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Dieser Artikel: Ausgabe 10/2016 vom 06.03.2016
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Lust am Leben

Weltgebetstag 2016: Kuba - Zwei Frauen im Gespräch

Von Nicole Marten

Urlauber sind begeistert von der Lebensfreude, die die Menschen in Kuba ausstrahlen. Die Liturgie des Weltgebetstags am 4. März hat in diesem Jahr den Inselstaat im Blick. Midiam und Mercedes, zwei kubanische Frauen, erzählen von ihrem Alltag zwischen Unbeschwertheit und täglichen Mühen.

Als die kubanischen Frauen 2012 die Liturgie für den Weltgebetstag erstellt haben, konnten sie sich nicht vorstellen, welche Änderungen es bis zum Weltgebetstag in diesem Jahr auf politischer Ebene geben würde.
Foto: Maridav/shutterstock.com
   Als die kubanischen Frauen 2012 die Liturgie für den Weltgebetstag erstellt haben, konnten sie sich nicht vorstellen, welche Änderungen es bis zum Weltgebetstag in diesem Jahr auf politischer Ebene geben würde.

        

Musik, Theater und die Kirche spielen im Leben von Midiam Caridad Lobaina Gomez eine große Rolle. Sie liebt es zu tanzen, genießt die Gottesdienste und freut sich daran, in andere Rollen zu schlüpfen. Das war nicht immer so. Erst als sie acht Jahre lang ihre Mutter mit Alzheimer zu Hause pflegte, wurde ihr bewusst, dass sie auch Zeit für sich brauchte. Früher hat die jetzt 52-Jährige sich nur um die Familie, den Haushalt und ihre Arbeit gekümmert. Jetzt sucht sie sich manchmal Freiräume wie das Theater, das Tanzen, aber auch Tai Chi.

Mercedes Morris Amaya ist neun Jahre jünger und steckt voll im Trott von Haushalt, Beruf und Kirche. »Oft schlafe ich nur vier Stunden pro Nacht«, sagt die 43-Jährige lachend. Ihre Lebensfreude stört das nämlich nicht. Schließlich sind es ihr Beruf und ihre Kirchengemeinde, eine pfingstlerische Hauskirche, die ihr Leben erfüllen.

Midiam aus Havanna war im vergangenen Herbst zusammen mit Mercedes aus Santiago de Cuba in Deutschland zu Besuch, um Frauen hier auf den Weltgebetstag einzustimmen. Dabei haben die beiden nicht schlecht gestaunt, wie einfach es sich hierzulande leben lässt. Dass man alle Lebensmittel in einem einzigen Laden kaufen kann, kennen sie aus ihrer Heimat nicht. In Kuba sind sie dafür stundenlang unterwegs, obwohl sie beide in großen Städten leben. In keinem Geschäft gibt es wirklich alles und manchmal sind die Preise extrem hoch. Dann heißt es, wieder woandershin gehen, nochmal Schlange stehen.

Kubanische Lebensfreude.
Foto: WGT/Heiner
   Kubanische Lebensfreude.

        

Viel Zeit braucht es auch, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. »Eine S-Bahn oder Züge so wie hier gibt es bei uns nicht«, sagt Midiam. Erstaunt waren die beiden Frauen deshalb auch darüber, wie schnell sie die Strecke zwischen Stuttgart und Karlsruhe zurückgelegt haben. »Für dieselbe Strecke wären sie in Kuba vier Stunden unterwegs gewesen statt einer«, erläutert Yasna Crüsemann vom Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung, die beim Gespräch als Übersetzerin dabei ist.

Überhaupt, das Alltagsleben. Gerade Hausarbeit ist oft beschwerlich. Mercedes beispielsweise hat keine Waschmaschine, sie wäscht von Hand. Dabei hat ihr das der Arzt eigentlich verboten, weil sie nach einer Operation ihre Hand nicht mehr so stark belasten soll.

