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Dieser Artikel: Ausgabe 05/2016 vom 31.01.2016
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Großer Rummel um kleinen Buddha

Eine Figur auf einem Familiengrab steht im Widerspruch zur Helmbrechtser Friedhofsordnung


Im oberfränkischen Helmbrechts hat eine kleine Buddha-Statue große Aufmerksamkeit in den Medien erregt. Als Grabschmuck auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde ist sie unerwünscht.

Konsequent oder intolerant? Buddha-Figuren wie diese sind auf kirchlichen Friedhöfen nicht erwünscht.
Foto: pixabay / CC0
   Konsequent oder intolerant? Buddha-Figuren wie diese sind auf kirchlichen Friedhöfen nicht erwünscht.

        

»Jesus würde sich schämen für Sie, Herr Pfarrer.« Eine »Lachnummer« sei er, ein »Auslaufmodell«, ein »intoleranter Mensch«. Ausdrücke wie diese muss der Helmbrechtser Gemeindepfarrer Thomas Berthold seit Tagen über sich im Internet lesen. In Online-Kommentaren und in Facebook-Diskussionen steht der evangelische Theologe derzeit im Kreuzfeuer, weil eine Buddha-Figur von einem Grab auf dem kirchlichen Friedhof verschwinden soll.

Eigentlich ist die 9300 Einwohner zählende Stadt im Landkreis Hof ein durchaus lebensfroher Ort. Wegen seiner langen Tradition der Textilherstellung ist Helm­brechts stolz auf den Beinamen »Kleiderschrank der Welt« und ist Sitz des Oberfränkischen Textilmuseums, in dem die Besucher am »längsten Schal der Welt« mitweben können. Erst im Herbst hat eine örtliche Initiative Bäume, Zäune und andere Objekte mit bunter Wolle umstrickt und mit diesem »Urban Knitting« farbenfrohe Akzente im Stadtbild gesetzt.

So mutet der aktuelle Disput um die Buddha-Figur auf den ersten Blick recht kleinkariert an. Er dreht sich um eine etwa 25 Zentimeter große Darstellung des indischen Religionsstifters Siddharta Gautama als Buddha (wörtlich übersetzt: »der Erwachte«) in charakteristischer Sitzpose. Seit dem vorigen Sommer hat die Figur ihren Platz auf einem Familiengrab in Helmbrechts, übrigens vor einem Grabstein, in den ein doppelt so hohes Kreuz eingemeißelt ist.

Was profane Zeitgenossen als eher exotisch-meditative Dekoration bezeichnen würden, will Bernd Fickenscher, nach eigenen Worten selbst kein Kirchenmitglied mehr, nicht als religiöses Bekenntnis verstanden wissen. Er sehe es als ein Symbol der Ruhe und des Friedens auf dem elterlichen Grab, wie er in mehreren Interviews sagte. Und liegt jetzt dennoch im Zwist mit dem Friedhofsausschuss der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, für den der kleine Buddha einen Verstoß gegen die geltende Friedhofsordnung darstellt. Denn dort heißt es im Paragraf 25: »Insbesondere ist es verboten, an den Grabmälern etwas anzubringen, was im Widerspruch mit christlichen Anschauungen steht.«

Diese Formulierung ist in der Tat kein Helmbrechtser Sonderweg, sondern findet sich so wörtlich oder sinngemäß in fast allen Satzungen, die von kirchlichen Trägern sozusagen als Hausordnungen für ihre Friedhöfe erlassen werden. Der Vorschriftenkatalog ist Teil des Vertrags, der für eine Grabstätte mit dem Träger des Friedhofs geschlossen wird. Zur christlichen Grabkultur, auf die sich die kirchlichen Friedhofsordnungen berufen, werden auch regionaltypische Traditionen gezählt. Beispielsweise sind schmiedeeiserne Kreuze, wie sie im Süden Bayerns anzutreffen sind, in vielen oberfränkischen Gemeinden als Grabzeichen eher die Ausnahme.

Dass auf vielen Gräbern heutzutage dennoch »viel Nippes herumsteht«, räumt Pfarrer Berthold unumwunden ein. Massenware wie Engelfiguren aus dem Billigmarkt sieht er zwar nicht gern. Bei Kindergräbern, auf denen oft Plüschtiere oder buntes Spielzeug niedergelegt werden, hat er jedoch Verständnis für diesen individuellen Ausdruck der Trauer. Die Buddha-Figur auf dem Familiengrab allerdings sei ein Symbol einer Religion, deren Lehre von der Wiedergeburt im Gegensatz zur christlichen Hoffnung auf Auferstehung stehe. Und sie verletze damit den entsprechenden Paragrafen in der Friedhofsordnung. Die hat der Kirchenvorstand nach langen Diskussionen im Jahr 2011 verabschiedet und damit die vorherige, laut Berthold »wesentlich rigorosere« alte Satzung abgelöst.

Im vergangenen Oktober erging die erste Aufforderung an Bernd Fickenscher, die Figur wieder zu entfernen - bislang ergebnislos. Der »Helmbrechtser Buddha-Streit«, den die Lokalpresse im Dezember erstmals zum Thema machte, ist inzwischen schon von einer Reihe regionaler und überregionaler Medien aufgegriffen worden. Auf deren Internetseiten wurde Berthold zur Zielscheibe von Publikumsreaktionen, die ihm Intoleranz vorwerfen, bisweilen auch mit Tiraden gegen »die Kirche« ganz allgemein. Noch drastischere Reaktionen erntet er in persönlichen E-Mails, die ihn seit den Berichten erreichen. So heißt es etwa in einer Zuschrift: »Ab mit dem Pfaffen in den nächsten Steinbruch, aber vorher noch teeren und federn und mit Nato-Stacheldraht umwickeln.«

Solche extremen Angriffe (»es ist schon eine Art Shitstorm«) lässt Berthold freilich nicht an sich heran: »Dazu ist mir meine Zeit zu schade.« Dass man ihm als Repräsentanten der Kirchengemeinde jedoch persönlich Intoleranz unterstellt, trifft ihn schon. Die Regeln für einen christlichen Friedhof seien bekannt und auch zu respektieren. »Ich erwarte da die gleiche Toleranz, die man von mir verlangt.« Nach seiner Beobachtung kommen die meisten kritischen Stimmen auch nicht aus der Region. So sei der »Buddha-Streit« in Helmbrechts selbst kaum ein öffentliches Thema, in letzter Zeit aber immer wieder Anlass für tiefer gehende Gespräche über den Glauben.

Vor wenigen Tagen trafen sich Berthold und Fickenscher zu einem persönlichen Gespräch, bei dem noch einmal in aller Sachlichkeit die Argumente ausgetauscht wurden. Man verschob dabei die weiteren Schritte aufs Frühjahr, wenn die nächste Friedhofsbegehung ansteht. »Jetzt herrscht erst einmal Winterruhe«, meint der Pfarrer.

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Wolfgang Lammel

 


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abgerufen 27.08.2016 - 06:36 Uhr

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