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Sonntagsblatt 07/ vom

ZEITZEICHEN


Das Bild des Nachbarn ist ja eine Geschichte voller Missverständnisse. Seit es den Nachbarn gibt, liefert dieser auch immer wieder Stoff für Konflikte.

Amtsgerichte stapeln Aktenberge von Nachbarstreitereien, wo etwa der Ast des einen Nachbarn auf das Grundstück des anderen hinüberreicht und einiges andere an Grenzverletzungen entlang des Gartenzauns. Ja ganze Kriege wurden schon vom Zaun gebrochen, nur weil ein Land mit dem Nachbarn in Streit geraten war.

Und wer kennt nicht die berühmte Geschichte des österreichischen Psychologen Paul Watzlawick: Da will ein Mann einfach nur ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, aber keinen Hammer. Am Ende steht er wutentbrannt vor des ahnungslosen Nachbarn Tür und brüllt ihn an: »Behalten Sie doch Ihren Hammer.« Der schlichte Grund: Der Mann hatte ihn am Vortag im Treppenhaus nur flüchtig gegrüßt. Dies hatte den armen Nachbarn derart verunsichert, dass er sich am Ende sicher ist: Leute wie dieser Kerl vergiften einem das ganze Leben.

Wie gut, dass es nach Jahrhunderten voller Missverständnissen nun endlich ein Mittel aus der Ausweglosigkeit gibt: eine App fürs Handy! Sie will den verzweifelten Nachbarn helfen, sich zu vernetzen. So wäre das Hammer-Problem ruckzuck unter der Rubrik »Teilen und Helfen« gelöst. Auch könnte man sich in Zukunft das lästige Grüßen im Hausflur sparen. Zeitraubende Plaudereien? Auch nicht mehr nötig. Sich bei den Nachbarn vorstellen? Geschenkt. Schließlich erledigt ja die App alles.

Bleibt nur noch ein Problem: Was tun, wenn der Super-GAU eintritt und der Akku leer ist? Der Face-to-Face-Kontakt wäre unvermeidlich. Man müsste sich also überwinden, zum Nachbarn gehen und - klingeln!

nam