Außerdem lebt sie »auf einer Baustelle« - ihr Haus wurde, wie viele andere, durch den Hurrikan Sandy im Jahr 2012 stark beschädigt. »Ich muss Geld sparen, damit ich die Reparaturen bezahlen kann«, sagt Mercedes. Der Großteil ihres Einkommens geht für die Stromkosten drauf. Geld für Renovierungen bleibt da oft nicht übrig. Zumal derjenige sich um die Reparaturen kümmern und sie auch bezahlen muss, dem das Haus gehört. Da Mercedes das Haus von ihren Eltern geerbt hat, ist sie dafür allein verantwortlich, ihr Mann hilft ihr dabei nicht.

Selbstbewusst und fröhlich: Die Kubanerinnen Midiam Caridad Lobaina Gomez (links) und Mercedes Morris Amaya.
Foto: Benny Ulmer
   Selbstbewusst und fröhlich: Die Kubanerinnen Midiam Caridad Lobaina Gomez (links) und Mercedes Morris Amaya.

        

Er hilft ihr auch kaum im Haushalt: »Früher, als wir noch frisch verliebt waren, hat er auch mal den Tisch gedeckt. Doch jetzt hat er eine Arbeit, da ist er wichtig. Den Tisch deckt er nicht mehr.« Und so rackert sich Mercedes im Haushalt ab. Und so ganz nebenbei geht sie auch noch in Vollzeit arbeiten.

Midiam stimmt mit ein: »Das weckt bei mir Erinnerungen daran, wie es mir ging, als ich in deinem Alter war«, wendet sie sich an Mercedes. Midiam berichtet, dass ihr Mann erst im Laufe der Jahre gelernt habe, dass er im Haushalt mithelfen sollte. Allerdings: »Wenn ich unterwegs bin, würde seine Mutter ihn bekochen. Doch das macht er dann lieber selbst. Manchmal frage ich ihn, warum er nicht auch mal für mich kocht.« Dennoch will sich Midiam nicht beklagen. Schließlich kommandiert ihr Mann sie nicht herum, und er ist auch nicht gewalttätig. Und: »Ich kann mich selbst verwirklichen.«

»Wir lesen in der Bibel, welche Modelle von Macht es gibt«

Machismo, die von Männern dominierte Gesellschaft, ist für Midiam das Stichwort, um von ihrer Arbeit zu erzählen. Sie ist beim Kubanischen Kirchenrat angestellt und koodiniert die Frauenabteilung dort. Die organisiert Kurse für Frauen. Sie sollen sich beispielsweise mit dem Thema Macht auseinandersetzen.

»Wir lesen in der Bibel, welche Modelle von Macht es gibt«, sagt Midiam. Und auch mit der Frage, was Führung aus biblischer Sicht bedeutet. Gewaltfreiheit und die Bereitschaft zur Konfliktlösung sind hier die Stichworte. Außerdem begleitet und unterstützt der Kirchenrat Frauen, die mit häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Dazu bildet er Beraterinnen aus, die vor Ort helfen. Eine andere Gruppe in ihrer Abteilung kümmert sich um Gottesdienstordnungen, denn diese müssten Frauen einbinden. Oder Kinder. Oder Menschen mit Behinderungen. »Wir müssen an der Sprache arbeiten; auch daran, wie wir zu einer Friedenskultur kommen«, sagt Midiam. Ihr Ziel ist dabei ein großes: »Dass Kirche zu einem Raum der Gleichheit und Gerechtigkeit wird«.

Fromm im Sozialismus: »Wir lesen in der Bibel, welche Modelle von Macht es gibt«, sagt Midiam.
Foto: WGT/Karin Schmauder
   Fromm im Sozialismus: »Wir lesen in der Bibel, welche Modelle von Macht es gibt«, sagt Midiam.

        

Mercedes koordiniert bei einer christlichen Bildungseinrichtung die Abteilung Ökologie und setzt sich dafür ein, dass die Umwelt geschützt wird. Das fängt mit ganz kleinen, aber wichtigen Dingen an. So reinigen sie und ihre Kollegen Kanalsysteme, wenn sie verstopft sind. Sie legen Gärten an - so können Menschen mit dem selbst angebauten Obst und Gemüse ihre Speisekarte erweitern. Wenn die Müllabfuhr nicht kommt, organisieren sie Pferdekutschen, die den Müll einsammeln. Manchmal wird eine ehemalige Müllhalde in einen Spielplatz verwandelt. Dann geht Mercedes das Herz auf.

