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Dieser Artikel: Ausgabe 07/2016 vom 14.02.2016
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Kirche am Ende der Welt

Die Kirche von Svalbard auf Spitzbergen ist die nördlichste Kirche der Welt

Von Uwe Birnstein

Ein Waffenschrank im Gemeindehaus? In Longyearbyen ist das ganz normal. Denn mit Eisbären ist nicht zu spaßen. Vieles ist gewöhnungsbedürftig in Longyearbyen, der größten Stadt auf Spitzbergen. 2000 Menschen versuchen auf der kargen arktischen Insel zwischen Norwegen und Nordpol, sich das Leben schön zu machen. Uwe Birnstein war dort und hat auch die nördlichste Kirche der Welt besucht.

Ein nicht nur feste, sondern auch warme Burg im Eismeer: die Kirche von Svalbard, wie die Inselgruppe Spitzbergen auf Norwegisch heißt.
Foto: Leif Magne Helgesen
   Ein nicht nur feste, sondern auch warme Burg im Eismeer: die Kirche von Svalbard, wie die Inselgruppe Spitzbergen auf Norwegisch heißt.

        

Arktische Kälte. Schroffe Berge. Keine Bäume, Pflanzen nur im Sommer. Die Tiere, die hier leben, haben sich der Umgebung angepasst: Die Rentiere haben kurze Beine und flauschiges Fell. Die Füchse sind weiß, die Eisbären groß und grausam. Was, um Himmels willen, treibt Menschen hierher, ans Ende der Welt, kurz vor dem Nordpol?

In der letzten Woche jedenfalls war es das Polarjazz-Festival. Die Insulaner lassen sich einiges einfallen, um Gäste herzulocken. 15 Grad unter null klingt nicht so einladend. Dennoch wollen Jahr für Jahr die beliebtesten und besten Musiker Skandinaviens auf die Insel kommen und Musik machen. Fünf Tage lang Programm im Kulturhuset. Grund für unerschrockene Jazzfans, sich aufzumachen gen Norden. Im Publikum sitzen auch viele Einheimische. So viel ist hier nicht oft los. Schon gar nicht im Winter. »Hot music, cool place« steht groß über der Bühne.

Mittendrin sitzt Pastor Leif Magne Helgesen. Nordisch sieht er aus, mit wildem Haar und lässigem Sakko. Am ersten Abend des Jazzfestivals stand er sogar selbst auf der Bühne - als Sänger das Männerchors. Lokale Musiker durften das Festival eröffnen. Dann folgten die Stars. Zum Beispiel Sofia Jannok, die mit volkstümlich extrovertierten Liedern das Publikum in den Bann zog. Die Sängerin stammt aus dem indigenen Volk der Samen. Als Jannok sich die samische Flagge zum Kopftuch bindet und die Hymne singt, tobt der Saal. Einige Samen hat es nach Spitzbergen verschlagen. Heute, am 6. Februar, ist ihr Nationalfeiertag.

Aktische Kälte und schroffe Berge: Was treibt Menschen in diese karge und doch so schöne Gegend kurz vor dem Nordpol?
Foto: Torbjørn Johnsen
   Aktische Kälte und schroffe Berge: Was treibt Menschen in diese karge und doch so schöne Gegend kurz vor dem Nordpol?

        

Auch in der Kirche von Longyearbyen hängt am nächsten Tag die samische Flagge. Um die sechzig Menschen haben sich am Sonntag um elf in der einzigen Kirche am Ort versammelt. Die »Polargospels«, der Kinderchor, singen. Kantor Jovna Z. Dunfjell ist selbst Same und hat zur Feier des Tages Tracht angezogen. Neben dem weißen Talar des evangelischen Pastors wirkt sein schwarzes Wollhemd wie ein Kontrapunkt.

Durch das Kirchenfenster dämmert die Polarnacht. Drinnen singt der Kinderchor »Lean on me«. Und schon sitzen Pastor und Kantor zusammen und erzählen etwas über die Minderheit und die Rechte der Sami. Statt Predigt eine Lektion Lebenskunde und Respekt. Draußen pfeift der arktische Wind um den Holzbau. Der Pastor wirft sich eine blaue Stola mit Jerusalem-Kreuz über und beginnt mit der Abendmahlsliturgie. Nacheinander treten die Gläubigen nach vorne, nehmen eine Oblate, tauchen sie in den Kelch. Danach zündet jeder eine Kerze an. Der Pastor bekreuzigt sich und spricht den Segen.

