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Sonntagsblatt 28/ vom

Fußball-Ikonen

Der Schweizer David Diehl verbindet Kunst, Fußball und Religion

Von Markus Springer

Dass Fußball eine Menge mit Religion zu tun hat, liegt auf der Hand. Schon beim »Wunder von Bern«, Deutschlands erstem Weltmeistertitel 1954, und ganz bestimmt angesichts der »Hand Gottes«, die in Wirklichkeit Diego Maradona gehörte und mit der er bei der WM 1986 ein »mysteriöses« Tor für Argentinien erzielte. Dass Spieler verehrt werden wie Heilige, macht der Schweizer Künstler David Diehl in seinen Fußballer-Ikonen sichtbar. Aber nur die Spieler, die die Fans zum Träumen bringen, schaffen es, zur Ikone zu werden.

Der Künstler und seine Ikonen.
Foto: David Diehl / daviddiehl.ch
   Der Künstler und seine Ikonen.

        

Fußball-Fan? Das kommt von »fanaticus«, und schon sind wir bei der Religion: »Von einer Gottheit in Entzückung, in Raserei versetzt«, ist eine gängige Übersetzung des lateinischen Worts. »Fanum« für den Tempel oder genauer: den der Gottheit geweihten Ort steckt da drin. Was außerhalb dieses heiligen Bezirks liegt, ist, na klar, »profan«. »ProFans« heißt andererseits ein bundesweites Bündnis deutscher Fan- und Ultragruppen, die mit Aktionen wie »Pro 15:30« für fangerechte Gottesdienst-, Pardon, Bundesliga-Anstoßzeiten kämpfen und sich gegen Begehrlichkeiten des Fernsehens und immer noch mehr unterschiedliche Übertragungstermine wehren.

Blonder Engel aus Deutschland

Kurz: Höchstes und Profanstes (von Eitelkeiten bis Geld) sind im Fußball eng verbunden. Viel von der Faszination des Fußballs geht genau davon aus. Ein Fußball-Fan, der das als Künstler sichtbar macht, ist der Schweizer David Diehl. »Ich würde zu jeder nachtschlafenden Zeit aufstehen, nur um noch einmal Sócrates spielen zu sehen. Oder Maradona. Oder Francescoli«, sagt der Künstler. Er sei verrückt nach Fußball, sagt er, weil er die Atmosphäre im Stadion, die Geräusche, Gerüche dort liebt - »und weil das Spiel eine Art Poesie verkörpert«.

Der Brasilianer Sócrates (1954-2011), Mittelfeldkünstler, linker Intellektueller und Kinderarzt, der bereits erwähnte Argentinier Maradona (geb. 1960) oder der Uruguayer Enzo Francescoli Uriarte (geb. 1961) - sie alle waren Spieler, die mit ihrer Fußballkunst die Fans zum Träumen brachten, die zu »Ikonen« wurden.

Ikonostase I (von links im Uhrzeigersinn): Sócrates, Günter Netzer, Andrea Pirlo, Francesco Totti, Johan Cruyff, Zinédine Zidane.
Foto: David Diehl / daviddiehl.ch
   Ikonostase I (von links im Uhrzeigersinn): Sócrates, Günter Netzer, Andrea Pirlo, Francesco Totti, Johan Cruyff, Zinédine Zidane.

        

Diehl, freischaffender Künstler, verheiratet, Kunstlehrer, Vater von drei Kindern, lebt und arbeitet zwar in Zürich, aber er ist Fan des Clubs seiner Heimatstadt, des FC Aarau. Die Fußballer, die er verehrt, sind vor allem Stars der 80er-, 90er-Jahre: Fußball-Idole aus Diehls Kindheit und Jugend, und eben diese standen auch am Anfang seiner Ikonen-Serie.

Spieler aus den großen Tagen seines FC Aarau, der inzwischen nicht einmal mehr in der obersten Schweizer Liga spielt: Rolf Osterwalder zum Beispiel, oder Charly Herberth, ein gebürtiger Dachauer und früherer Münchner Löwe, der in der Schweiz oder jedenfalls im Aargau zum Pokalhelden wurde. »So wahnsinnig ruhmvoll ist das natürlich nicht, was man mit diesen beiden verbindet«, sagt Diehl, »da steckte eine gehörige Portion Ironie drin.« Die Ikonen wurden 2013 in einem Schweizer Fußball-Magazin abgedruckt, danach kam die Sache ins Rollen. Inzwischen hat Diehl über 30 Ikonen geschaffen, viele von ihnen als Auftragsarbeiten.

