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Dieser Artikel: Ausgabe 06/2016 vom 07.02.2016
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»Macht muss dienen«

Der Münchner Politiker und bekennende Christ Hans-Jochen Vogel feiert seinen 90. Geburtstag


Über Jahrzehnte hat Hans-Jochen Vogel die deutsche Politik geprägt. Dabei blieb der Münchner SPD-Mann, der am 3. Februar 90 Jahre alt wurde, immer ein »Mann der Exekutive« und ein »altmodischer Politiker«. Wichtig waren ihm Glaubwürdigkeit, Anstand und Bescheidenheit.

Hans-Jochen Vogel setzt sich noch heute fürs Gemeinwesen ein: Er machte sich stark für die Münchner Synagoge oder versuchte, beim Hungerstreik der Flüchtlinge zu vermitteln.
Foto: epd-bild
   Hans-Jochen Vogel setzt sich noch heute fürs Gemeinwesen ein: Er machte sich stark für die Münchner Synagoge oder versuchte, beim Hungerstreik der Flüchtlinge zu vermitteln.

        

Er sei in einem Alter, »in dem es hohe Zeit wird, Rechenschaft abzulegen«, schreibt Hans-Jochen Vogel in dem Buch »Es gilt das gesprochene Wort«. Mit dieser Auswahl von Reden und Aufsätzen, die zu seinem Geburtstag an diesem Mittwoch erschienen ist, zieht der SPD-Politiker ein Resümee seines politischen Wegs, auf dem es Erfolge und Niederlagen gab.

Aus der ersten Reihe der Politik, dem Ringen um kleine Kompromisse im politischen Alltag, hat sich Vogel längst zurückgezogen. Seine Abschiedsrede im Bundestag hielt er 1994. Rechtsextremistische Gewalttaten stellten »die Fundamente unseres friedlichen Zusammenlebens infrage«, mahnte er. Gefragt bleibt der Rat von »Doktor Vogel«, etwa als es wegen der Agenda 2010 nach Verwerfungen in der SPD zu vorgezogenen Neuwahlen kam.

Auch zur Flüchtlingspolitik könnte er Ratschläge geben. Denn am Asylkompromiss von 1993, der unter dem Eindruck stark gestiegener Asylbewerberzahlen vereinbart wurde, hatte er maßgeblichen Anteil. Die aktuelle Herausforderung sei jedoch wesentlich größer, weil die europäische Einheit auf dem Spiel stehe, sagt er. Von 2001 bis 2005 gehörte er dem Nationalen Ethikrat an. Auf Vogels Initiative geht auch die überparteiliche Vereinigung »Gegen Vergessen - Für Demokratie« zurück, die sich gegen den neu aufkommenden Rechtsextremismus engagiert.

Geboren ist Vogel am 3. Februar 1926 in Göttingen. Nach Krieg und Gefangenschaft studierte er Rechtswissenschaften in Marburg und München. Im Studium habe er gelernt, »zwischen Ermittlung des Sachverhalts und Beurteilung des Sachverhalts« zu unterscheiden, bekannte er einmal. Eine Unterscheidung, die für sein politisches Urteilsvermögen und sein Rechtsbewusstsein prägend blieb.

Beeindruckt von Nachkriegspolitikern wie dem Sozialdemokraten Kurt Schumacher, der sich dem NS-Regime widersetzt hatte, schloss er sich 1950 der SPD an - sein jüngerer Bruder Bernhard entschied sich für die CDU.

Mit 34 Jahren wurde Vogel in München Oberbürgermeister. Er trug dazu bei, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu holen. Nach Konflikten mit den Parteilinken schied er aus der Kommunalpolitik aus.

In Bonn wurde er zunächst Bauminister, unter Helmut Schmidt übernahm er 1974 das Justizministerium. In den Jahren des Terrors der Roten Armee Fraktion (RAF) sei ihm Vogel eine wichtige Stütze gewesen, bescheinigte Schmidt. Es folgte 1981 ein Zwischenspiel als Regierender Bürgermeister in Berlin. Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition trat Vogel für die SPD bei den vorgezogenen Neuwahlen gegen Amtsinhaber Helmut Kohl als Kanzlerkandidat an und unterlag.

Nach der Niederlage, immerhin kam die SPD auf 38,2 Prozent, wurde Vogel Vorsitzender der Bundestagsfraktion und Oppositionsführer. Mit strengem Führungsstil, der ihm den Titel »Oberlehrer« eintrug, und »Sekundärtugenden« wie Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit, die in der mehr der Lust als der Last des Politikbetriebs zugeneigten »Enkel«-Riege wenig geschätzt waren, stimmte er die Genossen auf die Oppositionsrolle ein. Als Willy Brandt 1987 als SPD-Vorsitzender abtrat, übernahm Vogel seine Nachfolge.

Mit seiner evangelischen Frau lebte Vogel in München ein ökumenisches Christsein. Abwechselnd besuchten sie den katholischen und den evangelischen Gottesdienst, bis sie vor zehn Jahren ihre Stadtwohnung gegen ein Appartement im Altenstift tauschten. Man müsse die Weichen für das Alter stellen, solange man dazu in der Lage sei, begründeten sie diesen Schritt.

Für Vogel ist das Alter kein »Synonym für ein Leben mit Defiziten«. Deshalb sollten auch die älteren Menschen weiterhin »dem Gemeinwesen« dienen - wie Vogel selbst von seinem Altersruhesitz vorlebt: Als Kuratoriumsmitglied setzte er sich für die Synagoge in München ein, versuchte bei einem Hungerstreik von Flüchtlingen zu vermitteln und war als Zeuge bei der Ziehung der Presseplätze für den NSU-Prozess dabei.

Der bekennende katholische Christ hat feste Vorstellungen, wie es nach dem irdischen Leben weitergeht. Nach dem Tod werde es an der Himmelspforte ein ernstes Gespräch über das Leben geben, sagte er. Dabei werde es vor allem um die Frage gehen, »was man getan und was man unterlassen hat«. Vogel selbst orientierte sich bei seinem politischen Handeln an ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und dem Bemühen, den Sorgen der Menschen nahe zu bleiben. Für sein »letztes Buch« schrieb das Geleitwort Helmut Schmidt, der im November gestorben ist. Darin heißt es: In allen seinen Ämtern habe Vogel stets nach der Devise gehandelt »Macht muss dienen«.

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Rainer Clos

 


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abgerufen 27.07.2016 - 15:23 Uhr

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