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Heute: 27.08.2016
Aktuelle Ausgabe: 34 vom 21.08.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 08/2016 vom 21.02.2016
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»Du darfst nie aufgeben«

Irene Hallmann-Strauß hat als Tochter einer Christin und eines Juden die NS-Zeit in Berlin überlebt


Die Kindheit von Irene Hallmann-Strauß in Berlin Wannsee ist geprägt von der Verfolgung ihrer Familie durch die Nationalsozialisten. Heute lebt sie in einem Haus voller Bücher mit einer über Generationen gewachsenen Bibliothek, wie sie erzählt. Die Bilder an den hellen Wänden sind teils ihre eigenen und teils die von anderen Malern und geben Zeugnis von einem bewegten Leben.

Die Kindheit in Berlin während der NS-Zeit hat das Leben von Irene Hallmann-Strauß geprägt.
Foto: Jaeger
   Die Kindheit in Berlin während der NS-Zeit hat das Leben von Irene Hallmann-Strauß geprägt.

        

»Meine Eltern haben uns trotz Todesangst und Verfolgung eine Kindheit erhalten können«, erzählt die 1933 geborene Hallmann-Strauß. Als Tochter des jüdischen Juristen Walter Strauß gilt sie trotz ihrer evangelischen Mutter als Jüdin und bekommt das im Alltag zu spüren. Sie musste sich zwar nicht verstecken, durfte aber nicht zur Schule gehen.

Stattdessen hatten sie und ihr Bruder einen Hauslehrer, den russischen Professor Konstantin Gregorjewitch Zeroschnikow. Man hatte ihm seine Lehrerlaubnis an der Berliner Universität entzogen und er riskierte viel, indem er die Strauß-Kinder unterrichtete. Auch zu Kindergeburtstagen wurde sie eingeladen. »Meine Geschenke wurden gerne genommen«, erinnert sich Hallmann-Strauß, »aber den Kuchen durfte ich nicht essen. Bis mir eine Diakonie-Schwester den Kuchenteller wieder hingestellt hat.«

Es ist ihr wichtig, neben dem Furchtbaren, das sie miterlebt und als Kind nicht immer verstanden hat, auch von den Menschen zu berichten, die ihrer Familie geholfen haben. Und dabei »Kopf und Kragen« riskierten, wie sie sagt.

»Das 20. Jahrhundert« von Künstlerin Irene Hallmann-Strauß.
Foto: Jaeger
   »Das 20. Jahrhundert« von Künstlerin Irene Hallmann-Strauß.

        

Furchtbar war es, wenn Menschen aus dem nahen Umfeld verschwanden und nicht mehr wiederkamen. Oder beispielsweise die »Nazi-Nachbarn« im Haus nebenan. Die beschwerten sich regelmäßig bei der Polizei und verlangten, dass die jüdischen Nachbarn entfernt würden. Dabei war Vater Walter schon vor dem Krieg zum evangelischen Glauben konvertiert. Doch für die Nazis galt das nicht - außerdem lockte der Besitz der Familie Strauß.

Geholfen hat der Familie Strauß die Polizei selbst: Sie rief per Telefon an und warnte mit einem Code: »Gustav kommt«, sodass der Vater sich vor der nahenden Hausdurchsuchung durch die SS verstecken konnte. War die Durchsuchung vorbei, hängten die Kinder ein weißes Handtuch ins Kellerfenster, dann wusste der Vater, er konnte zurückkommen.

Geholfen hat auch die Gemüsefrau Olga Lammer. Sie hat der Mutter Tamara Strauß im Dunkeln, wenn niemand genauer hinsah, Lebensmittel verkauft und damit der Familie das Überleben gesichert. Da zuletzt nur die Mutter Lebensmittelmarken bekam, wurde der Schmuck versetzt, um die Gemüsefrau zu bezahlen.

In der Familie selbst gehörte Hilfsbereitschaft dazu. Es waren oft »Onkel und Tanten« im Haus, die nach einiger Zeit wieder weg waren. »Darüber hat man nicht gesprochen«, so Hallmann-Strauß. Es war eine Selbstverständlichkeit.

Und sie hatte darin beeindruckende Vorbilder. Den Großvater, Hermann Strauß, Leiter der Inneren Abteilung des Jüdischen Krankenhauses in Berlin, der in das KZ Theresienstadt deportiert wurde. Dort hat er sein Möglichstes getan, die Mithäftlinge medizinisch zu versorgen, bis er 1944 im KZ an einem Herzinfarkt verstarb.

Der Vater, Walter Strauß, unterstützt nach dem Krieg den Wiederaufbau Deutschlands als Staatssekretär des Bundesministeriums für Justiz im Kabinett Adenauer. Auch am Grundgesetz arbeitet er als Mitglied des parlamentarischen Rats mit.

Hallmann-Strauß erzählt, dass sich viele fragen, wie er das machen konnte, nach allem, was er erlebt hat. Sie erinnert sich, dass ihr Vater zu ihr sagte: »Wer Angst hat, kommt in der Angst um.« Und er habe ihr beigebracht, dass man nie aufgeben dürfe. Er selbst habe sich als Deutscher gesehen und mit viel Engagement sein Land wiederaufgebaut.

Und die Rache, so Hallmann-Strauß, ist kein Teil der jüdischen Philosophie. Auch sie selbst trägt ihren Teil dazu bei, gegen Vorurteile vorzugehen. Sie hat die europäische Künstlergruppe Frequenzen gegründet, die den Austausch zwischen Künstlern fördert. Denn Hass entsteht aus der Unsicherheit, dem Einander-fremd-Sein. Dem möchte sie etwas entgegensetzen. Getreu dem Motto ihres Vaters: »Du darfst niemals aufgeben.«

 

  ZEITZEUGENGESPRÄCH: Mit Irene Hallmann-Strauß findet am Donnerstag, 25. Februar, um 19.30 Uhr in der Kirche Karmel Heilig Blut (Alte Römerstr. 91, Dachau) ein Gespräch statt. Der Eintritt ist frei.

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Pia Jaeger

 


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abgerufen 27.08.2016 - 08:22 Uhr

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