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Dieser Artikel: Ausgabe 11/2016 vom 13.03.2016
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Leidenschaftlich vom Glauben reden

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler über Zuwanderung, Vorbilder und Christsein im Alltag


Predigten mit Wucht und Witz, Engagement und Expertise in sozial-gesellschaftlichen Fragen von der Hospizbewegung bis zur Bioethik: Am 15. März feiert Susanne Breit-Keßler ihr Amtsjubiläum: 15 Jahre Regionalbischöfin von München-Oberbayern.

»Kirche muss politisch sein, weil das Evangelium politisch ist«: Susanne Breit-Keßler.
Foto: Schröder
   »Kirche muss politisch sein, weil das Evangelium politisch ist«: Susanne Breit-Keßler.

        

  Beim Trauergottesdienst in Bad Aibling standen Sie mit Kardinal Marx am Altar, mit Abt Johannes Eckert feiern Sie Segnungsgottesdienste für Paare - was ist für Sie gute Ökumene?

Breit-Keßler: Wenn sich geistliche Menschen unterschiedlicher Konfession ohne Rangkämpfe oder Statusdenken ans Werk machen für andere Menschen, die ihnen anvertraut sind. Ein beglückendes Beispiel dafür ist für mich die geschwisterliche Zusammenarbeit mit Abt Eckert. Auch in den Gemeinden sind meinen Erfahrungen nach die alten Grabenkämpfe Schnee von gestern. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass die jüngeren katholischen Priester eher wieder konservativ und dogmatisch sind, während ihre älteren Kollegen lebenspraktisch, seelsorgerlich und damit auch ökumenisch aufgeschlossener sind. Für Priester aus Afrika, Indien oder Polen, die keine Erfahrung mit einer Minderheitenkonfession haben, gibt es zunächst die Notwendigkeit zur Ökumene nicht in dieser Weise.

  Sehr am Herzen liegen Ihnen die christlich-jüdischen Beziehungen. Sollte daraus ein interreligiöser Dialog mit dem Islam werden, zumal viele Flüchtlinge muslimischen Glaubens sind?

Breit-Keßler: Dieser dann tatsächlich interreligiöse Dialog ist unbedingt notwendig, und ich habe die große Hoffnung, dass er funktionieren kann. Allerdings nur bei zwei glasklaren Voraussetzungen: Anerkennung des Existenzrechts Israel und konsequentes Eintreten gegen jede Form von Antisemitismus. Viele muslimische Flüchtlinge haben mit der Muttermilch aufgesogen, dass Juden Feinde sind. Ihnen müssen wir deutlich sagen: Menschen jüdischen Glaubens, Juden und Jüdinnen sind unsere Freunde. Jeder Mensch, egal welcher Hautfarbe, Herkunft oder Religion, darf in Deutschland friedlich und ohne Anfeindung oder Verfolgung leben.

  Kann es in Deutschland zu einer Reform des Islam, zu dem Modell eines modernen, aufgeklärten Islam kommen, oder ist das eine Illusion?

Breit-Keßler: An dieser Hoffnung sollten wir entschlossen festhalten, gerade auch mit Blick auf die Rolle der Frau. Es gibt positive Ansätze. Der Zentralrat der Muslime hat sich in letzter Zeit mit erfreulichen Aussagen zu Wort gemeldet. Bei einem evangelischen Frauenmahl in Nürnberg hat Rabeya Müller, weiblicher Imam der Kölner muslimischen Gemeinde, in einem Grußwort eindeutig Position bezogen gegen Gewalt, gegen die Unterdrückung der Frau und für die Anerkennung des Judentums. Ein reformierter Islam als demokratische Kraft in der Gesellschaft wäre ein wunderbares Ziel. Da haben wir aber noch einen langen Weg vor uns.

  Finanzminister Schäuble, selbst Protestant, hat kürzlich kritisiert, die EKD wäre in aktuellen Fragen wie der Flüchtlingskrise zu politisch, vernachlässige ihren spirituellen Auftrag und grenze eigene Mitglieder aus.

Breit-Keßler: Wir grenzen überhaupt niemanden aus, sondern leisten Beiträge zu gesellschaftlichen Debatte - und zwar ausgehend vom eigenen Gewissen und dem Evangelium. Die Kirche muss politisch sein, weil das Evangelium politisch ist. In Jesus Christus wird Gott Mensch, das allein ist schon eine hochpolitische Aussage. Menschsein bedeutet, in der Gemeinschaft mit anderen Menschen zu leben und sozial zu agieren. Gerade in der Flüchtlingsfrage sind politische Rahmenbedingungen nötig, auf die auch die Kirche immer wieder hinzuweisen hat.

  Welche Bedingungen sind das?