An der Küste sprechen sie und ihre Kollegen mit den Fischern: Sie sollen die Fische, die sie nicht brauchen, wieder ins Meer zurückwerfen - lebend, versteht sich. Ihre Organisation reinigt auch die Strände und verarbeitet organischen Müll zu Dünger. Und sie bildet beispielsweise Erzieherinnen als Multiplikatoren aus: Die sollen sich für aussterbende Pflanzen, aussterbende Tiere engagieren, oder gegen die Verschmutzung der Flüsse, und ganz praktisch den Kindern beibringen, wie man aus Plastiktüten Pflanzkübel macht.

Woher sie die Kraft für ihr Engagement nimmt und die Freude am Leben, das doch im Alltag so beschwerlich und mühsam ist? Mercedes findet im christlichen Glauben Halt. Ihre pfingstlerische Hausgemeinde hat eine »ökumenische Perspektive und große theologische Weite«, wie sie sagt. Die Gemeinde nimmt einen großen Teil im Leben von Mercedes ein. So dauert alleine schon der Sonntagsgottesdienst zwei Stunden.

Dienstags trifft man sich in Haus- und Gebetskreisen und donnerstags nach Gruppen: Jugendliche, Frauen, Kinder, Männer. Dazu gibt es eine intensive Zusammenarbeit mit der örtlichen Niederlassung des Bildungszentrums Martin Luther King. Das bietet Bibelkurse an zum Beispiel zu Themen wie Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Frieden. Und zu innerfamiliärer Gewalt, denn das ist ein großes Thema auf Kuba. Das Bildungszentrum hat Psychologen vor Ort, die Menschen betreuen, die über ihre Gewalterfahrungen sprechen wollen.

Der Ehemann von Baptistin Midiam ist reformiert. Sonntags geht sie mal in die eine, mal in die andere Gemeinde. »Ich predige Ökumene nicht, ich lebe sie«, spricht sie und lacht dabei. Oft gibt es in ihrer Gemeinde montags einen Gottesdienst mit einem besonderen Schwerpunkt, zum Beispiel dem Gebet. Donnerstags treffen sich die Gemeindemitglieder zum Bibelkreis. Und samstags sind die Familien oder Jugendlichen unter sich. Häufig nicht in der Kirche, sondern zu bestimten Unternehmungen.

Am Tag der Schöpfung beispielsweise haben sie Müll gesammelt und Bäume gepflanzt. Bei einer anderen Gelegenheit war »Tag der Familie« mit Vorträgen und Bibelarbeiten. Das, sagt Midiam, sei besonders wichtig gewesen. Denn in Kuba lebten viele Generationen unter einem Dach, oft in kleinen Räumen. »Das führt häufig zu Konflikten«, sagt Midiam. Kirche müsse eine Antwort darauf geben, wie es sich dennoch gut zusammen lebenlässt.

Wir beten für die Harmonie untereinander

Das ist auch Midiams Anliegen für den Weltgebetstag der Frauen: »Dass wir für die Gemeinschaft mit unseren Familien und in den Gemeinden danken können. Dass wir aber auch für die Harmonie untereinander beten«.

Midiam ist Mitglied im nationalen Komittee des Weltgebetstags. Die kubanischen Frauen hätten sich das Thema Hoffnung für die Liturgie gewünscht, das internationale Komittee hat ihnen das Thema Kinder gegeben. »Dann haben wir uns an José Marti erinnert.« Der kubanische Poet und Schriftsteller habe einmal gesagt: »Kinder sind die Hoffnung der Welt.« »Und da haben wir uns gefragt, was wir für unser Land und unsere Kinder wollen.« Kinder seien der größte Schatz in Kuba. Deshalb habe der erste Teil der Liturgie auch diesen Schwerpunkt.

