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Dieser Artikel: Ausgabe 10/2016 vom 06.03.2016
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»Was, ihr hört schon auf?«

Nach sechs Wochen endete das Nürnberger Vesperkirchen-Projekt der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde


Schätzungsweise 10 000 Liter Kaffee, 30 000 Essensportionen, mehr als 300 Helfer, schöne Melodien, viel Kuchen: Die Nürnberger Vesperkirche war ein großes Projekt. Es ist gelungen und wird ziemlich sicher im kommenden Jahr wiederholt.

Die Vesperkirche in der Nürnberger Südstadt soll es auch im nächsten Jahr wieder geben.
Foto: epd
   Die Vesperkirche in der Nürnberger Südstadt soll es auch im nächsten Jahr wieder geben.

        

Vikarin Nina Mützlitz fürchtet den Blues danach. Was werden rund 500 Gäste und auch die mehr als 300 Ehrenamtlichen tun, wenn die Vesperkirche Nürnberg ihre Pforten nach sechs Wochen wieder geschlossen hat? Sie denkt besonders an Witwen und Witwer, mit denen sie in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in den vergangenen Wochen an den Tischen gesessen hat. »Ich habe mir nicht vorstellen können, dass das Thema Einsamkeit so stark ist«, sagt die junge Pfarrerin.

Sie ist froh, dass drei Stammgäste, alleinstehende ältere Damen, verabredet haben, sich ab Montag mangels Vesperkirche beim Metzgerimbiss zum Mittagessen zu treffen. Und die Ehrenamtlichen aus der Küche, dem Empfang, der Reinigungstruppe oder der Essensausgabe haben sich in einer WhatsApp-Gruppe zusammengeschlossen und wollen den Kontakt auch nicht verlieren. Viele Besucher der ersten Nürnberger Vesperkirche haben in den letzten Tagen oft erstaunt gefragt: »Was, ihr hört schon auf?«

Christa Schmeißer, die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, erklärte dann geduldig, dass die Vesperkirche ja kein Gasthaus sei, sondern sechs Wochen lang von Ehrenamtlichen getragen wurde. Aber wer sich erkundigte, ob es im kommenden Jahr in der Kirche in der Südstadt wieder eine Vesperkirche geben wird, erhielt Schmeißers fröhliche Antwort: »Es bleibt uns gar nichts anderes übrig.«

Wohler wäre ihr aber, wenn sie wüsste, dass sie noch ein paar Sponsoren gewinnen könnte, die vielleicht 5000 Euro spenden. Das Tausender-Set Geschirr und eine moderne Industrie-Spülmaschine waren für die Kirchengemeinde eine hohe Anfangsinvestition. Der eine Euro pro Essen deckte die Kosten nicht. Besser gestellte Gäste bezahlten auch mal fünf oder zehn Euro für ihr Mittagsmahl, aber das reichte auch noch nicht.

Die Vertrauensfrau, die sechs Sechs-Tage-Wochen hinter sich hat, schneidet gerade einen Schokoladenkuchen in Scheiben. Einer von den 15 bis 20 Kuchen, die Kuchenbäckerinnen aus ganz Nürnberg in den vergangenen Wochen täglich vorbeibrachten.

Schmeißer denkt bei ihrer Fortsetzungszusage nicht nur an die etwa 500 hungrigen Gäste, die jeden Tag an den Tischen im Kirchenraum Platz nahmen. Die Besucher konnten sich außerdem Termine bei der Friseurin, bei Sozialberatern, bei Seelsorgern oder bei einem Rechtsanwalt geben lassen, kostenlos Zeitung lesen und Kaffee trinken.

Auch das Staatstheater in Nürnberg will, dass die Vesperkirche weitermacht. Als »Kultursponsor« will das Theater in der kommenden Saison seine Veranstaltungen in der Kirche auch in sein offizielles Programm schreiben. Die Kulturschaffenden waren nämlich begeistert von der Resonanz ihres Musicalabends oder des Operstudios. »Es war mucksmäuschenstill im Publikum«, berichtet Schmeißer: »Das hat alle sehr berührt.«

Nicht nur Sänger und Publikum hatten bewegende Momente in der Vesperkirche. Für Pfarrer Bernd Reuther, der das Großprojekt maßgeblich angestoßen hatte, waren es viele Begegnungen, die ans Herz gingen. Das Gemeinschaftsgefühl hat auch die Ehrenamtliche Gerda Dietrich-Geist schätzen gelernt. Der gute Teamgeist habe erlaubt, dass man allen Gästen mit großer Freundlichkeit begegnet sei, erzählt sie. Und 90 Prozent der Gäste seien ebenfalls freundlich gewesen. Das Essen war abwechslungsreich und hat geschmeckt, bestätigt Vitus Hopfenmüller, der sich an Barbecuehähnchen und Reis oder Putenwurst mit Pommes auf dem Speisezettel erinnert.

Der Kaffee floss in Strömen. Schätzungsweise 10 000 Liter dürften aus den extra für die Vesperkirche designten Tassen geschlürft worden sein. Alkohol war verboten. Nur dreimal wurden Gäste, die sich nicht an die Regel hielten, sanft hinausbegleitet, erzählt Schmeißer. »Der Kirchenraum hat eine sehr friedliche Wirkung«, hat sie festgestellt.

Am Sonntagvormittag haben Pfarrer Reuther und Vikarin Mützlitz einen letzten Gottesdienst vor den Menschen an den gedeckten Tischen gehalten zum Bibelvers »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen«. »Die Theorie hilft nicht, die Erfahrung hilft«, predigt Reuther. Erfahrungen, die tiefer gehen, die Erfahrung, sozial eingebunden zu sein, die hätten die Menschen gemacht, die den Weg in die Vesperkirche fanden.

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Jutta Olschewski

 


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abgerufen 25.05.2016 - 13:02 Uhr

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