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Sonntagsblatt 40/ vom

Er erzählte gegen das Vergessen

Der Holocaust-Überlebende und Zeitzeuge Max Mannheimer ist mit 96 Jahren gestorben


Max Mannheimer hat Auschwitz und Dachau überlebt. Jahrzehntelang war er unermüdlich als Zeitzeuge unterwegs - um die Erinnerung an die Gräuel des NS-Terrors wachzuhalten.

Max Mannheimer, Buchautor und Maler. Hier am 27. Januar 2015 im Plenarsaal des Bayerischen Landtags nach der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus.
Foto: Michael Lucan CC BY-SA 3.0 de via wikimedia
   Max Mannheimer, Buchautor und Maler. Hier am 27. Januar 2015 im Plenarsaal des Bayerischen Landtags nach der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus.

        

Max Mannheimer hat gemalt gegen das Grauen: blutig rot-schwarze Tupfen, schlierige weiße und orangefarbene Ölsträhnen. Das Malen mit Acryl und Öl hat ihm geholfen, den Weg gezeigt aus Schmerz und Depression, wie er es einmal beschrieb. Mannheimer hat mehrere Konzentrationslager überlebt, war in Theresienstadt, Auschwitz, Dachau. In ungezählten Vorträgen und Reden hielt er die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus wach. Zuletzt lebte er in München. Am vergangenen Freitag ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

»Ich kann der deutschen Jugend, die nicht schuld ist, ohne Hass und ohne Vorurteile die Gefahr einer Diktatur näherbringen«, war Mannheimer überzeugt. Er berichtete den Jugendlichen vom Unbeschreiblichen und hat in Klassenzimmern den Ärmel über seiner Tätowierung hochgekrempelt, die Nummer hergezeigt, die man ihm in Auschwitz gegeben hatte. »Ich bin Zeitzeuge und kein Ankläger und kein Richter«, lautete seine Devise.

Geboren wurde er 1920 in Neutitschein im heutigen Tschechien als ältestes von fünf Kindern einer jüdischen Familie. Im September 1938 wurde Nordmähren als Teil des Reichsgaus Sudetenland an das Deutsche Reich angegliedert. Das Städtchen wurde von der Wehrmacht besetzt, die Juden systematisch schikaniert und verfolgt, der Vater inhaftiert.

Nach dessen Entlassung floh die Familie nach Ungarisch Brod, dem Geburtsort der Mutter. Max Mannheimer verdingte sich als Straßenarbeiter, heiratete 1942 Eva Bock, die Krankenschwester war und eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatte. Am 27. Januar 1943 wurden die Familie Mannheimer und Bock zusammen in das Ghetto Theresienstadt deportiert und anschließend nach Auschwitz gebracht.

Gegen Mitternacht erreichte der Transport das Konzentrationslager Auschwitz. Die Hölle begann schon bei der Selektion: Mannheimer wurde sofort von seiner Frau getrennt. Weil er Schwielen an den Händen hatte, wurde er nicht sofort vergast, sondern in das Arbeitslager geschickt. »Mir wurde bewusst, dass es hier um Leben und Tod ging«, heißt es in seinen Erinnerungen, die Autorin Marie-Luise von der Leyen in dem Buch »Drei Leben« aufgezeichnet hat.

Ihm wurden die Haare abrasiert, sämtliche Wertgegenstände weggenommen, der Arm mit der Nummer 99728 tätowiert. Mannheimer war verzweifelt. Einzig die Sorge um die jüngeren Brüder hinderte ihn daran, in den Zaun mit Hochspannungsleitungen zu laufen. Es gab keine Hoffnung auf Rettung.

Im Oktober 1943 kam Mannheimer dann mit seinem Bruder Edgar in das Konzentrationslager Warschau. Dort musste er die Reste des zerstörten Ghettos beseitigen. Im August 1944 folgte ein Transport in das Konzentrationslager Dachau bei München, von dem aus die Brüder in das Außenlager Karlsfeld zur Zwangsarbeit im Außenkommando Mühldorf verlegt wurden. Max und Edgar Mannheimer befanden sich am 29. April 1945 auf einem Todestransport in den Süden, als sie von den Alliierten befreit wurden. Die Eltern, die Ehefrau und die Schwester waren von den Nationalsozialisten getötet worden.

Abgemagert bis auf die Knochen, an Typhus erkrankt, verbrachte Mannheimer mehrere Monate im Lazarett, kehrte dann in seinen Heimatort zurück. Nie wieder, schwor er sich, wolle er deutschen Boden betreten. Doch dann verliebte er sich in Elfriede Eiselt, eine deutsche Widerstandskämpferin, 1946 zogen sie mit der gemeinsamen Tochter Eva nach München. Nach dem Krebstod Eiselts heiratete Mannheimer die Amerikanerin Grace Franzen, wenig später wurde Sohn Ernst geboren. Bis zu seinem Ruhestand arbeitete Mannheimer in München als Kaufmann, zuletzt als Geschäftsführer eines Lederwarenhandels.

Der evangelische Pfarrer Waldemar Pisarski lud Mannheimer 1986 ein, in der Versöhnungskirche Dachau aus seinem Leben zu berichten. Das war der Beginn von Mannheimers Aktivität als Zeitzeuge.

Für seinen Kampf gegen das Vergessen wurde er mit Auszeichnungen überhäuft, unter anderem überreichte ihm Ministerpräsident Horst Seehofer im Jahr 2012 das Große Verdienstkreuz. Mit dem Malen hatte Mannheimer aufgehört, nicht mit dem Mahnen: »Es kommt mir nicht darauf an, mein Leid zu klagen, sondern es kommt mir darauf an, zu vermitteln, wie eine Diktatur entsteht und wie man sie verhindern kann.«

 

 

Rieke C. Harmsen und Jutta Olschewski