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Dieser Artikel: Ausgabe 10/2016 vom 06.03.2016
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»Europa haben nicht nur Christen gebaut«

Der Würzburger Philosophie-Professor Dag Nikolaus Hasse ist einer von zehn Leibniz-Preisträgern 2016


Der Würzburger Philosophiehistoriker Dag Nikolaus Hasse gehört dieses Jahr zu den Leibniz-Preisträgern. Der Experte für den arabischen Einfluss in Europa will sich mit den 2,5 Millionen Euro wieder etwas wissenschaftlichen Freiraum schaffen.

»Sobald die Leute heute das Wort Islam hören, denken sie an Sprengstoffgürtel«, bedauert Hasse. Diese »Haltung der Ignoranz« will der Philosophiehistoriker aufbrechen - auch an Universitäten.
Foto: epd-bild
   »Sobald die Leute heute das Wort Islam hören, denken sie an Sprengstoffgürtel«, bedauert Hasse. Diese »Haltung der Ignoranz« will der Philosophiehistoriker aufbrechen - auch an Universitäten.

        

Dag Nikolaus Hasse liebt das Risiko. Lange konnte sich der Professor für Geschichte der Philosophie nicht entscheiden, was nun seine Profession werden sollte: Lateinische Philologie? Geschichte? Philosophie? Oder doch Arabistik? »Das war nicht ungefährlich für meine wissenschaftliche Karriere«, sagt Hasse. Den einen war er zu latinistisch, den anderen zu arabistisch, den Dritten zu philosophisch.

Ganz falsch scheint es der 46-Jährige jedenfalls nicht gemacht zu haben. Heute lehrt Hasse an der Uni Würzburg als Professor. Nun wurde er am 1. März in Berlin mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet.

Geschichte der Philosophie - das klingt nach Elfenbeinturm der Wissenschaft. Aber Hasses Spezialgebiete sind hochaktuell: Er ist Experte für den Wissenstransfer aus dem arabischen Orient ins mittelalterliche Abendland. Die für den Westen wichtigen Verbindungen in den Osten - sie werden heute gern kleingeredet oder ausgeblendet.

»Sobald die Leute heute das Wort Islam hören, denken sie an Sprengstoffgürtel«, sagt Hasse. Diese »Haltung der Ignoranz« gelte es aufzubrechen - auch an Universitäten.

Hasse will mit seiner Kritik nicht moralisieren

Der Preisträger erinnert an die Jahrhunderte, in denen Spanien unter muslimischer Herrschaft stand. »Das ist eine lange und wichtige Zeit, die kann man aus der Geschichte Europas nicht wegdiskutieren«, sagt er. Auch Averroes, dem der Philosophieprofessor einen Gutteil seiner Forschung widmet, war ein muslimischer Spanier.

»An der geistigen Tradition Europas haben nicht nur die Griechen und Christen gebaut, sondern auch viele andere: die alten Ägypter und Mesopotamier, Juden, Araber, heidnische Slawen und Germanen, die französischen Atheisten«, betont der Professor.

Moralisierend will Hasse bei seiner Kritik nie klingen: »Ich kann verstehen, wenn Menschen mit Sorge in die Zukunft blicken - und auch vor der Zahl der Flüchtlinge zunächst erschrecken«, findet er: »Aber bei allem Verständnis: Es hilft nichts, sich gedanklich auf etwas einzuengen, was es so nie gegeben hat.« Die europäisch-orientalische Welt des Mittelalters war selbst in Zeiten der Kreuzzüge ein sehr durchlässiger Wissensraum. Viele christliche Kleriker hatten keinerlei Berührungsängste mit dem Wissen der arabisch-islamischen Welt.

Dass die Araber den Europäern bis ins hohe Mittelalter hinein in vielen Dingen überlegen waren, illustriert für Hasse allein folgende Zahl: So habe die Klosterbibliothek von St. Gallen im frühen Mittelalter über 426 Titel verfügt, die Kalifenbibliothek im muslimisch-spanischen Cordoba über 400 000 Titel, sagen die arabischen Geschichtsschreiber. Das ist eine symbolische Zahl, aber 100 000 Titel sind realistisch.

»Entgegen der landläufigen Meinung hat sich im Orient keine Abwärtsentwicklung nach dieser klassischen Zeit vollzogen«, sagt Hasse. Vielmehr ist es das Europa der frühen Neuzeit, das eine explosionsartige Entwicklung durchgemacht habe in einem Prozess, in dem sehr viele Faktoren eine Rolle spielten: Ideen, Erfindungen, gesellschaftliche Strukturen, das Gold der Kolonien.

Die Leibniz-Preise gelten als deutscher Nobelpreis. Heuer erhalten zehn Wissenschaftler eine der jeweils mit 2,5 Millionen Euro dotierten Auszeichnungen. Drei arbeiten in Bayern. »Ich war überrascht, als die Nachricht kam«, erinnert sich Hasse. Auch 2014 war er nominiert - und ging leer aus. »Dass ich immer noch im Rennen war, wusste ich nicht«, sagt er.

Was macht nun ein Philosophiehistoriker mit 2,5 Millionen Euro, über die er für seine wissenschaftliche Arbeit frei verfügen kann? »Ich will mir etwas Zeit lassen mit der Entscheidung«, sagt Hasse: »Ich muss keinen Antrag ausfüllen, keiner Kommission gefallen, mir wird nichts weggestrichen.« Während ein Physiker sich wohl zwei, drei teure Apparaturen kaufen würde, will Hasse Personal einstellen. Einerseits, um die Forschung zur Geschichte von Orient und Okzident voranzubringen, andererseits, um sich »wissenschaftlichen Freiraum zu schaffen«.

Eines jedenfalls, das will er nicht: die Bodenhaftung verlieren, Leibniz-Preis hin oder her. Die Gefahr scheint jedoch gering. Als Hasse von der Auszeichnung erfahren und seiner Familie davon berichtet hat, wollten die Kinder zur Feier des Tages Schnitzel essen. »Eine gute Idee«, findet Hasse.

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Daniel Staffen-Quandt

 


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abgerufen 30.09.2016 - 03:28 Uhr

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