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Dieser Artikel: Ausgabe 11/2016 vom 13.03.2016
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Konservative Christen und die AfD

Über die politische Nähe der Evangelikalen zum politisch rechten Lager


Noch nie war die Alternative für Deutschland (AfD) so stark wie in diesen Tagen. Prognosen für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sagen den Rechtspopulisten zweistellige Wahlergebnisse voraus. Vor allem konservativen Christen wird häufig eine Nähe zu der rechtspopulistischen Partei unterstellt. Hans-Joachim Vieweger, Landessynodaler und Sprecher des Arbeitskreises Bekennender Christen (ABC), über die politische Nähe und die Abgrenzung zu den Rechtspopulisten.

Christen, Pegida, AfD: Wie sieht es aus am rechten Rand der Kirchen? Und wie am kirchlichen Rand der neuen rechten Parteien und »Bürgerinitiativen«?
Foto: Kay Nietfeld / dpa
   Christen, Pegida, AfD: Wie sieht es aus am rechten Rand der Kirchen? Und wie am kirchlichen Rand der neuen rechten Parteien und »Bürgerinitiativen«?

        

  Warum werden konservative Christen oftmals an den rechten politischen Rand verortet?

Vieweger: Bei theologisch konservativen Christen gibt es ein breites politisches Spektrum - es gibt beispielsweise Evangelikale, die die Flüchtlingspolitik Angela Merkels für völlig verfehlt halten, und andere, die sie vehement verteidigen. Und ja: Es gibt Christen, die in Dresden bei Pegida mitlaufen, und es gibt zugleich die Aufforderung von Michael Diener, dem Vorsitzenden der Evangelischen Allianz, dies nicht zu tun.

  Wie stehen die Christen zur nationalistischen Programmatik der AfD?

Vieweger: Mit einer nationalistischen Politik in einem ausgrenzenden Sinn kann ein Christ keine gemeinsame Sache machen. Das geht nicht. Egal, ob er konservativ, liberal oder irgendwas ist - das widerspricht dem christlichen Menschenbild, wonach alle Menschen von Gott geliebt sind und Jesus für alle Menschen ans Kreuz gegangen ist. Diesbezüglich gibt es einen fundamentalen Widerspruch zu einigem, was am rechten Rand steht. Sollten Christen damit sympathisieren, dann müsste ich tatsächlich hinterfragen, ob sie Grundlegendes vom Glauben verstanden haben. Es gibt manchmal - das muss man sagen - vom rechten Rand die Versuche, theologisch konservative Christen zu vereinnahmen. Aber das betrifft in der Regel nicht eine nationalistische Programmatik, sondern andere Themenfelder.

Hans-Joachim Vieweger.
Foto: ELKB / Rost
   Hans-Joachim Vieweger.

        

  Bei welchen Themen stehen sich Evangelikale und Rechtspopulisten denn nahe?

Vieweger: Es gibt sicherlich Themen, die theologisch Konservativen wichtig sind und bei denen sie schauen, von wem sie sich bei diesen Themen in der Politik vertreten fühlen. Dazu zählt das Thema Ehe und Familie, die Frage der Gleichstellung anderer Lebensformen und die Frage der Kindererziehung. Lange haben sich viele theologisch konservative Christen in Bezug auf diese Themen bei den Unionsparteien zu Hause gefühlt. Dass sich diesbezüglich nicht mehr jeder in der CDU/CSU politisch vertreten fühlt, kann auch einer der Gründe für manche Liebäugeleien mit Parteien sein, die in solchen Fragen vielleicht konservativer sind, wie beispielsweise die AfD.

  Liegt es also an der CDU/CSU, dass vermehrt Evangelikale in die AfD abwandern?

Vieweger: Ja, es gibt eine politische Entfremdung zu Parteien, in denen man sich früher beheimatet gefühlt hat. In den letzten Jahren gab es zum Beispiel die Diskussion um die frühkindliche Erziehung. Und wir hatten die Frage: Ist die Ehe von Mann und Frau das zentrale Leitbild für das Zusammenleben, oder ist letztendlich alles egal? Man kann es an der Betreuungsgeld-Debatte sehen, wo selbst innerhalb der Unionsparteien sehr viel Skepsis gegenüber der elterlichen Erziehung geäußert worden ist. Häufig wurde so getan, als würde man Kleinkindern, die nicht in eine Kita gehen, Bildung verwehren. Da haben viele Kritik geäußert. Ob sie deswegen gleich zur AfD abwandern, weiß ich nicht. Aber ja: Es ist ein gewisses Gefühl der Heimatlosigkeit in Bezug auf diese Positionen entstanden.

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Foto: Kay Nietfeld / dpa
   Dunkeldeutschland und das Kreuz des Nationalen: Pegida-Demonstranten in Dresden.

        

  Liegen die Gründe hierfür auch in der theologischen Fundierung?

Vieweger: Viele theologisch konservative Christen vertreten Luthers Zwei-Reiche-Lehre. Es gibt ein Reich zur Rechten, das Reich des Evangeliums, in dem geht es darum, Menschen allein in der Kraft des Wortes zum Glauben an Jesus zu führen. Und dann gibt es ein Reich zur Linken: Da geht es um die staatliche Sphäre, in der Gott durch die Obrigkeit regiert, nicht um den Menschen das Heil zu bringen, sondern damit Ordnung und Frieden gewährleistet ist. Und in dieser Sphäre wird es bei verschiedenen Themen trotz einer gemeinsamen Basis unter Christen zu unterschiedliche Positionen kommen - selbst bei so wichtigen Themen wie zum Beispiel Abtreibung oder der aktuellen Flüchtlingsthematik.