55 Jahre alt ist Pastor Helgesen, er stammt vom Festland. Vor zehn Jahren hat es den evangelischen Theologen hierher verschlagen. Er fühlt sich wohl, sagt er. Obwohl die Sonne vier Monate lang, vom 26. Oktober bis zum 14. Februar nicht scheint, es 11 Wochen sogar ständige Nacht ist? Ja. Die Dunkelheit sei ja nicht schwarz. Der Mond scheint, die Sterne leuchten. Die schneebedeckten Berge reflektieren das Licht und schälen sich aus dem dunklen Himmel heraus wie große weiße Wände. Und dann die Polarlichter, die oft am Himmel tanzen und die arktische Szenerie in mystisch grünes Licht tauchen. Bald, am 15. Februar, wird es wieder so weit sein: Dann lugt die Sonne erstmals über den Rand der Berge. Grund zu feiern. Irgendwie fühlt sich das dann an wie ein Ostern hoch zwei. Eine beeindruckende Laune der Schöpfung.

Wenn draußen ein Schneesturm aufzieht, ist es in der Kirche schön warm.
Foto: Torbjørn Johnsen
   Wenn draußen ein Schneesturm aufzieht, ist es in der Kirche schön warm.

        

Die ist bedroht. Das wissen auch die Menschen auf Svalbard, wie die Inselgruppe auf Norwegisch heißt. Ein paar Jahrzehnte früher war der Isfjord, an dem Longyearbyen liegt, im Winter zugefroren. Aber die Winter werden wärmer. Das Wasser auch. So warm, dass immer mehr Fische in den Fjord kommen.

Die Stadt stellt sich auf die Veränderung ein. Eine Fischfabrik soll den Fang demnächst verarbeiten. »Das sind Signale der Natur, denen wir Beachtung schenken sollten«, ahnt Pastor Helgesen. Also überlegte er mit den Polarforschern der kleinen Universität von Longyearbyen, was zu tun ist. »Eine Kirche, die nicht das Leben vor dem Tod ernst nimmt, verspielt ihre Berufung und ihre Verantwortung!«, sagt er und erzählt, wie er es geschafft hat, dass die Glocken seiner Kirche bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen 2009 ertönten. »Wir senden einen Ruf aus der Arktis zu den Abgeordneten der Klimakonferenz mit einem Gebet dafür, dass wir angesichts der Entwicklung zusammenstehen.«

In gewisser Weise ist Spitzbergen eine Arche Noah der Welt: Hoch über dem Flughafen in der Felswand, tief im Berg, lagert Saatgut aus aller Welt, über 2 Milliarden Saatproben sollen es werden. Die Anlage ist vor dem Anstieg des Meeresspiegels genauso geschützt wie vor Flugzeugabstürzen und Atomkatastrophen. Eine Arche Noah der Moderne in Zeiten der Dürre und des Artensterbens.

Die Kirche von Svalbard: Ort der Begegnung auf einer eisigen Insel.
Foto: Torbjørn Johnsen
   Die Kirche von Svalbard: Ort der Begegnung auf einer eisigen Insel.

        

Fatalerweise hat Spitzbergen selbst an der Klimaveränderung mitgewirkt. Noch heute sieht man die Eingänge stillgelegter Kohlebergwerke an den Berghängen. Dass hier eine Stadt entstand, hat mit Kohle zu tun: US-Unternehmer John Munroe Longyear gründete die Stadt 1906. Die Bergindustrie boomte. 1943 die große Zäsur: Spitzbergen war für die Militärs ein strategisch wichtiger Punkt. Die deutschen Truppen zerbombten den Ort. Nur wenige Baracken erinnern heute an das alte Longyearbyen.

Die Kirche wurde 1958 neu errichtet. Heute zieht sich die Stadt vom Fjord ins Tal hinein, viele Fertighäuser trotzen der Kälte und dem Schnee. Kohle wird nur noch in einem Bergwerk abgebaut. Sie ist besonders gut, wird nach Bayern für die Autoindustrie exportiert oder im Insel-Energiewerk verheizt. Energie ist lebenswichtig jetzt, gerade im Polarwinter. Auf Fremde wirkt das alles sehr gemütlich. Doch 24 Stunden Dunkelheit kann auch depressiv machen. Der dunkle Alltag. Touristen hingegen finden die Polarnacht spektakulär. Sie lassen sich von der Dunkelheit nicht schrecken: Dick eingehüllt gehen sie auf Besichtigungstour.

