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Dieser Artikel: Ausgabe 09/2016 vom 28.02.2016
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Kirchliche Publizistik muss Fürsprache üben

Multimedia-Projekt zum 40. Todestag des evangelischen Medienpioniers Robert Geisendörfer


Ein unscheinbarer, engbeschriebener Gemeindebrief aus dem Kriegsjahr 1943 ist der Anfangspunkt eines immensen publizistischen Werkes. Der junge evangelische Gemeindepfarrer Robert Geisendörfer (1910-1976) schreibt seiner Gemeinde im oberbayerischen Brannenburg von der christlichen Hoffnung in einer »Welt mit all ihrem Schrecken«. Nach diesen ersten Anfängen wurde Geisendörfer zu einem evangelischen Medienpionier, der bis heute tragfähige Strukturen für die kirchliche Publizistik geschaffen hat. Mit einem Multimedia-Projekt erinnert der Evangelische Presseverband für Bayern (EPV) jetzt an den 40. Todestag Geisendörfers am 26. Februar.

Robert Geisendörfer bei der Übertragung eines Fernsehgottesdienstes aus dem Heilsbronner Münster.
Foto: EPV-Archiv
   Robert Geisendörfer bei der Übertragung eines Fernsehgottesdienstes aus dem Heilsbronner Münster.

        

Von 1937 bis 1947 betreut Geisendörfer die wenigen Protestanten in dem Diaspora-Gebiet an der bayerisch-österreichischen Grenze. Seine Berufung in das Medienamt kommt für ihn überraschend. Er sei dem damaligen Landesbischof Hans Meiser wohl durch seine Gemeindebriefe aufgefallen, mutmaßt Geisendörfer selbst.

Die Anfänge in München sind bescheiden: Der Presseverband hat nur provisorische Räume, in die bei starkem Regen Nässe dringt: »Wir legten Ziegelsteine und Bretter aus, um nicht an unseren Schreibtischen mit den Füßen im Wasser zu sitzen«, schreibt Geisendörfer in seinen Erinnerungen.

Aus kleinen Anfängen baut Geisendörfer mit Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und diplomatischem Geschick die evangelische Publizistik in Deutschland mit auf und hat prägenden Einfluss im Evangelischen Presseverband für Bayern (EPV). Später wird er Gründungsdirektor des überregionalen Gemeinschaftswerkes Evangelischer Publizistik (GEP) in Frankfurt am Main, sorgt als erster Fernsehbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für regelmäßige kirchliche Sendeplätze und hebt eine Vielzahl von Zeitschriften und Medienorganisationen aus der Taufe.

Mit einigen wenigen Mitarbeitern gibt Geisendörfer mehrere Zeitschriften, darunter als Flaggschiff das »Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern«, heraus. In dieser Anfangsphase müssen bei dem Versand der Direktor wie auch seine Frau Ingeborg, die später viele Jahre für die CSU im Bundestag sitzt und als eine der ersten Frauen der Landessynode angehört, und die kleine Tochter Ursula mit Hand anlegen.

1960 zieht der inzwischen auf über 100 Beschäftigte enorm angewachsene Presseverband in ein neugebautes Medienzentrum in München um. Dieses Pressehaus am Rande der Innenstadt, das in zwei Gebäuden die Redaktionen von Kirchenzeitung, Nachrichtenagentur, Fachpublikationen und eine eigene Druckerei beherbergt, ist zu dieser Zeit ohne Beispiel in der kirchlichen Medienlandschaft.

In München begründet Geisendörfer auch die evangelische Fernseh-Produktionsfirma Eikon. Die Eikon-Serie »Unser Walter« stellt zum ersten Mal im Vorabendprogramm ein behindertes Kind als »Serienhelden« in den Mittelpunkt.

Geisendörfers organisatorischen Fähigkeiten und sein Vermögen, Talente an sich zu binden und Strukturen zu schaffen, kommen ihm beim Aufbau des überregionalen Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik zugute. Nach langen Vorarbeiten und mühseligen Gremien-Diskussionen kann Geisendörfer am 5. Juli 1973 das »Gemeinschaftswerk« der kirchlichen Publizistik in Frankfurt/a.M. starten. Damit sind alle wesentlichen publizistischen Kräfte innerhalb der EKD zum ersten Mal unter einem Dach vereint.

Bei seinen Bestrebungen, den kirchlichen Journalismus zu profilieren, geht Geisendörfer von einer glasklaren theologischen Grundlage aus. Wie die Kirche insgesamt habe auch die kirchliche Publizistik die Aufgabe, Stellvertreter zu sein für Menschen, die in der Gesellschaft am Rand stehen. Geisendörfers Devise, »kirchliche Publizistik soll etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen«, gelte heute mehr denn je, betont der jetzige EPV-Direktor Roland Gertz in einer Pressemitteilung zum Todestag Geisendörfers.

Voraussetzung für diese Stellvertreteraufgabe ist für Geisendörfer die journalistische Unabhängigkeit. Diese Freiheit von Gängelung, Zensur und Ansprüchen der Kirchenleitung vertritt Geisendörfer beharrlich. Diese Unabhängigkeit hat Geisendörfer, der laut Zeitgenossen durchaus Freude an skurrilem Verhalten hatte, immer wieder auch selbst vorgelebt. Weil ihm beispielsweise das Zeitdiktat von Zugfahrplänen zuwider war, geht er grundsätzlich ohne jede Vorbuchung zum Bahnhof und nimmt den nächsten Zug, der kommt.

Zur Professionalität gehört für ihn auch die Nutzung von medialen Vermittlungsformen für christliche Inhalte. Tief beeindruckt hat ihn dabei eine Informationsreise 1949 in die USA, bei der Geisendörfer vor allem die Möglichkeiten der damals noch jungen Medien Radio und Film für christliche Verkündigung kennenlernte.

In Deutschland hat der Ende 1948 von Geisendörfer gegründete evangelische »Filmbeobachter« fast eine Monopolstellung und großen Einfluss im Filmgeschäft: Für die Kinobesitzer gilt das Prinzip der »Blockbuchung«, was bedeutet, dass sie einen interessanten Streifen als Hauptfilm nur zusammen mit anderen Filmen vorführen dürfen, die sie jedoch noch nie gesehen haben. Die nötigen Informationen über diese Begleitfilme liefert ihnen der »Filmbeobachter«, der Vorläufer von »epd Film«.

Am 26. Februar 1976 stirbt Robert Geisendörfer, der schon lange an Angina Pectoris litt, in Frankfurt nach einer Dienstreise auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung an einem Herzinfarkt. Zu seiner Beerdigung drei Tage später auf dem Friedhof im oberbayerischen Oberaudorf versammelt sich Prominenz aus Kirche und Medien. Auf seiner Grabsäule steht der Spruch aus dem 139. Psalm: »Von allen Seiten umgibst Du mich«.

 

  Im Internet unter  www.robert-geisendoerfer.de

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Achim Schmid

 


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abgerufen 30.09.2016 - 01:47 Uhr

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