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Strophen des Schauderns

Vor 450 Jahren starb der düstere Prophet Nostradamus

Von Christian Feldmann

Ein Gestrüpp aus tausend Deutungen: Die Prophezeiungen des Nostradamus faszinieren Esoteriker bis heute. Vor 450 Jahren starb Michel de Nostredame. Schon in der Schule nannte man ihn den »kleinen Sternengucker«. Hat er auch den Aufstieg des Donald Trump vorhergesagt?

Nostradamus als Karikatur: kolorierte Radierung, Frankreich um 1815.
Foto: akg-images
   Nostradamus als Karikatur: kolorierte Radierung, Frankreich um 1815.

        

Der Mittlere Osten wird »brennen«. Ein Chemie-Unfall mit giftigen Dämpfen und zahllosen Toten wird sich von der Schweiz aus über Europa ausbreiten, die Stadt Genf wird »in Tränen und Verzweiflung sieben Stunden lang schreien«. In Amerika gelangt eine »falsche Trompete« mit einem »blutigen Mund« an die Macht, der Vesuv bricht wieder aus ... alles Prophezeiungen für das Jahr 2016, die Nostradamus zugeschrieben werden. Besonders in Krisenzeiten haben seine dunklen Vorhersagen Hochkonjunktur. Michel de Nostredame (1503-1566), der sich Nostradamus nannte, bedient virtuos die Ängste verunsicherter Menschen. Vor 450 Jahren, am 2. Juli 1566, starb er im französischen Salon-de-Provence.

Zwar sind seine Vorhersagen bis zur Unkenntlichkeit verschlüsselt, sodass sich jeder das herauslesen kann, was er will. Und von den ganz wenigen exakt datierten Prophezeiungen ist keine einzige eingetroffen. Aber der dunkel raunende Guru aus der Renaissance gilt vielen bis heute als mystischer Deuter der Weltgeschichte.

Der fromme Name, »Michael von der Madonna«, ist Programm: Die Vorfahren des Nostradamus, hochgebildete Getreidehändler aus der Provence, waren getaufte Juden. Michel, ein Einzelgänger, studierte in Avignon und Montpellier Medizin. Bevor er den Doktorhut erhielt, machte er sich, wie es damals üblich war, erst einmal auf eine ausgedehnte Wanderschaft. Als Pestarzt soll er sehr erfolgreich gewesen sein; von wundersamen »Rosenpastillen« aus zerstoßenen Gewürznelken, Schwertlilien, Rosen und Calamusöl wird berichtet. Gut möglich, dass der intensive Duft dieses Zaubermittels den menschlichen Körpergeruch überdeckte und so Ungeziefer wie den Rattenfloh fernhielt.

In Amerika gelangt 2016 eine »falsche Trompete« mit einem »blutigen Mund« an die Macht: Nostradamus in einer Darstellung aus dem Jahr 1840.
Foto: akg-images / Science Photo Library / Jean Loup Charmet
   In Amerika gelangt 2016 eine »falsche Trompete« mit einem »blutigen Mund« an die Macht: Nostradamus in einer Darstellung aus dem Jahr 1840.

        

Außerdem waren Nostradamus' Anweisungen, Wasser abzukochen, Reinigungsbäder zu nehmen und die Pesttoten außerhalb der Städte zu verbrennen, erheblich intelligenter als der von Badern und Medizinern als Allheilmittel angewandte Aderlass, der häufig zur Ansteckung mit infiziertem Blut führte. Nostradamus überwarf sich wegen seiner unorthodoxen Methoden jedenfalls mit der Professorenschaft - und geriet bald auch noch ins Visier der Inquisition, weil er sich über ein dilettantisch gemaltes Marienbild erregt und unglücklicherweise an das biblische Verbot erinnert hatte, sich von göttlichen Dingen ein Bild zu machen.

Nach einer überstürzten Flucht, vielleicht auch nach einer persönlichen Katastrophe - bei einer Epidemie soll er Frau und Kinder verloren haben, aber die Quellen sind unsicher - ließ er sich in Salon nieder, publizierte mit einem genialen Riecher für Publikumsbedürfnisse kosmetische Ratgeber und Rezepte für Liebestränke und beteiligte sich an der Produktion der damals überaus beliebten »Almanache« für Bauern und Handwerker, mit einem Kalender, Wettervorhersagen, Informationen über bedrohliche Himmelszeichen wie Kometen und Mondfinsternisse.

Gleichzeitig bildete er sich in Astronomie, Astrologie und okkulten Praktiken weiter - und stilisierte sich selbst immer mehr zum Propheten, der nachts beim Betrachten der Sterne göttliche Inspirationen empfing. »Ich sehe wie in einem brennenden Spiegel«, tat er kund, »wie durch umnebelte Visionen, die ungeheuerlichen und Unheil bringenden Geschehnisse herannahen.«

Eine Ausgabe von Nostradamus Centurien aus dem Jahr 1589.
Foto: PD
   Eine Ausgabe von Nostradamus Centurien aus dem Jahr 1589.

