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Dieser Artikel: Ausgabe 06/2016 vom 07.02.2016
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Jesus, der neue Mann

Was macht Jesus zum »neuen« Mann? Und warum war er keine Frau?

Von Andreas Ebert

Warum hat sich Gott nach christlicher Auffassung in einem Mann, nämlich dem Mann Jesus von Nazareth, offenbart und nicht in einer Frau? Wir wissen es nicht. Und doch gibt es eine Erklärung dafür.

Wann ist ein Mann ein Mann? Und was macht Jesus zum »neuen« Mann?
Foto: pathdoc/Fotolia
   Wann ist ein Mann ein Mann? Und was macht Jesus zum »neuen« Mann?

        

Nach biblischem Zeugnis ist Gott weder männlich noch weiblich. Zu Beginn der Heiligen Schrift heißt es: »Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde ... und schuf sie männlich und weiblich.« ( 1. Mose 1, 27) Es gibt ihn also, den Unterschied der Geschlechter - aber in Gott ist dieser Dualismus aufgehoben. Folgerichtig schreibt Paulus ( Galater 3, 28): »In Christus gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Mann und Frau. In ihm sind sie alle eins!« Auch in Christus offenbart sich Gott so, dass die Gegensätze zusammenfallen.

Dennoch bleiben Unterschiede. Das gilt für die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sich im Körperbau, den primären Geschlechtsorganen und der Produktion von Hormonen manifestieren. Sie lassen sich nicht leugnen. Aber sie sind relativ, nicht statisch, sondern im Fluss.

Phänomene wie Transsexualität (»falsche« Seele im »falschen« Körper) oder »Zwitter«, die physische Merkmale beider Geschlechter haben, sind selten, aber kommen vor. Ist da dem lieben Gott ein Fehler unterlaufen? Oder will er uns daran erinnern, dass es in der Natur zwar »Regeln« gibt, aber immer auch Ausnahmen?

Vielleicht sollen wir lernen, dass »Gesetze« und »Regeln« und die »Natur« relativ sind. Das gilt erst recht für Zuschreibungen bestimmter Merkmale, die nur gesellschaftlich festgelegt wurden: Die Männer seien das »starke« Geschlecht, den Frauen überlegen im Blick auf Intellekt, Entscheidungen, Handeln in der Gesellschaft.

Ein Christus nach dem Leben - Rembrandt van Rijn, 1648, Gemäldegalerie Berlin.
Foto: PD
   Ein Christus nach dem Leben - Rembrandt van Rijn, 1648, Gemäldegalerie Berlin.

        

Die Hirnforschung hat nachgewiesen, dass dies blanker Unsinn ist. Sobald Frauen den gleichen Zugang haben zu Bildung und Entfaltung, werden diese Unterschiede in kurzer Zeit praktisch gegenstandslos. Deswegen wollen konservative religiöse Gruppen häufig die traditionellen Geschlechterunterschiede festklopfen, besonders sichtbar im Islam, aber auch im römisch-katholischen Amtsverständnis: Die Männerherrschaft wird theologisch legitimiert und zementiert.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben zwei Jesusbücher Aufsehen erregt, die auf der psychoanalytischen Theorie des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung basieren. Die deutsche Schriftstellerin Hanna Wolff schrieb 1975 »Jesus, der Mann - Die Gestalt Jesu aus tiefenpsychologischer Sicht«. 1989 zog Franz Alt nach mit dem Bestseller »Jesus - der erste neue Mann«.

Jung geht davon aus, dass jeder Mensch in sich eine Vielzahl von »Archetypen« trägt. Archetypen sind unanschauliche Strukturprinzipien der Psyche. Anschaulich werden sie in »archetypischen Bildern und Symbolen«, zum Beispiel Die »Mutter«, die »Jungfrau«, der »Magier«, die sich in Märchen, Mythen und Träumen manifestieren - oder in Projektionen des Alltags. Der Archetyp ist die vorgegebene innere Form und Tendenz, bestimmte Vorstellungen zu entwickeln, die vielfältig und variabel sind. Solche Vorstellungen laden sich emotional auf.

Zu den Lebensaufgaben und zur »Ganzwerdung« des Menschen gehört es nach Jung, diese Archetypen zu »integrieren«. In unserem Zusammenhang geht es vor allem um die »Integration« des gegengeschlechtlichen Seelenanteils. Nach Jung hat nämlich jeder Mann auch einen »weiblichen« Seelenanteil (»anima«) und jede Frau einen männlichen (»animus«).

Jesus - aus der Reihe »Journeys with the Messiah« des amerikanischen Fotografen Michael Belk.
Foto: Michael Belk
   Jesus - aus der Reihe »Journeys with the Messiah« des amerikanischen Fotografen Michael Belk.

        

Archetypische Symbole der Anima können zum Beispiel die »Sirene«, die Loreley oder die Hexe sein, in deren Gegenwart sich ein Mann verlieren kann, wenn sie übermächtig werden. Oder es kann die Vorstellung einer unerreichbaren Geliebten sein. Der mittelalterliche Minnegesang lebte aus dieser Projektion. Typische Symbole des Animus können beispielsweise der verlockende Magier, der starke Held, der kreative Künstler oder der spirituelle Führer sein. Manifestationen der Archetypen können Leben spenden oder Leben vernichten.

