach mal auf Ironie. »Sie wollen mir einen Hass-Kommentar schicken? Sich mal so richtig auskotzen?«, schrieb sie Mitte Januar auf ihrer Facebook-Seite. »Dann gebe ich Ihnen hier ein paar Hinweise, die Ihnen das Schreiben und mir das Lesen erleichtern.« Zu verschiedenen Aspekten sammelte die Grünen-Bundestagsabgeordnete in ihrem »Hass-Tool« Tipps. »Sparen Sie nicht an Ausrufezeichen«, riet sie zum Beispiel augenzwinkernd. Und zum Inhalt: »Hauen Sie einen raus. Seien Sie kreativ.«

Sie habe viel Freude an der Aktion gehabt, sagt Künast im Rückblick. Sie habe viele positive Rückmeldungen auf ihr »Hass-Tool« bekommen. »Es hat sich gelohnt, das verbale Florett zu nutzen.« Auf das Niveau der Menschen, die ihr Hasskommentare senden, wolle sie sich nicht begeben: »In der Kneipe werden Sie rausgeschmissen, wenn Sie solche Beleidigungen äußern. Ich halte mich an diese analogen Kriterien.«

Künast ist eine Ausnahme: Kreativ und ironisch gehen bislang nur sehr wenige Politiker mit dem Hass im Netz um. Zwar habe es schon immer Hetze in politischen Debatten gegeben, aber das Problem sei in den vergangenen Monaten größer geworden, sagen Experten. »Immer mehr Menschen schreiben Hasskommentare«, hat der Blogger und Politikberater Martin Fuchs beobachtet. »Hinzu kommt, dass auch immer mehr Hassbotschaften von Bots kommen, also von Computerprogrammen, die diese Botschaften automatisch posten.«

Im Fadenkreuz stehen vor allem Politiker, die sich für Flüchtlinge einsetzen. »Die meisten Hasskommentare kommen eindeutig von rechten politischen Aktivisten«, erläutert Caja Thimm, Medienwissenschaftlerin an der Universität Bonn. Hintergrund sei die »Pegida«-Bewegung, deren Anhänger sich über soziale Medien vernetzt hätten. Wenn ein Unterstützer Hass poste, könne er sich darauf verlassen, dass ihm andere aus der Szene beipflichten: »Menschen, die sich vielleicht noch sorgen, ob sie so einfach Hass posten können, bekommen dadurch emotionale Unterstützung. Es gibt ein eigenes Netzwerk für rechtspopulistisches Gedankengut.«

Auch weil die Programme von Facebook & Co. dafür sorgen, dass die Nutzer vor allem mit sie bestärkenden Inhalten in Kontakt kommen, sind in der »Filterblase« viele Hemmungen gefallen. »Der geballte Hass gegen Flüchtlinge ist eine neue Dimension der Hetze im Internet: Alle Dämme scheinen gebrochen«, sagt Thimm.

Die betroffenen Politiker gehen damit ganz unterschiedlich um. Bei besonders schlimmen Fällen stellen einige Strafanzeige. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt wies vergangenen September auf die Hetze hin, sie las Hasskommentare in einem Onlinevideo vor.

Einen anderen Weg ging kürzlich CDU-Generalsekretär Peter Tauber: Er schimpfte zurück. »Sie sind ein Arschloch«, schrieb er einem pöbelnden Nutzer Anfang Januar auf seiner Facebook-Seite, ergänzt mit einem Smiley. Damit stieß er auf große Resonanz. Tauber moderiere die Kommentare seit Jahren sehr sachlich, sagt Berater Fuchs. Die »Arschloch«-Antwort sei ein »Weckruf« gewesen: »Ich finde gut, dass er damit eine Debatte über Hass im Netz ausgelöst hat.« Prinzipiell sollten Politiker auf Dauer aber verbal abrüsten, empfiehlt Berater Fuchs. Sonst machten sie sich nur angreifbar.

Netiquette mit klaren Regeln

Ein Patentrezept, wie Politiker oder andere Facebooknutzer mit vielen Abonnenten mit Hasskommentaren umgehen können, gebe es nicht, sagt Forscherin Thimm. Martin Fuchs betont, es sei wichtig, eine Netiquette mit klaren Regeln für die Debatte auf der jeweiligen Seite zu formulieren. Außerdem sei es unerlässlich, die Kommentare zu moderieren.

Denn schließlich ist es in den sozialen Netzwerken einfach wie nie zuvor, mit Hass Aufmerksamkeit zu erzielen. »Man kann sich nachts um zwei Uhr nach mehreren Dosen Bier mal eben verbal erleichtern«, beklagt Künast. »Dafür braucht man noch nicht einmal eine Briefmarke. Früher war der Weg zum Briefkasten eine Hemmschwelle - diese gibt es jetzt leider nicht mehr.«

 

 

Matthias Klein