Touristen lassen sich von der Dunkelheit nicht abschrecken

Einer der Guides kommt aus Deutschland. Heiko lebt seit vielen Jahren in Longyearbyen. Im Sommer schippert er mit Touristen über den Fjord, sucht Eisbären und Wale. Derzeit führt er Touristen zu den schönsten Plätzen in Longyearbyen.

Was in Deutschland ein »Gottesdienst im Grünen« wäre, sieht auf Svalbard so aus: Ökumenischer Freiluftgottesdienst mit Pastor Leif Helgesen (links) und einem katholischen Kollegen.
Foto: Guri Tveito
   Was in Deutschland ein »Gottesdienst im Grünen« wäre, sieht auf Svalbard so aus: Ökumenischer Freiluftgottesdienst mit Pastor Leif Helgesen (links) und einem katholischen Kollegen.

        

Alles zeigt er ihnen, zuerst die neue Brauerei, in der seit einem Jahr mit Gletscherwasser das erste Bier Svalbards gebraut wird. Dann jagt er den Gästen Schauer über den Rücken, wenn er vor dem alten Friedhof trocken sagt: »Der Permafrostboden bringt alles an die Oberfläche.« Er schildert seine Begegnungen mit Eisbären. Und erzählt von einem Notfall, er war verletzt und wurde schnell nach Tromsö ausgeflogen. Im örtlichen Krankenhaus arbeiten nur zwei Ärzte und vier Krankenschwestern, da ist keine fachärztliche Behandlung möglich.

Und wenn ein Patient mal transportunfähig ist? Dann wird per Datenkabel operiert: Auf dem Festland beobachten Spezialisten am Bildschirm die Operation und geben ihren Kollegen vor Ort Anweisungen. Man muss flexibel sein, hier auf Spitzbergen. Guide Heiko weiß das alles. Wo es Walfleisch zu essen gibt. Und wo Santa Claus wohnt, in einem der stillgelegten Bergwerke, dessen Lichter hoch oben durch die Polarnacht schimmern. Zu Weihnachten können Kinder am Fuß des Bergs ihre Wunschzettel in einen Briefkasten werfen.

Der Wind schneidet den Touristen ins Gesicht. Das Wetter ist unberechenbar. Kurz vor Weihnachten kam ein heftiger Sturm auf, der den Schnee über die Berggipfel wehte. Eine Lawine löste sich und raste auf die Stadt zu, schob einige Häuser 80 Meter weit wie Streichholzschachteln. Zwei Tote, acht Verletzte. Pastor Helgesen hatte viel zu tun. Der Ort trauerte. Er selbst auch, er verlor einen seiner besten Freunde. In solchen Zeiten wird die Kirche zum Trauerort für die ganze Bevölkerung.

Wie viele davon Protestanten sind, weiß er nicht genau, vielleicht 80 Prozent? Auch Katholiken leben hier, ebenso Orthodoxe. Mehrmals kommen der zuständige katholische und orthodoxe Priester nach Longyearbyen und feiern in der lutherischen Kirche ihre Messe. Seine Kirche steht selbstverständlich anderen Konfessionen offen, sagt Helgesen.

Eine einladende Kirche ist seine Vision, offen für alle. Manchmal hat das freilich seltsame Folgen. Da muss Pastor Helgesen uneingeladen in der Bank sitzen bleiben, wenn der katholische Priester mit den Gläubigen Abendmahl feiert. »Dafür kommen die Katholiken zu unserem Abendmahl, wir Evangelische laden schließlich alle ein«, freut er sich. Das sei eben lutherische Theologie: »Wir fragen nicht nach Konfession, Religion oder Kirchenzugehörigkeit.«

Draußen zieht ein Schneesturm auf. In der Kirche ist es warm. Eine wohlige Oase in der unwirtlichen arktischen Kälte. 24 Stunden am Tag ist sie geöffnet. Für alle. Auch ein Grund, hierher zu kommen. Und zu bleiben.

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abgerufen 28.09.2016 - 22:27 Uhr

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