Zur Ganzwerdung des Menschen gehört es nun nach Jung vor allem, den gegengeschlechtlichen Seelenanteil zu »integrieren«, also als Teil der eigenen Psyche zu begreifen, anstatt ihn nach außen zu »projizieren«. Nach Hanna Wolff und Franz Alt war Jesus der erste »neue« Mann, der diese Vereinigung männlicher und weiblicher Seelenqualitäten in einer Person überzeugend vorgelebt hat.

Der männliche Jesus

Der Jesus, den die Evangelien schildern, verwirklicht eine Reihe von Qualitäten, die traditionell als »männlich« bezeichnet werden:

  Er verlässt Heim und Herd und sucht die Einsamkeit der Natur, der Wüste und der Berge, um mit sich selbst und mit Gott klarzukommen.

  Er setzt sich von den Erwartungen seiner Mutter und seines Clans schroff ab, sobald ihn die Familie vereinnahmen will.

  Er hat eine klare Vision und übernimmt die Führung einer Gruppe, die sich an ihm ausrichtet.

  Er ist ein Meister der Sprache, der in immer neuen Gleichnissen und Bildern jenes Gottesreich schildert, dessen Gestalter und Gestaltwerdung er ist.

  Unguten Geistern gebietet er autoritativ, Menschen in Frieden zu lassen, einem Seesturm, zu verstummen.

  Er ist in der Lage, Entscheidungen zu fällen und unbequeme Wege zu gehen, insbesondere am Ende seines Lebens.

  Er zeigt Aggressionen und Zorn; am eindrucksvollsten in der Erzählung von der Tempelreinigung, wo er mit einer Peitsche die Händler aus dem Gotteshaus jagt.

  Er kann Grenzen setzen und Nein sagen; er lässt sich nicht manipulieren, wenn Menschen Wunder sehen wollen oder wenn am Ende Pilatus versucht, ihn in eine philosophische Diskussion zu verwickeln.

Der weibliche Jesus

Andere Wesenszüge Jesus würde man in den meisten Gesellschaften als klassisch »weiblich« bezeichnen. Er hat seine »weibliche« Seite mit großer Selbstverständlichkeit gelebt:

  Er begegnet Frauen auf Augenhöhe: der Samaritanerin ( Johannes 4), die sich wundert, dass er als Jude und Mann mit ihr spricht; Maria von Bethanien, die als Schülerin zu Füßen ihres Rabbis sitzt (damals undenkbar!); Maria Magdalena, die bis zum Ende bei ihm ausharrt und der er nach der Auferstehung als Erstes begegnet.

  Er ist fähig, Gefühle zu zeigen. Mehrfach ist in den Evangelien von seinen Tränen die Rede.

  Er kann Nähe, Zuneigung und Berührung zulassen. Zum Beispiel, dass eine »Sünderin« seine Füße mit Tränen und Salböl wäscht und mit ihren Haaren trocknet.

  Er selbst setzt ein Zeichen der Hingabe und des Dienstes und wäscht seinen Jüngern die Füße; er lässt zu, dass ein Lieblingsjünger an seiner Brust ruht; er fragt Petrus dreimal: »Hast du mich lieb?« Das sind alles Dinge, die vielen Männern bis heute sehr schwerfallen würden.

  Er nimmt Kinder ernst und »herzt« sie; ohne das »Kind im Manne« (und in der Frau), das offen, neugierig und vertrauensvoll ist, gibt es - so Jesus - keinen Weg zu Gott.

  Er heilt Kranke jeder Art, oft durch zärtliche Zuwendung und Berührung.

  In der Bergpredigt weist er »typische männliche« Konfliktstrategien und insbesondere alle Formen von Gewalt zurück. Er nennt die Friedensstifter, die Sanften und die Barmherzigen »selig«.

  Er nennt die Liebe zu Gott, zum Mitmenschen und sogar zum Feind den Schlüssel zum Gottesreich. Sie steht über allen Gesetzen und allen Formen der Vernunft und der Erkenntnis.

Der integrierte Mann

Die gesunde Synthese von männlichen und weiblichen Qualitäten macht Jesus zum »ersten neuen Mann«. Diese Integration nennt C. G. Jung das »Selbst«, das ursprüngliche Wesen jedes Menschen, das größer ist als Festlegungen wie Geschlecht, Rasse, Alter und Klasse. Jesus ist für Jung die vollkommenste Verwirklichung dieses »Selbst«. Deswegen können sich Frauen ebenso an seinem Wesen orientieren wie Männer.

Und warum hat sich nun Gott in einem Mann inkarniert? Wir wissen es nicht. Der US-amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr, der sich wie kein anderer für eine gesunde männliche Spiritualität engagiert, meint: Wäre Jesus als Frau auf die Welt gekommen und hingebungsvoll, zärtlich, sanft und gewaltlos gewesen, hätte man gesagt: »Typisch Frau!« Die Pointe und »Offenbarung« bestünde gerade darin, dass er diese Wesensmerkmale als Mann gelebt habe. Als Mann, der beweist, dass die Vereinigung der »ewigen« Gegensätze, die wir »männlich« und »weiblich« nennen, möglich ist. Im wahren Gott gibt es sie nicht. Im wahren und neuen Menschen auch nicht.

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abgerufen 29.07.2016 - 09:46 Uhr

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