        

Wie sich diese Begegnung mit der Himmelswelt vollzog, hat er in Bildern beschrieben, die seinen Anhängern heute noch ehrfürchtige Schauder über den Rücken jagen: »Von Mitternacht bis etwa vier Uhr morgens«, so berichtet er, sei er lauschend dagesessen, »die Schläfen mit Lorbeer bekränzt, mit einem blauen Stein in der Hand«, seinen Schutzgeist anrufend, und habe dann »wie überwältigt von poetischer Raserei« und angetrieben von unsichtbaren Mächten in fliegender Hast seine Prophezeiungen niedergeschrieben.

Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die geheimnisvolle Schilderung als geschickte literarische Fiktion. Nostradamus verwendet sämtliche Versatzstücke der antiken Tradition, um sich selbst als Orakelpriester und Seher darzustellen. Die Aura des Geheimnisvollen, mit der er sich umgibt, ist sein Erfolgsgeheimnis, der nebelhafte Stil sein Schutz: Visionäre, die unorthodoxe Thesen vertraten oder sich mit klaren Parteinahmen in die Politik mischten, riskierten es, mit dem Scheiterhaufen der Inquisition oder einem Mörderdolch Bekanntschaft zu machen.

Deshalb entschuldigte sich der Prophet beim französischen König Heinrich II. für seine »holprigen« Strophen: »Die Ungunst der Zeit, Durchlauchtigster König, erfordert es, solche verborgenen Ereignisse nur in rätselhafter Sprache zu offenbaren, nicht nur einen Sinn, ein Verständnis zulassend, sondern vielmehr in Dunkelheit gehüllt.« Und gegenüber den kirchlichen Autoritäten sicherte er sich im selben Brief an den Monarchen eilfertig ab: »All diese Darstellungen stimmen in Verbindung der Heiligen Schriften und der sichtbaren Himmelserscheinungen trefflich überein.«

Für die ungebrochene Attraktivität von Zukunftsdeutungen à la Nostradamus gibt es verschiedene Erklärungen. Ängste zu artikulieren sei der erste Schritt zu ihrer Bewältigung, sagen die Psychologen.
Foto: Wallpaper / shauntmax30.com / PD
   Für die ungebrochene Attraktivität von Zukunftsdeutungen à la Nostradamus gibt es verschiedene Erklärungen. Ängste zu artikulieren sei der erste Schritt zu ihrer Bewältigung, sagen die Psychologen.

        

Die guten Kontakte des Provinzastronomen zum Pariser Königshof werden in der Nostradamus-Literatur freilich übertrieben dargestellt. König Heinrich hielt nicht viel von Sterndeutern, und auch seine okkulten Praktiken zugeneigte, von Magiern und Sehern umgebene Gattin Katharina von Medici holte Nostradamus zunächst nur als eine Autorität neben anderen an den Hof, um ihren Kindern wieder einmal das Horoskop erstellen zu lassen. Nostradamus traf dort auf zahlreiche Skeptiker und Neider, und manche Hofschranzen waren über sein behutsames Herumlavieren so erzürnt, dass sie ihn gefangen setzen wollten.

Die Anglikaner in London gerieten in regelrechte Panik

Als Heinrich II. 1559 bei einem Turnier tödlich verwundet wurde und abergläubische Gemüter das Ende des Königs in einer - wieder einmal beliebig deutbaren - Prophezeiung des Nostradamus beschrieben fanden, schlug die Stimmung um. Seine »Centuries«, eine 1555/59 veröffentlichte, groß angelegte Sammlung von Prophezeiungen, deren einzelne Bände jeweils hundert vierzeilige Strophen umfassten, fanden reißenden Absatz. Der Ruhm des Propheten verbreitete sich weit über Frankreich hinaus; als er den Kritikern der Papstkirche Tod und Verbannung vorhersagte, gerieten die englischen Anglikaner in regelrechte Panik. Geschäftemacher brachten unter dem Namen des Nostradamus zahllose Plagiate, Fälschungen und plumpe Nachahmungen in Umlauf.

Während der Seher, krank und müde geworden, das Interesse der Mächtigen genoss und vom einfachen Volk wahlweise als Schwarzmagier, Papist und lutherischer Irrlehrer verhöhnt wurde (in Paris verbrannte der Mob eine Nostradamus-Puppe, als sich der Prophet dort aufhielt), nahmen die »Centuries« ihren Weg in die Welt und riefen die Interpreten auf den Plan, die mit ihren Entschlüsselungsversuchen auch heute noch nicht an ein Ende gekommen sind.

Nostradamus mit einer englischen Übersetzung seiner »prohecies«.
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   Nostradamus mit einer englischen Übersetzung seiner »prohecies«.

        

Denn die gehetzte, oft nur andeutende Sprache der Verse, die komplizierten Wortspiele, die bewusst ausgelassenen oder scheinbar wahllos hinzugefügten Buchstaben, die unvermeidlichen Fehler der zahllosen Abschreiber und Drucker machen eine zuverlässige Wiedergabe und Deutung der Texte nahezu unmöglich. Heutige Interpreten behaupten meist, gerade in den rätselhaften lateinischen Einsprengseln oder eingefügten Buchstaben liege der ultimative Schlüssel zum Verständnis, wenn man sie zu neuen Wörtern zusammensetze - was bei diesen Versuchen herauskommt, ist aber in aller Regel genauso verwirrend wie die bereits bekannten Texte.

