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Dieser Artikel: Ausgabe 08/2016 vom 21.02.2016
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Säulen nach Athen tragen

Redensarten und ihre Geschichte in einer neuen Ausstellung in Nürnberg


Das sollte man sich nicht durch die Lappen gehen lassen: Redensarten von anno dazumal im Nürnberger Museum für Kommunikation.

»Mein Name ist Hase (ich weiß von nichts)«: Hinter der bekannten Redensart stecken Geschichte, Politik und ein Gerichtsverfahren während der bleiernen Restaurationszeit nach der gescheiterten Revolution von 1848. Der Heidelberger Student Viktor von Hase verpfiff bei einer Befragung vor Gericht 1854 einen anderen Studenten nicht, sondern sagte nur: »Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen. Ich weiß von nichts.« In der Kurzform wurde sein mutiger Ausspruch schnell deutschlandweit bekannt.
Foto: Ramón Voigt & Johanna Springer/ Museumsstiftung Post und Telekommunikation
   »Mein Name ist Hase (ich weiß von nichts)«: Hinter der bekannten Redensart stecken Geschichte, Politik und ein Gerichtsverfahren während der bleiernen Restaurationszeit nach der gescheiterten Revolution von 1848. Der Heidelberger Student Viktor von Hase verpfiff bei einer Befragung vor Gericht 1854 einen anderen Studenten nicht, sondern sagte nur: »Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen. Ich weiß von nichts.« In der Kurzform wurde sein mutiger Ausspruch schnell deutschlandweit bekannt.

        

Jeder Mensch, jung oder alt, gebraucht Tag für Tag um die 100 Redensarten, weiß der Bamberger Redensarten-Profi Rolf-Bernhard Essig. »Sie begleiten uns wie ein treuer Hund.« Alle Nase lang werden neue Sprüche geklopft. Heute fragt man: »Wann kommt der Bus?«, wenn das Gegenüber sehr langweilige Sachen erzählt.

Man hat Redensarten auf der Pfanne, um witzig zu sein und zu unterhalten, Bildung zu zeigen oder vorzutäuschen, erklärt Essig deren Funktion. Er hat im Museum für Kommunikation in Nürnberg eine Ausstellung dazu auf die Beine gestellt. Ihr Titel: »Mein Name ist Hase«.

Der Ausdruck »Fersengeld geben« ist etwa 800 Jahre alt. In der Rechtssprache des 13. Jahrhunderts, beispielsweise im »Sachsenspiegel«, bezeichnete Fersengeld eine Art Bußgeld. Bei den Wenden konnten sich Frauen mit Zahlung des Fersengelds von ihrem Ehegatten trennen. Ob man hierbei auf die Abgabe Bezug nahm, die Deserteure in germanischer Zeit zu zahlen hatten? Ob die rundlichen, oft hellen Fersen eines flüchtenden Menschen mit Münzen verglichen wurden, mit denen der Zurückbleibende »bezahlt« wurde? Man vermutet: beides.
Foto: Foto: Mile Cindric / Museumsstiftung Post und Telekommunikation
   Der Ausdruck »Fersengeld geben« ist etwa 800 Jahre alt. In der Rechtssprache des 13. Jahrhunderts, beispielsweise im »Sachsenspiegel«, bezeichnete Fersengeld eine Art Bußgeld. Bei den Wenden konnten sich Frauen mit Zahlung des Fersengelds von ihrem Ehegatten trennen. Ob man hierbei auf die Abgabe Bezug nahm, die Deserteure in germanischer Zeit zu zahlen hatten? Ob die rundlichen, oft hellen Fersen eines flüchtenden Menschen mit Münzen verglichen wurden, mit denen der Zurückbleibende »bezahlt« wurde? Man vermutet: beides.