Breit-Keßler: Die Anträge der Asylbewerbenden müssen schneller bearbeitet werden. Wenn nicht klar ist, ob jemand bleiben kann, funktioniert Integration nicht. Ich sehe nicht, dass das BAMF den riesigen Berg unerledigter Anträge wird abarbeiten können - also muss man über eine Stichtagsregelung nachdenken. Außerdem muss neben das Asylrecht ein Zuwanderungsrecht treten, damit die Menschen, die bei uns eine neue Perspektive suchen, nicht durch das ohnehin schon enge Tor des Asylrechts müssen. Wenn der Status der Menschen als Asylsuchende, Flüchtlinge oder Zuwanderer geklärt ist, ist das nächste große Thema: Arbeitsplätze. Die Leute wollen nicht rumsitzen, sie wollen was tun, um so vielleicht auch ihrer Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Wir brauchen mehr Schulen und Kitas und vor allem angemessenen Wohnraum. Dabei müssen wir sehr darauf achten, dass keine Gettos mit Parallelgesellschaften entstehen. Und wir dürfen keinesfalls die sozial schwachen Menschen der einheimischen Bevölkerung aus dem Blick verlieren. Sonst ist der soziale Friede ganz schnell gefährdet.

  In fast allen Gemeinden gibt es Helferkreise, die Flüchtlinge begleiten. Spielt neben der Nächstenhilfe auch der Missionsauftrag eine Rolle?

Breit-Keßler: Wir werden niemals zwangsmissionieren. Allerdings halte ich es für sehr geboten, offen und einladend über unseren Glauben zu erzählen, sozusagen ein Angebot zu machen. Nahezu alle Landräte im Kirchenkreis haben uns explizit gebeten: »Erzählt von eurem Glauben, sagt, dass ihr euch engagiert, weil ihr Christen seid.« Dabei geht es ihnen darum, unsere Kultur und unsere Werte darzustellen. Dass wir uns durch die Flüchtlinge auch verändern werden, steht für mich außer Frage. Aber wir müssen mit Leidenschaft für unsere demokratischen Werte eintreten und für die christlichen - und zwar in dieser Reihenfolge. Man kann in Deutschland leben, ohne Christ zu sein, aber nicht, ohne Demokrat zu sein.

  Wie sollte Kirche damit umgehen, dass die fremdenfeindliche AfD viele Christen in ihren Reihen hat?

Breit-Keßler: Die alte Einsicht ist immer noch richtig, dass Diskurs besser ist als Ausgrenzung, weil sonst Menschen weiter in die Radikalität getrieben werden. Deshalb finde ich es schlecht, wenn Politiker nicht öffentlich mit der AfD diskutieren wollen. Im Kirchenvorstand kann ich mir allerdings Mitglieder der AfD, wenn sie persönlich fremdenfeindliche Ansichten vertreten, die dem biblischen Zeugnis entgegenstehen, nicht vorstellen. Unsere Aufgabe als Kirche ist es jedoch, überall für unsere Überzeugungen, für Mitmenschlichkeit und christliche Werte zu werben - auch und gerade bei AfD-Leuten.

  Im Zuge der Flüchtlingsdebatte ist die Sprache immer verletzender geworden, vor allem im Internet. Wäre es auch die Aufgabe der Kirche, da gegenzusteuern?

Breit-Keßler: Unbedingt. Das beginnt damit, dass wir nicht blitzartig schnell Erkenntnisse in die Welt senden, sondern abwägen, nachdenken und sorgfältiger mit unserer eigenen Sprache umgehen. Konkret sollen die kirchlichen Facebook-Seiten und unsere Internet-Auftritte ein Vorbild sein. Wenn wir selbst im Internet unterwegs sind, müssen wir gegen Verunglimpfung und Hetze angehen und Propaganda entlarven. Medienpädagogik kann in unseren Schulen, im Religions- und Konfirmandenunterricht einen noch höheren Stellenwert bekommen. Die jungen Leute sollen erkennen, wenn sie es mit Hetze und Propaganda zu tun haben.

  Im Brennpunkt von Hass und Attacken steht auch die Polizei …

Breit-Keßler: In der gesamten Gesellschaft gibt es einen Verlust an Respekt und Dankbarkeit gegenüber Institutionen wie der Polizei, der Feuerwehr oder dem Roten Kreuz. Das ist eine verheerende Entwicklung. Da ist es nur gut und richtig, dass die Kirche, beispielsweise in den Polizeigottesdiensten, immer wieder die Dankbarkeit gegenüber den Beamten, die entscheidend zu einem friedlichen Leben in Freiheit beitragen, ganz deutlich zum Ausdruck bringt. Jeder kleine Junge will Polizist oder Feuerwehrmann werden. Die Begeisterung für »die Guten« ist von Anfang an da. Damit sie nicht verloren geht, müssen gerade die Eltern im Alltag ein Vorbild sein und über Polizisten nicht abwertend und verächtlich sprechen - auch wenn sie einmal selbst einen Strafzettel bekommen.

