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Sonntagsblatt 05/ vom

Zeitreise ins Grauen

Zwei moderne Installationen erinnern an das einstige KZ-Außenlager Hersbruck


Das einstige KZ-Außenlager in Hersbruck ist ab sofort als Erinnerungsort erfahrbar. Die neuen multimedialen Dokumentationsorte in Hersbruck und Happurg wurden von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg erarbeitet.

Ein Bohrhammer ist das einzige Exponat an der Happurger Aussichtsplattform (mit Jörg Skriebeleit von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten).
Foto: Sauerbeck
   Ein Bohrhammer ist das einzige Exponat an der Happurger Aussichtsplattform (mit Jörg Skriebeleit von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten).

        

In Hersbruck befand sich von Juli 1944 bis April 1945 das zweitgrößte Außenlager des KZ Flossenbürg. Rund 9000 Häftlinge aus ganz Europa mussten von hier aus im benachbarten Happurg eine unterirdische Stollenanlage bauen, in die später die BMW-Flugzeugmotorenfabrik in Allach einziehen hätte sollen. Ungefähr 4000 von ihnen starben.

Die beiden Dokumentationsorte sind als museale Installationen konzipiert, die aufeinander ausgerichtet sind. »Damit erinnern wir daran, dass die Häftlinge zusätzlich zu ihrer Arbeit im Doggerstollen täglich zu Fuß zwischen beiden Orten hin- und herlaufen mussten«, sagte Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten bei der Vorstellung.

Weil der Doggerstollen aus Sicherheitsgründen nicht begehbar ist, wurde die Präsentation in Happurg auf einer gut zugänglichen Aussichtsplattform unterhalb des Stollens errichtet. Dort informieren künftig verschiedene Stelen und eine große Informationswand samt Karte über die Lagergeschichte. Jede Stele ist einem Ort gewidmet, der mit dem Lager in Beziehung stand, darunter Pommelsbrunn oder Hubmersberg. - Exemplarisch wird in einer Vitrine ein einziges Exponat gezeigt, nämlich ein Bohrhammer.

In Hersbruck steht ein multimediales Panoramabild im Mittelpunkt.
Foto: Sauerbeck
   In Hersbruck steht ein multimediales Panoramabild im Mittelpunkt.

        

Bei der textlichen Bestückung der Stelen haben die Verantwortlichen einen schon vergessenen Quellenschatz gehoben: In den 1970er-Jahren hatte ein US-amerikanischer Forscher in Hersbruck und Happurg Zeitzeugenbefragungen durchgeführt, die heute im Archiv der Universität Brooklyn liegen. So findet sich etwa die Aussage eines Hubmersberger Gastwirts über die Massenverbrennungen von Häftlingsleichen in dem Dorf: »Und mit dem Rauch dieses furchtbaren Feuers verbreiteten sich die Gerüchte.«

In Happurg habe es durchaus Vorbehalte gegen das Mahnmal gegeben, sagte Bürgermeister Bernd Bogner. Diese hätten sich aber durch ausführliche Einbeziehung der Bevölkerung ausräumen lassen.

In Hersbruck befindet sich die Installation auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers, dessen Dimensionen wegen der modernen Überbauung kaum noch erfahrbar sind. Zwischen Finanzamt, Therme und Tennisplätzen verlieren sich zwar einige Informationstafeln, die aber nur sehr unzureichende Eindrücke ermöglichen.

In dem neu errichteten containerartigen schwarzen Kubus ist auf einer Leinwand ein sehr langsam schwenkendes 360-Grad-Panoramafoto des Hersbrucker Umlands zu sehen. Von Zeit zu Zeit öffnen sich auf dem Foto Info-Fenster zur NS-Geschichte der gezeigten Orte - etwa die Impression eines Schilds am Hersbrucker Ortseingang, das Juden deren Unerwünschtheit ins Gesicht sagte.

Unterhalb der Leinwand befindet sich ein Medientisch, an dem die Namen aller 9000 bekannten KZ-Häftlinge aus der Tiefe an die Oberfläche wandern. Etwa 90 von ihnen sind in weißer Farbe geschrieben und auf Abruf durch die Besucher mit weiteren Hintergrundinformationen wie Fotos oder Kurzbiografien unterlegt. Die alleinige Fokussierung auf die Opfer sei bewusst gewählt, betonte Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg: »Die Täter kommen hier nicht vor.«

Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, unterstrich die Bedeutung von dezentralen Informationsstandorten wie in Hersbruck und Happurg: »Sie bieten eine Riesenchance, das Wissen über diese Zeit an die nächste Generation zu vermitteln.«

 

  Der Dokumentationsort Happurg ist immer frei zugänglich, die Installation in Hersbruck ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. - Ab 31. Januar gibt es jeweils am 1. und 3. Sonntag im Monat um 14 Uhr öffentliche Führungen. Ein Begleitband zu beiden Dokumentationsorten soll im Herbst erscheinen.

 

 

Thomas Greif