        

»Ich weiß von nichts«, soll der Jurastudent Viktor Hase 1854 vor Gericht hinzugefügt haben. Mit diesem Satz, der einen Kommilitonen beschützte, brannte sich sein Name in die deutsche Sprache ein. Er wurde bekannter als ein bunter Hund. Zu beinahe jeder Floskel, jedem Sprichwort geht Essig der Mund über. Soldaten, Handwerksberufe und die Landwirtschaft standen oft Pate, unter ihnen die Spinnerinnen, die sich bei ihrer Arbeit verrückte Geschichten erzählten. Seither fragen wir: »Spinnst du?«

So mancher Satz stammt aus der Bibel: Vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel kommt, liest man dort. Der anderen eine Grube gräbt und selbst hineinfällt oder der Bescheidene, der sein Licht unter den Scheffel stellt, kommt auch darin vor.

»Alles über einen Leisten schlägt«, wer unterschiedslos, also wenig angemessen vorgeht. Es gibt aber auch noch das Sprichwort: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Es geht wohl auf eine beliebte antike Anekdote zurück, die Plinius der Ältere (23/24-79 n. Chr.) überliefert: Ein Schuster kritisiert auf einem Bild des berühmten Malers Apelles einen falsch gemalten Schuh. Der Maler beseitigt den Fehler. Als der Schuster über anderes mäkelt, ruft Apelles: »Ne sutor supra crepidam!« - »Nicht über die Sandale (hinaus), Schuster!«
Foto: Thomas Schindler/ Fränkisches Freilandmuseum, Bad Windsheim
   »Alles über einen Leisten schlägt«, wer unterschiedslos, also wenig angemessen vorgeht. Es gibt aber auch noch das Sprichwort: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Es geht wohl auf eine beliebte antike Anekdote zurück, die Plinius der Ältere (23/24-79 n. Chr.) überliefert: Ein Schuster kritisiert auf einem Bild des berühmten Malers Apelles einen falsch gemalten Schuh. Der Maler beseitigt den Fehler. Als der Schuster über anderes mäkelt, ruft Apelles: »Ne sutor supra crepidam!« - »Nicht über die Sandale (hinaus), Schuster!«

        

Sprichworte bekommen aber auch Witzbolde in die Finger und finden Vergnügen daran, sie zu verballhornen. Während das »zweigleisige Schwert« noch unbemerkt durchrutscht, sind die »Säulen, die nach Athen getragen werden« schon auffälliger. Im Original muss es natürlich Eulen heißen, was auf die Zahlungsmittel mit dem Symbol der Göttin Athene anspielt.

Ameisen, Eulen, Hasen - in Redensarten stehen Tiere nicht selten im Rampenlicht. Auch in moderne Redensarten schleichen sie sich ein. »Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab«, verrät Essig eines seiner derzeit favorisierten Sprichwörter. Der Satz setze sich gerade bei Sozialpädagogen, aber auch Managern immer mehr durch, da beiße die Maus keinen Faden ab, berichtet er.

»Wer Wind sät - hat Gold im Mund«: Redensarten laden, wie in der Ausstellung, zur Neukombination ein.
Foto: Mile Cindric / Museumsstiftung Post und Telekommunikation
   »Wer Wind sät - hat Gold im Mund«: Redensarten laden, wie in der Ausstellung, zur Neukombination ein.

        

Der Faden hat mit der heiligen Gertraud zu tun, der Schutzheiligen gegen Getreideschädlinge wie etwa Mäuse, an deren Gedenktag früher das Gesinde die Hausarbeit mit Nadel und Faden sein ließ und wieder aufs Feld hinausging. Und wer wissen will, was der Rote Faden ist und was der Nürnberger meint, wenn er sagt: »Das kannst du dem auf der Fleischbrücke erzählen«, der kann sich ab 19. Februar auf die Socken machen.

Wir lassen aber schon mal die Katze aus dem Sack: Der rote Faden geht auf das Diebstahlssicherungssystem der englischen Marine für ihre Seile zurück. Und auf der Fleischbrücke thront ein Ochsenkopf aus Stein, der ein ziemlich uninteressierter Gesprächspartner ist. Die moderne Entsprechung eben hierzu: »Wann kommt der Bus«, eine Variante von »Kau' mir nicht das Ohr ab«.

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Jutta Olschewski

 


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abgerufen 28.07.2016 - 12:25 Uhr

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