  Wie kann ein Christ überhaupt mit der AfD sympathisieren? Führende Politiker der Partei wollen an den Grenzen schießen zu lassen.

Vieweger: Zur Frage, was verschiedene AfD-Politiker konkret gesagt haben, will ich mich nicht äußern - ich lese nur, dass offenbar auch der Grünen-Politiker Boris Palmer ganz Ähnliches gesagt haben soll wie Frauke Petry. Ganz allgemein stelle ich fest, dass es selbstverständlich auch innerhalb von frommen Kreisen heftige Diskussionen gibt zu dem Thema Flüchtlingspolitik. Es gibt Leute, die völlig begeistert sind von dem, was Angela Merkel macht, Christen, die eine missionarische Chance sehen, weil wir jetzt Muslime, die in ihrer Heimat keine Chance hatten, das Evangelium zu hören, nun mit dem Evangelium erreichen können. Und andere fragen kritisch - auch ich habe das bei der letzten Tagung der Landessynode getan: Was passiert mit unserem Rechtsstaat, wenn plötzlich die Grenzen nicht mehr geschützt sind?

 

»Gefühl der politischen Heimatlosigkeit«

 

  Wobei ja von landeskirchlicher Seite geraten wird, jetzt nicht zu missionieren.

Vieweger: Das halte ich für ein großes Problem. Wir dürfen niemandem das Evangelium verwehren. Das haben wir als ABC im Gespräch mit Vertretern des Landeskirchenrats auch deutlich gemacht. Da sind wir uns glücklicherweise aber auch einig. Zum Beispiel hat die Bayreuther Regionalbischöfin einen großen Gottesdienst mit mehrsprachiger Liturgie gefeiert, bei dem sehr viele Flüchtlinge eingeladen waren. Andere Christen organisieren Bibelkreise in Flüchtlingsheimen. Klar: Man muss auch klug handeln. Leider werden ja auch in unserem Land oft Konvertiten von extremistischen Muslimen wegen ihres Glaubens angegriffen.

  Die Islamkritik ist ja einer der Punkte, weswegen konservative Christen häufig dem politisch rechten Lager zugeordnet werden.

Vieweger: Unter vielen theologisch konservativen Christen herrscht die Sorge, dass es im Umgang mit dem Islam eine gewisse Naivität gibt. Und zwar nicht nur gegenüber der Politik, sondern auch gegenüber der Landeskirche. Viele - und dazu zähle auch ich - glauben, dass sich der Islam nicht nur auf die klassisch religiösen Fragen beschränkt und dass die Trennung von Politik und Glaube im Islam so nicht zu machen ist. Ein Ausbreiten des Islam ist häufig auch mit einem politischen Anspruch verbunden. Darüber machen sich viele Menschen in unserem Land Sorgen. Übrigens nicht nur Christen, sondern auch Menschen, die religionsfern sind. Man muss ja nur schauen, wie viele Ex-Muslime sich zu dieser Thematik äußern. Und da ist tatsächlich die Sorge, dass Politik und Landeskirche - auch zum Beispiel unser Landesbischof - diese Angst nicht ernst nehmen.

  Und was ist dann die konkrete Sorge?

Vieweger: Eine Sorge liegt darin, dass über die Religion anderen Menschen etwas Politisches aufgezwungen wird, dass der Islam, wenn er irgendwann sehr stark ist, die Anwendung der Scharia durchsetzen kann. Diese Sorge teile ich in dieser Form nicht, doch ich sehe schon die Gefahr, dass sich in Teilen Deutschlands eine Parallelkultur entwickelt, wo dies geschieht.

Ich glaube, dass man etwas gegen diese Furcht tun könnte, wenn die Politik oder auch unser Landesbischof deutlicher machen würden: Ja, auch wir sehen diese Gefahr, und wir sprechen darüber mit den Muslimen. Man darf ja nicht vergessen, dass es auch viele Muslime gibt, die die gleiche Gefahr sehen, die auch Angst vor einer Islamisierung durch eine Politisierung des Islam haben. Wenn man aber immer nur sagt: Das ist alles Unsinn, damit werden Ängste nicht bekämpft.

  Sie sind also gegen eine Islamisierung des Abendlands?

Vieweger: So einen Ausdruck kann man heutzutage nicht mehr unbefangen verwenden. Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt: Klar bin ich gegen eine Islamisierung des Abendlands. Heute ist diese Aussage zu sehr mit anderem belegt, als dass ich sie so treffen könnte.

  Wie würden Sie es dann jetzt nennen?

Vieweger: Ich habe die Sorge, dass Politik und Kirche gegenüber bestimmten Strömungen des Islam manchmal zu naiv sind, wenn sie glauben, es gäbe keinen schädlichen Einfluss der Religion auf die Politik, dem es zu wehren gilt.

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Interview: Nadja A. Mayer

 


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abgerufen 25.08.2016 - 13:23 Uhr

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