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Dieser Artikel: Ausgabe 07/2016 vom 14.02.2016
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Ein Liederdichter gegen den Hexenwahn

Vor 425 Jahren wurde der Jesuitenpater Friedrich Spee von Langenfeld geboren


Das finstere Mittelalter war längst passé, als in Europa die Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt erreichten. Den deutlichsten Protest formulierte der Jesuitenpater Friedrich Spee.

Friedrich Spee.
Foto: PD
   Friedrich Spee.

        

Für die pflichteifrigen Inquisitoren, aber auch für die verantwortlichen Landesfürsten ist das Buch eine unerhörte Provokation. Es argumentiert streng juristisch, aber in einem sarkastischen Ton; es kommt auf dem Höhepunkt der Hexenverfolgungen anonym heraus und stellt die boshafte Frage: »Was suchen wir so mühsam nach Zauberern? Hört auf mich, ihr Richter, ich will euch gleich zeigen, wo sie stecken! Auf, greift Kapuziner, Jesuiten, alle möglichen Ordensleute und foltert sie, sie werden gestehen. Leugnen welche, so foltert sie drei-, viermal, sie werden schon gestehen! Wollt ihr dann noch mehr, so packt Prälaten, Kanoniker, Kirchenlehrer, sie werden gestehen, denn wie sollen die zarten, feinen Herrchen etwas aushalten können? Wollt ihr immer noch mehr, dann will ich euch selbst foltern lassen und ihr dann mich. So sind wir schließlich alle Zauberer ...«

Die Spitzel der Inquisition bringen bald heraus, wer der Autor der Streitschrift ist: der Paderborner Jesuit und Moraltheologe Friedrich von Spee (1591-1635). Er ist als Verfasser frommer Betrachtungen und eingängiger Kirchenlieder geschätzt und als Querdenker gefürchtet. Seinen Lehrstuhl hat er ein Jahr zuvor bereits verloren; das Pamphlet gegen die Hexenverfolgung wird ihm nun wohl endgültig den Hals brechen. Denn schließlich ist die gut organisierte Jagd auf Dämonenknechte, Teufelsbastarde und Satansanbeterinnen von den höchsten Autoritäten in Staat und Kirche abgesegnet.

Erstaunlicherweise steht der Jesuitenorden zu seinem rebellischen Mitglied, wenn auch nur halbherzig: Spee wird nach Trier versetzt und nicht zu den letzten Gelübden zugelassen, aber auch nicht ausgestoßen. Als er sich bei der hingebungsvollen Pflege der Opfer des Dreißigjährigen Krieges an einer Seuche ansteckt und am 7. August 1635 stirbt - erst 44 Jahre ist er alt -, werden seine Vorgesetzten bei allem Schmerz erleichtert gewesen sein.

Friedrich von Spee kam als Sohn eines Burgvogts in Kaiserswerth bei Düsseldorf zur Welt. Erzogen in der renommierten Kölner Jesuitenschule Tricoronatum, trat er dort in den Orden ein und träumte von Missionsabenteuern in Indien. Doch die Jesuiten sahen ihren Schwerpunkt im von Glaubenskämpfen zerrissenen Deutschland. Spee sollte als Moraltheologe in Köln die geistige Auseinandersetzung mit der Reformation führen. Er muss ein eindrucksvoller Lehrer gewesen sein; ein aus seinen Vorlesungen zusammengestelltes Handbuch erlebte mehr als 200 Auflagen. Doch schon begann man sich über seine Ansichten zu beschweren. Zudem kümmerte er sich ein wenig zu intensiv um Gestrandete und Gefährdete, sodass er 1628 ins niedersächsische Peine versetzt wurde.

Spees Vorlesungen kennt heute keiner mehr - ganz im Gegensatz zu seinen zahllosen Kirchenliedern wie »Zu Bethlehem geboren«, »Als ich bei meinen Schafen wacht« oder »Bei stiller Nacht zur ersten Wacht«. Nicht zu vergessen natürlich sein unsterbliches Adventslied »O Heiland, reiß die Himmel auf«. Der darin formulierte leidenschaftliche Ruf nach dem Retter darf durchaus als Schrei der unschuldig Inhaftierten, Gefolterten und Verbrannten jener Tage verstanden werden. Ihre Not hat Spee als Seelsorger und Beichtvater kennengelernt. Denn anders als die Theoretiker der Hexenjagd, denen er vorwarf, in ihren Studierstuben merkwürdige Gedanken zu spinnen, ist er in die Gefängnisse gegangen. Spee hat Verurteilte zum Richtplatz begleitet, Akten studiert und mit Richtern gesprochen.

Das Ergebnis ist eindeutig und steht in seiner Streitschrift »Cautio Criminalis«, zu Deutsch etwa »Vorsicht beim Prozess!«: »Persönlich kann ich unter Eid bezeugen, dass ich jedenfalls bis jetzt keine verurteilte Hexe zum Scheiterhaufen geleitet habe, von der ich ... aus Überzeugung hätte sagen können, sie sei wirklich schuldig gewesen.«

Die Frage, ob es Hexen gibt oder nicht, lässt Spee erst einmal auf sich beruhen, sie interessiert ihn gar nicht. Ihn treibt die Frage um, ob man mit der gängigen Folterpraxis Schuld oder Unschuld herausfinden kann, und er kommt zu einem klaren Nein.

Er klagt die Menschenrechte der unzähligen Gefolterten und ums Leben Gebrachten ein und fordert eine faire Gerichtsprozedur: Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils, Information des Angeklagten über seine Rechte und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, Bestellung eines Verteidigers, möglichst nach seiner Wahl - und komplette Abschaffung der Folter.

Mit seiner Verteidigung der Menschenwürde der Inhaftierten brachte sich Spee in höchste Lebensgefahr. Aufrechte Theologen und Dorfpfarrer, die sich ebenfalls vor die Opfer des Massenwahns gestellt hatten, waren oft genug selbst vor Gericht gezerrt und als Teufelsbündler hingerichtet worden. So der Abt von St. Martin in Trier oder der berühmte Rechtsgelehrte Professor Dietrich Flade, der die Rechtmäßigkeit der Prozesse infrage zu stellen wagte und dann unter der Folter gestehen musste, eine Schneckenplage in Trierer Gemüsegärten herbeigezaubert zu haben!

Tatsächlich ebbten die Verfolgungen nach der Veröffentlichung der Streitschrift ab. Anfang des 18. Jh. berief sich der große Aufklärer Christian Thomasius ausdrücklich auf Spee. Doch erst 1755 wurde in Deutschland die letzte Hexe hingerichtet.

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Christian Feldmann

 


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abgerufen 25.06.2016 - 19:38 Uhr

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