Home Artikel-ID: 2016_08_09_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service
Leserreisen
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 24.05.2016
Aktuelle Ausgabe: 21 vom 22.05.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 08/2016 vom 21.02.2016
Alle Artikel der » Ausgabe 08/2016 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Der Geiger auf dem Berg

Der Münchner Dirigent Hartmut Zöbeley hat auf seinen Nepalreisen viel erlebt


Wenn Hartmut Zöbeley aus seinem Leben erzählt, beginnt man an Märchen zu glauben. Mit kaum mehr als einer Geige bestieg er die höchsten Berge der Welt. Die Musik ist seine Philosophie. Heute dirigiert er das Studentenorchester Sinfonietta und ist Kantor in der Münchner Bethlehemskirche.

Hartmut Zöbeley 1986.
Foto: privat/Knorr
   Hartmut Zöbeley 1986.

        

»Ich hatte schon immer den Traum, Orchester zu dirigieren«, sagt Zöbeley, Jahrgang 1963. Schon im Alter von neun Jahren schrieb er seine erste kleine Oper. Drei Instrumente, Gesang, Länge ungefähr 20 Minuten. Noch während der Schulzeit begann er, Geige zu studieren.

Später im Studium lernte Zöbeley den Münchner Generalmusikdirektor Sergiu Celibidache kennen. Dieser wurde für ihn zum Mentor. Bei ihm habe er Wesentliches gelernt. Vor allem eines: die Musik als Philosophie zu betrachten. »Musik geht ins ganze Leben und hat etwas mit Freiheit zu tun. Erst wenn ich frei bin, kann ich wirklich Musik machen.« Eines Tages erzählte ihm Celibidache, dass er den wichtigsten Teil seiner Philosophie erst bei einem Meister in Indien gelernt hätte. Sofort besorgte sich Zöbeley Flugtickets.

Das war 1986. Ohne Anhaltspunkte irrte er tagelang durch das Land, die Geige im Gepäck. Und nicht nur, dass er den besagten Meister nicht finden konnte, auch das heiße Klima setzte dem jungen Mann zu. Also reiste Zöbeley spontan weiter ins kühlere Nepal. Er wollte den höchsten Berg der Welt sehen. In einem Dorf kaufte er provisorische Wanderausrüstung. Ein paar Wolldecken und viel zu große Schuhe mussten reichen, um auf dem Dach der Welt zurechtzukommen.

Hartmut Zöbeley heute.
Foto: privat/Knorr
   Hartmut Zöbeley heute.

        

Nach drei Tagen unterwegs rächte sich dieser Kompromiss. Sein Fuß war entzündet, Zöbeley bekam eine Blutvergiftung. Irgendwo im Himalaja, entkräftet und allein, musste er am Wegrand haltmachen. An ein Weiterkommen war nicht mehr zu denken. Er habe schon fast mit seinem Leben abgeschlossen gehabt, erinnert er sich. Der einzige Rettungsanker für den Musiker war seine Geige.

»Ich habe dann einfach angefangen zu spielen. Schon als Kind habe ich gemerkt, dass die Angst verschwindet, wenn ich singe. Geige spielen war für mich eine Form von Singen.« Bewohner eines nahen Dorfs hörten die Musik und nahmen den Todkranken auf. Einige Wochen verbrachte er bei der Familie eines Englischlehrers. Ein Arzt, der zufällig in das Dorf kam, konnte ihn behandeln. Zöbeley wurde wieder gesund.

Zurück in München schritt die Musikerkarriere voran. Zöbeley dirigierte an der Mailänder Skala und baute das Studentenorchester Sinfonietta auf. Später nahm er die Stelle als Kantor in der Bethlehemskirche an. An seinem 50. Geburtstag erinnerte er sich an die Menschen aus dem Bergdorf. Seine Reise war da schon 26 Jahre her, trotzdem wollte er sich bedanken. »Ich hatte sogar versprochen, dass ich wiederkomme.«

Ein zweites Mal wanderte er also durch den Himalaja. Wieder allein, wieder mit seiner Geige. Nur diesmal richtig ausgerüstet. Zurück im Ort von damals musste er feststellen, das sich vieles verändert hatte. Die Menschen, die er gekannt hatte, waren umgesiedelt worden. Steinhäuser hatten die einfachen Hütten ersetzt. Eine Sache aber war geblieben: »Ich fühlte mich gleich wieder wie damals, voll aufgenommen«, erzählt Zöbeley. Wo seine Retter jetzt seien, habe er allerdings nicht herausfinden können.

Bei der Weiterreise stieß er auf eine baufällige Schule. Die Schüler mussten einen stundenlangen Schulweg auf sich nehmen, trotzdem fiel der Unterricht bei schlechtem Wetter einfach aus. Zöbeley beschloss, in Deutschland Spenden für eine Renovierung zu sammeln. »Ich kann nicht mehr denen Danke sagen, die mir damals das Leben gerettet haben. Aber ich kann hier etwas Gutes tun«, dachte er sich. So kamen bei Benefizkonzerten und Vorträgen einige Tausend Euro zusammen.

Den Großteil der Summe will Zöbeley bei einer weiteren Reise im Frühjahr 2016 selbst nach Nepal bringen. Das wird aber seine letzte sein. »Wenn man sich richtig für ein Hilfsprojekt einsetzt, ist das ein Lebenswerk. Mein Lebenswerk ist aber die Musik.« Trotzdem hoffen er und seine Frau, dass die evangelische Hilfsorganisation »Wings of Hope« eine Zweigstelle in Nepal eröffnet. Das Projekt kümmert sich um von Gewalt und Kriegen traumatisierte Kinder. In Nepal könnte es denen helfen, die vom Erdbeben 2014 betroffen waren.

Mittlerweile ist Hartmut Zöbeley sesshaft geworden. Das Alleinreisen, sagt er, sei für ihn trotzdem eine der wichtigsten Sachen überhaupt gewesen. Damals wollte er eigentlich nach Indien. Gelandet ist er in einem großen Abenteuer. Die Philosophie der Musik hat ihn durch die halbe Welt geführt. Und vielleicht hat er letztendlich doch das gefunden, weswegen er vor drei Jahrzehnten aufgebrochen ist.

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

 

 

Franz Knorr

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2016_08_09_01.htm
abgerufen 24.05.2016 - 09:55 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2016, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB

Anzeigen

»Die Personen der Bibel«: der beliebte Glaubenskurs aus dem Sonntagsblatt jetzt als Buch für nur 19,90 Euro. Gleich bestellen!

Werden Sie Hoffnungsträger - und spenden Sie ein Patenschafts-Abo für Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Jetzt mitmachen!