  Vor allem in der Großstadt schreiten Säkularisierungs-Tendenzen mit großen Schritten voran. Wie kann Kirche in diesem Umfeld die Menschen erreichen?

Breit-Keßler: Grundsätzlich neige ich auch bei diesem Thema nicht zu überzogenem Pessimismus. Wir brauchen weiterhin Gemeinden, die Menschen eine Heimat geben, aber wir müssen in der Großstadt noch mehr als bisher raus. Wir könnten beispielsweise das Landeskirchenamt, das durch seine Lage und seine Architektur dafür prädestiniert wäre, für regelmäßige Kultur-Veranstaltungen öffnen: Studenten-Dinner, Vernissagen, Musik-Events, Kochen der Religionen - wir müssen uns öffnen für die Gesellschaft. Wir können keine Bürokratie sein, die nach Dienstschluss zu macht. Es wäre toll, wenn Leute - wie beim Literaturhaus - sagen: Heute Abend gehen wir ins Landeskirchenamt. Und wir Christen dürfen uns im Privatleben nicht verstecken. Mein Mann und ich haben ein Lieblingsrestaurant, in das wir regelmäßig gehen. Irgendwann kamen wir mit den Mitarbeitern ins Reden, und sie fragten uns, was wir denn beruflich machen. Also haben wir das erzählt, und seither schallt uns jedesmal der Ruf quer durchs Lokal entgegen: »Da kommt ja unsere Geistlichkeit!« Das muss man mögen. Aber ich lehne es inzwischen total ab, das nicht zu wollen. Inzwischen habe ich einen aus dem Lokal getraut, von dem anderen ein Kind getauft. Als Christen sollen wir sichtbar sein, dann sind wir im besten Sinn missionarisch.

  Wie begeht die evangelische Kirche in der Großstadt München das Reformationsjubiläum?

Breit-Keßler: Das Thema für München und den Kirchenkreis lautet gut lutherisch: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Dahinter verbirgt sich die Frage, wie Leben heute gelingen kann. Damit wollen wir das Freiheits-Moment der Reformation zum Klingen bringen: Jeder und jede ist von vornherein ein geliebtes Kind Gottes, das sich in Freiheit entfalten kann, das aber auch Grenzen haben darf. Diesen Grundgedanken wollen wir bei Projekten in Kitas und Schulen oder in Gottesdiensten vor allem Kindern und Jugendlichen nahebringen.

  Sie selbst begehen am 15. März 15 Jahre im Amt. Was werten Sie in der Rückschau als schöne Erlebnisse, wo sind noch offene Baustellen?

Breit-Keßler: Ich habe ein ausgesprochenes Faible für Menschen und ihre Lebensgeschichten. Deshalb empfinde ich es als unglaubliches Geschenk, dass mir in diesem Amt so viele Biografien mit ihren Höhen und Tiefen anvertraut werden - sei es auf Empfängen, im Kindergarten oder bei Besuchen in der JVA. In meinen letzten Amtsjahren liegt mir die Frage am Herzen, wie wir mit noch größerer Leidenschaft für unsere Sache, unsere wunderbare Botschaft eintreten können, wie wir mit noch größerer Selbstverständlichkeit und Zuversicht unseren Glauben öffentlich machen können. Außerdem halte ich unsere Konfliktbearbeitung noch für ausbaufähig. Ich wünsche mir, dass wir in Konflikten miteinander mit mehr Respekt und mehr Klarheit umgehen. Das gilt übrigens für alle kirchlichen Ebenen.

ZUR PERSON

  SUSANNE BREIT-KEßLER wird am 11. März 1954 in Heidenheim geboren und wächst im oberbayerischen Oberaudorf auf. Nach ihrem Theologiestudium und zwei Jahren als Religionslehrerin arbeitet sie als Journalistin für die SZ und den BR. 1994 wechselt sie in die Pressestelle des Landeskirchenamts.

  AM 15. MÄRZ 2001 tritt Susanne Breit-Keßler das Amt der Regionalbischöfin für den Kirchenkreis München-Oberbayern an. Sie ist die erste Bischöfin in der bayerischen Landeskirche. Die Theologin setzt sich besonders für den christlich-jüdischen Dialog ein, ist Schirmfrau der »Evangelischen Stiftung Hospiz« und Mitglied in der Bioethik-Kommission der bayerischen Staatsregierung. Seit 2003 ist sie Ständige Vertreterin des Landesbischofs. Susanne Breit-Keßler ist mit dem Politikbeauftragten der Landeskirche, Dieter Breit, verheiratet.

 

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Interview: Susanne Schröder/Achim Schmid

 


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abgerufen 30.06.2016 - 19:32 Uhr

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