Altmeisterlich in Öl auf Holztafeln und mit Blattgold-Gloriolen stellt Diehl seine Fußballer-Ikonen her. Zu finden sind Altmeister wie der Brasilianer Pelé oder der Barça-Niederländer Johan Cruyff (1947-2016). Da sind die Verrückten oder Gescheiterten wie der Nordire George Best (am Alkohol gestorben) oder Éric Cantona (prügelndes Enfant terrible aus Frankreich), die Künstler aus der französischen Multikulti-Moderne wie Zinédine Zidane oder Thierry Henry, Unikate wie der ewige Römer Francesco Totti, stille Riesen wie der Brasilianer Zico oder der große Andrea Pirlo. Zuletzt erreichte einer bei Diehl Ikonen-Status, dessen Nationalmannschaftskarriere gerade in Frankreich endete: der Schwede Zlatan Ibrahimovic.

Ikonostase II (von links im Uhrzeigersinn): Ruud Gullit, Zlatan Ibrahimovic, Pelé, Ronaldinho, George Best, Thierry Henry.
Foto: David Diehl / daviddiehl.ch
   Ikonostase II (von links im Uhrzeigersinn): Ruud Gullit, Zlatan Ibrahimovic, Pelé, Ronaldinho, George Best, Thierry Henry.

        

Diehls Lieblings-Ikone ist und bleibt Sócrates. Leider verkauft. Für Diehl ist der Brasilianer auch deswegen eine so faszinierende Gestalt, weil er Anfang der 80er in seinem damaligen Club Corinthians São Paulo eine Art Fußball-Demokratie installierte: Spieler, Trainer, Vereinsfunktionäre trafen Entscheidungen wie Neuverpflichtungen, Entlassungen oder Aufstellungen, indem sie abstimmten. In Brasilien herrschte damals noch die Militärdiktatur. Doch hier galt jede Stimme gleich. Die Corinthians setzten ein politisches Zeichen, und sie spielten erfolgreich wie lange nicht. Diehl arbeitet an einem Bild, mit dem er dieser legendären »Democracia Corinthiana« ein Denkmal setzen will.

Der Zürcher ist Mitglied eines internationalen Künstlerkollektivs namens »Wundergol«, das aus lauter ähnlich fußballnärrischen Malern, Grafikern und Designern besteht. Mit den deutschen Spielern aus der Zeit seiner Jugend hat es Diehl dagegen weniger. Bekanntlich hatten es im Land der Rumpelfüßler Spieler mit dem Zeug zum Ikonen-Status traditionell schwer.

Jedenfalls bevor sich Jogi Löw und mit ihm ein neues, fantasievolles, buntes Deutschland anschickte, neue Meisterschaften zu erringen - und zwar mit schönem Fußball. Einen einzigen Fußballheiligen aus Deutschland gibt es bei Diehl: Günter Netzer, den seine Fans in Madrid »el ángel rubio«, den blonden Engel, nannten.

»El ángel rubio«, der blonde Engel: Günter Netzer.
Foto: David Diehl / daviddiehl.ch
   »El ángel rubio«, der blonde Engel: Günter Netzer.

        

Gut, einige deutsche Kicker gibt es dann doch, von denen Diehl meint, sie gehörten in seine Ikonenreihe: Gerd Müller, Wolfgang Overath, Sepp Maier, auch Lothar Matthäus und natürlich Kaiser Franz. »Ikonenformat« haben für ihn auch die ihn Frankreich aktiven Mesut Özil oder Bastian Schweinsteiger: »Sein im WM-Finale 2014 vergossenes Blut hilft ihm sicher dabei«, lacht Diehl.

Bleibt also abzuwarten, ob und welche Ikonen deutscher Spieler nach dieser Europameisterschaft dazukommen. Nur eins ist wie immer völlig klar: Der Heilige Geist ist keine Schwalbe.

 

  INTERNET:  daviddiehl.ch,  twitter.com/daviddiehl_art