Was die Nostradamus-Gläubigen nicht anficht. Munter machen sie aus dem bei Nostradamus genannten Fluss »Hister« (ein alter Name für die Donau) einen Hinweis auf Hitler, interpretieren einen »in der Nähe Italiens geborenen Kaiser«, der vom einfachen Soldaten zum Imperator aufsteigt, als Napoleon (obwohl Nostradamus genauso gut die Karriere römischer Soldatenkaiser gemeint haben kann) und sehen in der Erwähnung des Mont Gaussier, eines von van Gogh gemalten Berges in der Nähe von Nostradamus' Geburtsstadt Saint-Remý, den von den Brüdern Montgolfier 1782 entwickelten Heißluftballon prophezeit.

Natürlich hat Nostradamus auch die beiden Weltkriege vorhergesehen, die moderne Seuche Aids (»Man wird die Dame nicht mehr küssen sehen«), das Blutmal auf Gorbatschows Stirn, die Regentschaft und Abwahl des Kanzlers Kohl (»Der große Hintern wird in den Rhein gestürzt«) und den Unfalltod von Prinzessin Diana (»Eine königliche Kutsche wird verunglücken«). Dass nach Nostradamus' Vorhersagen längst Krieg zwischen den USA und China und der Vatikan von arabischen Aggressoren vernichtet sein müsste, dass er für Italien eine kirchenfeindliche Diktatur und für Deutschland die Wiederherstellung der Monarchie prophezeite - alles bloß Schönheitsfehler und ein Problem der richtigen Auslegung.

Für die ungebrochene Attraktivität solcher Zukunftsdeutungen gibt es verschiedene Erklärungen. Ängste zu artikulieren sei der erste Schritt zu ihrer Bewältigung, sagen die Psychologen. Die immer komplizierter werdende technische Welt, aber auch die realen gegenwärtigen Bedrohungen - Ozonloch, Trinkwassermangel, nuklearer Overkill - provozierten Weltuntergangsbilder und düstere Apokalypsen, behaupten die Soziologen. Man verweist auf das »Elitegefühl«, welches das Wissen um die drohende Katastrophe den Eingeweihten vermittelt, und auf die intellektuelle Lust am Entschlüsseln rätselhafter Prophezeiungen. Frank Rainer Scheck sieht in den Nostradamus-Texten eine »Achterbahn« der Gefühle: Sie produzierten Angst, aber auch Selbstberuhigung, denn das Unglück sei ja vorhersehbar und so irgendwie zu kontrollieren.

Aber wohl auch nicht zu vermeiden. Untergangsszenarien - das ist ihre wirklich üble Wirkung - hindern Menschen am Handeln, denn der Weg in den Abgrund ist unabänderlich vorherbestimmt und auch an der Einsicht: Die Katastrophe kommt von außen, wird von irgendwelchen himmlischen oder teuflischen Mächten verursacht, nicht von der hirnrissigen Politik oder dem falschen Verhalten der Menschen. »Die Unkenruferei lenkt elegant vom eigenen schlechten Gewissen ab«, gibt der GEO-Autor Michael Miersch zu bedenken. »Unabwendbare Weltuntergänge haben Vorteile. Sie verlangen keinerlei Konsequenzen für das Handeln und verleihen dem Fatalisten das Flair vergeistigter Schwermut.«

Wie anders haben die Propheten geredet!

Wie ganz anders haben die biblischen Propheten und die Visionäre der Christentumsgeschichte geredet! Sie verkünden in aller Regel nicht den unabwendbaren Untergang, sondern warnen vor den schlimmen Folgen menschlichen Tuns und rufen mit drastischen Worten zur Umkehr auf - nicht anders als heute die Organisationen »Greenpeace« oder »Attac«.

Prophezeiungen dieser Art motivieren zum Handeln, nicht zur ängstlichen oder auch genießerischen Erwartung des großen Knalls. Zum Glück enthält der sensationslüsterne Run auf den alten Nostradamus auch ein Hoffnungspotenzial: die Sehnsucht nach einer friedlichen, neuen Welt, das Bedürfnis nach Rettung.

Vielleicht hat Nostradamus selbst geahnt, was er anrichtete. »Ich bitte dich«, schrieb er seinem Sohn César, »beschäftige niemals deinen Verstand mit solchen Träumereien und Wahngebilden. Sie trocknen den Körper aus, stürzen die Seele ins Verderben und verwirren die schwachen Sinne.«

Die Warnung war umsonst. Als Nostradamus 1566 starb und in Salon begraben wurde, verbreitete sich sofort die Mär, der Prophet sei lebendig ins Grab gestiegen, mit Lampe, Büchern, Tinte und Schreibfeder ausgerüstet. Im Jahre 3443 werde man den nie so richtig gestorbenen Nostradamus in einer Energiegruft am Südpol wiederentdecken, sagt eine moderne Prophezeiung voraus.

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abgerufen 01.07.2016 - 09:58 Uhr

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