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Sonntagsblatt 06/ vom

ZEITZEICHEN


Frauke Petry, Vorsitzende der Partei »Alternative für Deutschland« (AfD), will Flüchtlinge am illegalen Grenzübertritt nach Deutschland notfalls auch mit der Schusswaffe hindern. Gut, auf Kinder soll nicht geschossen werden, so viel Humanität fordert sogar AfD-Vize Beatrix von Storch.

Petrys (später nur halbherzig relativierte) Äußerung hat bei vielen für Schnappatmung gesorgt. Nicht so bei Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Der warnte vor einer »platten Dämonisierung« der AfD und ihrer Anhänger.

Ohne weiter auf Schießbefehl-Sympathien bei Menschen mit Ost-Biografie einzugehen, soll hier eine Lanze für den Dämon gebrochen werden. Denn das griechische Wort daímōn heißt eigentlich so viel wie »Geist der Abgeschiedenen«. Würde für Frau Petry passen, doch für die alten Griechen (und auch noch für die frühe Christenheit) waren »Dämonen« Schutzgeister, Zuteiler des Schicksals, weshalb man entweder eudaimon (glücklich) oder kakodaimon (unglücklich) sein konnte. Erst im christlichen Mittelalter wurde der Dämon dämonisiert, also: verteufelt.

Nur logisch also, dass der Dämon auch verwandt ist mit dem griechischen Wort für Gewissen oder Schicksal (daimonion). Überraschender ist da eine weitere Verwandtschaft des Dämons: die mit der Demokratie. Das Volk (dēmos, was eigentlich »abgeteiltes Gebiet« bedeutet) teilt sich mit dem Dämon ein und dieselbe Wortwurzel.

Damit wären wir beim Populismus und dem Rat an Ex-Pfarrfrau Petry, noch einmal tief in sich zu gehen und - falls es so etwas in ihr gibt - ihr demokratisches daimonion zu befragen. Denn kakodaimon ist das freundlichste, was wir hier über ihre Äußerungen sagen können.

ms