Im zweiten und dritten Teil geht es um die Wünsche der kubanischen Frauen: »Dass es sich in unserem Land gut leben lässt, und dass wir die guten Dinge, die wir errungen haben, behalten«, sagt Midiam. Unter den guten Dingen versteht sie Werte wie Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein.

Und natürlich wünschen sich die Frauen, dass sie künftig mit weniger Mangel und mit weniger Mühen leben können. »Wir wünschen uns, dass es einfacher wird, das Leben zu organisieren. Wir haben so viele gut ausgebildete Frauen, die sehr viel Zeit investieren müssen, nur um die Grundbedürfnisse von sich und ihren Familien zu decken.«

Mangeljahre, davon habe es in der Vergangenheit nämlich viele gegeben. Zum einen hat die Auflösung des Ostblocks 1990 Kuba in eine Wirtschaftskrise gestürzt. Zum anderen war da das inzwischen aufgehobene Handelsembargo der USA, unter dem die kubanische Bevölkerung 50 Jahre lang gelitten hat. Dieses Embargo sei auch deshalb so schlimm gewesen, »weil es sich nicht nur auf die USA bezog«. Fast alle anderen Länder der Welt hätten mitgemacht.

Als die kubanischen Frauen 2012 die Liturgie für den Weltgebetstag erstellt haben, konnten sie sich nicht vorstellen, welche Änderungen es bis zum Weltgebetstag in diesem Jahr auf politischer Ebene geben würde. Midiam glaubt, dass es ein Segen ist, dass ihr Land gerade jetzt in den Blickpunkt kommt.

DER WELTGEBETSTAG

  IN 170 LÄNDERN treffen sich am 4. März Frauen zu ihrem diesjährigen Weltgebetstag. Die Gottesdienstordnung dazu stammt von Christinnen aus Kuba. Unter dem Titel »Nehmt Kinder auf und ihr nehmt mich auf« erzählen sie von ihren Sorgen und Hoffnungen angesichts der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in ihrem Land. Wie das deutsche Weltgebetstagskomitee in Stein bei Nürnberg mitteilt, begreifen die kubanischen Christinnen ein gutes Zusammenleben von Jung und Alt als Herausforderung, denn insbesondere junge Menschen verlassen den Karibikstaat aus wirtschaftlichen Gründen. Sie nehmen Bezug auf eine Geschichte im Markusevangelium ( 10, 13-16), in der Jesus Kinder zu sich kommen lässt und sie segnet.

  IN DEN VERGANGENEN JAHREN ist der Unterschied zwischen Arm und Reich in Kuba gewachsen und das international anerkannte Bildungs- und Gesundheitssystem gefährdet. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International beklagten zudem seit Langem eine massive Einschränkung der Presse- und Versammlungsfreiheit.

  DAS TITELBILD der Gottesdienstordnung hat die kubanische Künstlerin Ruth Mariet Trueba Castro illustriert. Zu sehen sind Motive aus dem Alltag der Menschen - beispielsweise ein Pferdekarren - und Symbole wie die Königspalme. Sie ist der kubanische Nationalbaum. Im Vordergrund halten sich eine helle und eine dunkle Hand. Die Erklärung: »Sie bringen nicht nur das Miteinander der Generationen zum Ausdruck, sondern auch die Vielfalt innerhalb der kubanischen Bevölkerung, die selbstverständlich in die Familien hineinreicht.«

  ZUM DEUTSCHEN KOMITEE gehören zwölf kirchliche Frauenverbände und -organisationen aus neun verschiedenen Konfessionen. Vorstandssprecherin ist Luise Schröder (Hamburg) von der Heilsarmee. Die Idee zum Weltgebetstag stammt aus den USA. Dort versammelten sich Christinnen erstmals 1887. 1927 wurde der erste internationale Gebetstag gefeiert. Die miteinander vernetzten Gottesdienste sollen das Verständnis für andere Kulturen stärken. Etwa 50 Prozent der 11,2 Millionen Kubaner sind Katholiken, acht Prozent sind Protestanten.

 

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abgerufen 09.12.2016 - 20:16 Uhr

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