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Dieser Artikel: Ausgabe 09/2016 vom 28.02.2016
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Glaube unter der Haut

Der Münchner Sprachwissenschaftler Seth Bledsoe trägt christliche Tattoos in antiken Sprachen


Zwischen den Schulterblättern ziert ein Kreuz aus schwarzer Tinte Seth Bledsoes Rücken. Glaubenssätze in verschiedenen Sprachen rahmen es ein. Ein Tattoo, Stück für Stück entstanden auf seinem Lebensweg. Seth hat im letzten Jahr seinen Doktortitel in Florida gemacht. Jetzt unterrichtet er Jüdische Geschichte und Hebräisch an der Münchner LMU.

Seth Bledsoe an seinem Schreibtisch im Collegium Oecumenicum in München.
Foto: Frank
   Seth Bledsoe an seinem Schreibtisch im Collegium Oecumenicum in München.

        

Seth Bledsoe ist in Kingsport aufgewachsen, einem kleinen Städtchen im nordamerikanischen Tennessee. Warum der Ort so heißt, ist ihm ein Rätsel. »Dort hat es nie einen Hafen gegeben«, lacht er, »und auch ganz sicher keinen König.«

Seth wird in ein konservatives, beinahe fundamentalistisches Umfeld hineingeboren. Er ist Teil der »Südlichen Baptisten«, der größten US-amerikanischen protestantischen Gruppe. Der erste Berufswunsch liegt auf der Hand: Pfarrer. Doch bald ändert er diesen Plan. »Ich habe einmal gepredigt. Danach haben meine Freunde gesagt: Du klingst nicht, als würdest du eine Predigt halten, du hältst eine Unterrichtsstunde!« Anschließend entscheidet er, Lehrer zu werden.

Seth beginnt ein Studium, alte Sprachen faszinieren ihn. Griechisch und Hebräisch, aber zum Beispiel auch Aramäisch, das Jesus gesprochen hat. »Ich bin ein Sprachenfanatiker«, gibt er zu. Am Anfang seiner Studienzeit lässt er sich sein erstes Tattoo stechen: das Kreuz mit der Abkürzung für »Jesus Christus« in griechischen Buchstaben.

Lukas 23, 42 und Jesaja 53, 5 (»Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. [Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.]«) zieren den Rücken von Seth. Der lateinische Spruch stammt von dem Spätscholastiker und Gründungsmitglied der Universität Tübingen Gabriel Biel (1415-1495): »Und im Erdulden des Todes werden wir gekrönt.«
Foto: Frank
   Lukas 23, 42 und Jesaja 53, 5 (»Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. [Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.]«) zieren den Rücken von Seth. Der lateinische Spruch stammt von dem Spätscholastiker und Gründungsmitglied der Universität Tübingen Gabriel Biel (1415-1495): »Und im Erdulden des Todes werden wir gekrönt.«

        

Damals prägt den jungen Studenten seine konservative Erziehung sehr. Deshalb gesellen sich zu dem Kreuz bald zwei Bibelverse, einer auf Hebräisch und dieser auf Griechisch: »Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.« Es ist ein Satz aus der Kreuzigungsszene. Gesprochen von einem Verbrecher, der neben Jesus am Kreuz hängt. »Das Zitat bedeutet für mich, dass es für alle Menschen Vergebung gibt, selbst im Tod«, erklärt Seth.

Doch vieles ändert sich, als der junge Mann für sein Masterstudium an die Universität North Carolina kommt. Es sei wohl die kritischste, aber auch eine der wichtigsten Phasen seines Lebens gewesen, meint er. »Viele, die aus ähnlichen Verhältnissen stammten wie ich, sind dort zum ersten Mal wirklich mit Kritik an der Kirche in Kontakt gekommen. Für einige war das eine große Enttäuschung.«

Seth benutzt das englische Wort »dis­enchantment«. Direkt übersetzt bedeutet das so viel wie »Entzauberung«. Für viele von Seths Studienkollegen hat die Kirche damals ihren Zauber verloren. Auch sein eigenes Blickfeld habe sich immer mehr erweitert, erzählt er. Deshalb finden sich bald zwei weitere Zitate neben dem Kreuz auf seinem Rücken. Ein lateinisches und eines auf Deutsch, das mehr als alle anderen auffällt. In verschnörkelter Schrift steht auf Seths rechtem Oberarm: »Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.«

Kein Bibelzitat, keine Weisheit aus den antiken Schriften, die er so gern studiert. Der Satz stammt vom Religionskritiker Friedrich Nietzsche. »Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht mehr an Gott glaube. Mein Gott soll das Gute im Menschen sehen und auch selbst nicht langweilig und trocken sein. Er soll Spaß haben!«

Seth weiß allerdings, dass diese Einstellung nicht jeder unterschreiben kann. Besonders in seiner alten Heimat, im traditionell beschaulichen Kingsport, Tennessee. Aber das nimmt der Akademiker mit Humor: »Meiner Oma würde ich nicht erzählen, was auf meinem Arm steht. Ich würde ihr wahrscheinlich sagen, es wäre irgendein Satz aus der Bibel.«

Seit dem ersten Tattoo sind mittlerweile zwölf Jahre vergangen. Seth ist heute 32 Jahre alt und beherrscht zehn Sprachen, hauptsächlich antike. »Der Plan war eigentlich, ein Tattoo in jeder Sprache zu stechen, die ich kann. Das wird aber wohl nichts mehr. Wenn ich mein nächstes nicht bekomme, bevor ich 35 bin, höre ich damit auf. Das habe ich mir vorgenommen.«

Auf die Frage, was denn der größte Unterschied zwischen den Staaten und Deutschland sei, kommt die Antwort prompt: »Die Mentalität ist völlig verschieden, vor allem was die Arbeit angeht. In den USA ist alles auf Bequemlichkeit ausgelegt. Die Supermärkte haben zum Beispiel das ganze Wochenende über geöffnet. Aber wenn die Deutschen arbeiten, dann arbeiten sie. Und wenn sie nicht arbeiten, dann nicht. Freizeit und Arbeit sind viel strikter getrennt.« Ob das gut oder schlecht sei? »Wahrscheinlich beides.«

Aus dem konservativ religiösen Studenten Seth ist ein weltoffener Mann geworden. Diese Entwicklung hat Spuren aus schwarzer Tinte auf seinem Rücken hinterlassen. »Meine Tattoos zeigen, wie sich meine Ansichten im Lauf der Zeit verändert haben. Und zwar nicht nur im Religiösen, sondern auch im Menschlichen.«

Es habe auch Zeiten gegeben, gibt er zu, in denen er sich wünschte, er hätte die Tattoos nicht stechen lassen. »Aber heute weiß ich, jedes einzelne ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich bereue nichts.«

Sollte sich Seth in den nächsten Jahren tatsächlich noch für ein neues Tattoo entscheiden, dann wäre es wahrscheinlich auf Aramäisch. Oder in ägyptischen Hieroglyphen. »Eigentlich muss ich mir mindestens noch eines stechen lassen. Momentan ist es asymmetrisch, das stört mich.« Sollte seine Wahl tatsächlich auf die antike ägyptische Schrift fallen, würde dieser Satz dem Nietzsche-Zitat die Stirn bieten: »Aus meinem Schweiß habe ich die Götter, aber aus meinen Tränen die Menschheit geschaffen.«

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Franz Knorr

 


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abgerufen 30.06.2016 - 23:09 Uhr

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