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Dieser Artikel: Ausgabe 11/2016 vom 13.03.2016
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Quicklebendiger Mythos

Der englische Freiheitskämpfer Robin Hood ist die wirkmächtigste Gestalt des Mittelalters


Der englische Freiheitskämpfer Robin Hood gehört zu den unverwüstlichen Mythenfiguren Europas. Freilich, der Mythos klingt in jeder Generation anders und ist historisch auf Sand gebaut.

Robin Hood und Maid Marion, Louis Rhead, 1912.
Foto: PD
   Robin Hood und Maid Marion in ihrer Laube, Louis Rhead, 1912.

        

Die Vorstellung ist ermutigend: Inmitten von Armut, Unrecht und Unterdrückung gibt es einen Mutigen, der die Fahne von Recht und Freiheit hochhält. Mit seinen treuen Gefolgsleuten lebt er, unauffindbar für die Häscher der brutalen Obrigkeit, tief im Wald, um dort die reichen Reisenden um ihr Gold zu erleichtern und es danach an die Bedürftigen zu verteilen. Er ist zielsicher wie Lucky Luke, emphatisch wie Albert Schweitzer und mutig wie James Bond.

Eigentlich ist klar: Dieser Mann kann nicht wirklich gelebt haben - jedenfalls nicht so, wie wir ihn kennen.

Dies versichert auch die Potsdamer Mediävistin Judith Klinger in einer neuen Monografie über den Räuber mit Herz. Seit dem 19. Jahrhundert hat es viele Versuche gegeben, Robin Hood als historische Person dingfest zu machen. Wirklich überzeugend ist keine.

Ein Autor entdeckte in Yorker Gerichtsprotokollen einen Pächter namens Robert Hod (1226). 1316 kaufte ein gewisser Robert Hood aus Wakefield ein Stück Land, und 1216 wurde der Dienstbote des Abtes von Cirencester, Robert Hood, wegen Mordes zum Tode verurteilt. Die Erzählung »A Gest of Robyn Hode«, die wichtigste Grundlage für die bekannte Robin-Hood-Figur, entstand erst um 1450.

Nun könnte man vermuten, der wackere Sozialbandit sei vielleicht rundherum erfunden. Doch da bremst die Expertin mit Respekt vor der mündlichen Überlieferung: Gegen Ende des 13. Jahrhunderts lässt sich nämlich in Südengland eine Häufung des Beinamens »Robynhoud« feststellen.

»Vor oder um 1250 muss es ein nicht länger sichtbares Ursprungsereignis gegeben haben, das die rapide Verbreitung und steigende Beliebtheit des Beinamens erklärt«, schreibt Klinger. Zumal die genannte »Gest« eines anonymen Autors zwar Zeitumstände und Herkunft Robins im Dunkeln lässt, aber eine ganz konkrete Geografie entfaltet, die bis heute genau nachvollzogen werden kann: Waitling Street, Sayle's Plantation, Barnsdale, eine Gegend, die im mittelalterlichen England - wie heute - nur die Einheimischen kannten, weshalb Robins Wirken später in den bekannteren Sherwood Forest bei Nottingham verlegt wurde.

Letztlich ist all das egal, denn spannend ist Robin Hood ja nicht als historische Person, sondern als Projektionsfigur. Alle Bestandteile der Robin-Hood-Saga erfüllen da ihre Funktion: Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde der sympathische Outlaw zum Adeligen, der um Gerechtigkeit kämpft und so zur moralischen Instanz erwächst. Im 19. Jahrhundert wird die zuvor nur sporadisch auftretende Lady Marian zur zweiten Hauptfigur - ein Schuss romantischer Liebesroman machte sich immer gut. Auch die Stilisierung des glücklichen Waldlebens entspringt vor allem dieser Zeit, die sich selbst in zunehmender Entfremdung von der Natur wahrnahm.

Überhaupt kann man für das 19. Jahrhundert die wichtigste Transformation des Helden feststellen. »Robin Hood wechselte die Seiten«, konstatiert Klinger: »An die Stelle des Outlaws im ständigen Konflikt mit der Obrigkeit trat der patriotische Freiheitsheld und Verteidiger der nationalen Ordnung.« Wie weit die Germanentümelei seinerzeit auch im vornehmen England gediehen war, zeigt die Ansicht einer Anthropologin, die Robin Hood 1933 zum »Gott der Hexen« stilisierte, der in einem germanisch-heidnischen Kult verehrt worden sei.

Im 20. Jahrhundert bekam Robin Hood ein reales Gesicht: Zunächst stand der Stummfilm-Mime Douglas Fairbanks Pate, es folgten unter anderem Erroll Flynn und Lex Barker. Für die meisten Menschen dürfte der Held von Sherwood heute aussehen wie Kevin Costner, dessen Verfilmung von 1991 die wirkmächtigste der 49 Film- und Fernsehadaptionen ist, darunter die Parodie »Helden in Strumpfhosen« von Mel Brooks, die bezaubernde Walt-Disney-Trickfilm-Adaption oder die bittere Veteranengeschichte »Robin und Marian« mit Sean Connery vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs. Otto Waalkes hat mit der Geschichte des verwirrten Beschützers von Witwen und Waisen, der sich aber versehentlich unter anderem als »Versprecher der Entnervten« vorstellt, einen kleinen, aber feinen Baustein zum Legendendenkmal hinzugefügt.

Nach Robin Hood sind Segelschiffe und Biersorten benannt, er kommt als Faschingskostüm daher oder als Musicalheld. Kein Wunder, sagt Klinger: »Keine andere Gestalt des Mittelalters ist in der Neuzeit so allgegenwärtig. Denn Robin Hood gehörte schon immer zur Popkultur.«

 

Judith Klinger: Robin Hood. Auf der Suche nach einer Legende. Lambert Schneider Verlag, Darmstadt 2015, 208 Seiten, ISBN 978-3-650-40054-3, 29,95 Euro.

 

  Judith Klinger: Robin Hood. Auf der Suche nach einer Legende. Lambert Schneider Verlag, Darmstadt 2015, 208 Seiten, ISBN 978-3-650-40054-3, 29,95 Euro.

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Thomas Greif

 


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abgerufen 27.09.2016 - 05:34 Uhr

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