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Dieser Artikel: Ausgabe 08/2016 vom 21.02.2016
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Schere mit Schuhen

Von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen zeigen in Nürnberg ihre Kunstwerke


Installationen, Skulpturen, Puppen, Fotografien: Die Werke, die bis zum 4. März in der Geschäftsstelle des Diakonischen Werks in Nürnberg zu sehen sind, besitzen große Ausdrucksstärke. Die Künstler - Arbeit suchende Frauen und Männer - haben während der Entstehung erlebt, was sie zu leisten imstande sind.

Was von AEG übrig blieb: Klaus Weigel hat die Tristesse der Betriebsaufgabe in ein Foto gebannt - zu sehen in der Ausstellung »Arbeitslose Kunst«.
Foto: Diakonie/Weigel
   Was von AEG übrig blieb: Klaus Weigel hat die Tristesse der Betriebsaufgabe in ein Foto gebannt - zu sehen in der Ausstellung »Arbeitslose Kunst«.

        

Menschen, die lange Zeit arbeitslos sind, fühlen sich oft ausgegrenzt und abgewertet. Auch im reichen Deutschland gibt es Langzeitarbeitslosigkeit. Hunderttausende Menschen mühen sich vergeblich, wieder eine reguläre Beschäftigung zu bekommen. Die erste Idee, die hinter einem Kunstprojekt des Ökumenischen Arbeitslosenzentrums in Nürnberg stand: Diesem Schicksal sollte man ein Mahnmal setzen. »Es sollte die Botschaft haben: An Arbeitslosigkeit darf man nicht achtlos vorbeigehen«, erklärt Martina Beckhäuser.

Die Sozialpädagogin hat das Kunstprojekt »Arbeitslose Kunst« vor vier Jahren ins Programm gesetzt. Knapp zehn arbeitslose Menschen fühlten sich angesprochen, an dem Kunstwerk mitzutun. Über einen Entwurf redeten sie sich die Köpfe heiß und kamen nach ein paar Sitzungen zu dem Schluss: Ein gemeinsames Kunstobjekt kommt nicht zustande, »weil jeder seine individuelle Geschichte hat«, erklärt Beckhäuser. Also sollte schließlich jeder Künstler an seinen eigenen Werken arbeiten für eine gemeinsame Ausstellung.

Mit der Ausstellung in ihren eigenen Räumen erinnert die Diakonie an das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit - verbunden mit der Hoffnung, dass in den nächsten Jahren gerade für Langzeitarbeitslose mehr geschieht als im vergangenen Jahrzehnt. Die strukturellen Probleme von Arbeitslosigkeit müssten besser bekämpft werden. Es gehe um die gesellschaftliche Anerkennung von Menschen, die häufig von Abwertung und Diffamierung betroffen sind.

Ayse Langen will mit ihrem Objekt »Der Soziale Tod« genau das zeigen: dass nämlich »die Würde des Arbeitslosen nicht verletzt werden darf«. Die gelernte Künstlerin hat eine etwa 1,20 Meter hohe Schere geschaffen, die auf ihren Spitzen steht und Schuhe trägt. »Von heute auf morgen« steht auf der einen Hälfte der Schere, »Lebenseinschnitt« auf der anderen.

Eine Aussage, die so passend scheint für das, was Klaus Weigel widerfahren ist: Er war zuständig für den Bau großer Industrieanlagen, erzählt der knapp 60-Jährige. Gutes Geld habe er verdient, bis die Firma verkauft wurde. Sein nächster Arbeitgeber gab auch das Unternehmen an einen Investor ab. Nun steht Weigel ohne Beschäftigung da und wird bis zur Rente wohl auch arbeitslos bleiben.

Halt gibt ihm unter anderem seine Kamera, mit der er zum Beispiel aufgenommen hat, »was von der Geldgier übrig blieb«. Kurz bevor das Licht ausging, hat er ein leer geräumtes Firmengelände festgehalten. Eindrucksvoll auch sein Blick in einen endlos scheinenden Tunnel, in der Ferne ist die winzige Silhouette eines Menschen zu sehen.

Das Schicksal des Einzelnen zoomt Brigitte Rosner heran. Unter ihrem Künstlernamen Rosnero hat sie für 60 hölzerne Gliederpuppen in 39 verschiedenen Farben Outfits gestrickt, die Figuren angezogen und in eine Vitrine gelegt. Ein Zeichen gegen die Nacktheit, die Arbeitslose erleiden müssten, will sie damit setzen. »Die Gesellschaft macht sich ihre Arbeitslosigkeit selbst«, sagt Rosner, die als alleinerziehende Mutter auch schon auf Sozialhilfe oder die Tafel angewiesen war. »Und dabei kannte ich bis zum Alter von 32 Jahren das Wort Arbeitslosigkeit nicht einmal«, sagt sie.

Ihre vier Bilder in der Ausstellung stellen marionettenartige Holzfiguren dar, die existenzielle Erfahrungen erleben: »Der Sturz« beispielsweise zeigt den steilen Fall eines Menschen. Er scheint symbolisch für die Gefühlslage vieler Menschen zu stehen, die Arbeitslosigkeit erfahren müssen.

Nicht alle beteiligten Arbeitssuchenden aus dem Kurs schafften den Schritt in die Öffentlichkeit oder sie wollten ihn nicht tun. Martina Beckhäuser erzählt, eine Teilnehmerin habe in eines ihrer Objekte »alles Schlimme« eingebracht und anschließend das Werk verbrannt: »Der Prozess war wichtig.«

 

  DIE AUSSTELLUNG »Arbeitslose Kunst« in der Geschäftsstelle der Diakonie Bayern, Pirckheimerstraße 6, ist bis zum 4. März zu sehen. Öffnungszeiten sind Mo bis Do von 9 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 16 Uhr, Fr 9 bis 12.30 Uhr.

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Jutta Olschewski

 


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abgerufen 26.06.2016 - 04:40 Uhr

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