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Tattoos und Rechtfertigung

»The Pastrix« - die Amerikanerin Nadia Bolz-Weber ist ein Star des liberalen Luthertums

Von Markus Springer

Nach Persönlichkeiten wie Nadia Bolz-Weber sehnen sich viele lutherische Christen aus dem liberalen Lager: Charismatisch, aber nicht evangelikal; Tattoos, rebellischer Look und doch theologisch so ur-lutherisch, wie man es sich kaum »orthodoxer« ausmalen könnte. Jetzt war die US-Pfarrerin und Bestsellerautorin auf Buchpräsentationstour in Europa. Auch in Deutschland wird sie immer populärer. Zum Abschluss ihrer Europareise schaute sie in der Münchner St.-Matthäus-Kirche vorbei.

Ein Foto mit der Pfarrerin aus Amerika: Nadia Bolz-Weber nach ihrem Gottesdienst in der Münchner Matthäuskirche. Rechts: Enneagramm-Autor Pfarrer Andreas Ebert.
Foto: Frank
   Ein Foto mit der Pfarrerin aus Amerika: Nadia Bolz-Weber nach ihrem Gottesdienst in der Münchner Matthäuskirche. Rechts: Enneagramm-Autor Pfarrer Andreas Ebert.

        

»Queer« (schräg), »Nigga« oder »schwul« - immer wieder haben Minderheiten Wörter, die sie beleidigen oder verletzen sollten, in stolze Selbstbezeichnungen umgekehrt.

Bei Nadia Bolz-Weber war es das Wort »Pastrix«. Kritiker im Internet versuchten die tätowierte lutherische Theologin mit der lateinischen Feminisierung des Worts Pastor herabzusetzen - damals, als sie anfing, im »House for All Sinners and Saints« (Haus für alle Sünder und Gerechten) Tätowierte, Schwule, Lesben, Dragqueens, Transgender, vom Leben gezeichnete und vom christlichen Glauben enttäuschte um sich zu sammeln. Liturgisch traditionell, aber sozial progressiv - mit einer solchen Gemeinde stellt Bolz-Weber den protestantischen Mainstream in den USA auf den Kopf. Sie würde sagen: vom Kopf auf die Füße.

Nadia Bolz-Weber schrieb ein Buch: »Pastrix: The Cranky, Beautiful Faith of a Sinner and Saint«. Die 1969 geborene Amerikanerin beschreibt darin, wie sie in ihrer Jugend gegen ihre christlich-fundamentalistische Familie rebellierte, im Drogensumpf und im Alkohol versank, mit ungezählten Partnern Sex hatte, sich als Komikerin in einem Nachtklub von Denver versuchte. Sie wurde Teil der »Unterseite« der Gesellschaft, schreibt sie, der »Außenseiter, Zyniker, Alkoholiker, schrägen Vögel«. Und sie beschreibt, wie sie sich schließlich zu einem Theologiestudium berufen fand und zur lutherischen Pfarrerin wurde.

Auf Deutsch unter dem schrägen Titel »Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen: Pastorin der Ausgestoßenen« erschienen, schaffte es ihr Buch auf die Bestsellerliste der New York Times.

»Der Teufel wühlt in Gottes Mülleimer. Er hält uns immer wieder Vergehen vor, die uns Gott längst vergeben hat.«

Acht Leute in ihrem Wohnzimmer in Denver, Colorado - so fing 2008 ihre Gemeinde an. Acht Jahre später in der gut gefüllten Münchner Bischofs­kirche St. Matthäus hat Nadia Bolz-Weber bereits den zweiten Bestseller im Gepäck. »Accidental Saints: Finding God in All the Wrong People« oder mit dem erneut holprigen deutschen Titel »Unheilige Heilige. Gott in all den falschen Leuten finden«.

Ursprünglich habe sie für dieses Buch den Titel »Purpose Driven Sinners« im Sinn gehabt, aber der Verlag habe ihr das ausgeredet, verrät sie. Vermutlich auch deswegen, weil sich der evangelikale Pastor Rick Warren von der kalifornischen »Saddleback«-Mega­kirche die Formulierung »purpose driven« als Marke hat schützen lassen. Warrens 1995 erschienenes Buch »The Purpose Driven Church« (deutsch »Leben mit Vision«) hat sich millionenfach verkauft und wurde in über 50 Sprachen übersetzt.

Warren ist Baptist und gehört damit der größten protestantischen Denomination in den USA an. Er gilt als »moderater Konservativer«, sprach bei der Vereidigung von Präsident Barack Obama 2008 das Gebet und versucht mit seiner Kirche seit ein paar Jahren auch in Deutschland Fuß zu fassen.

»Purpose driven« bedeutet: »auf ein Ziel, eine Bestimmung hin ausgerichtet«. Auch Warren und Saddleback stehen - wie der Großteil der evangelikalen Bewegung - für religiöse Reinheitsvorstellungen, vor allem sexuelle. Auf christlichen »Purity Balls« geloben Mädchen Keuschheit bis zur Ehe - vor Gott, sich selbst und ihrer Familie.

»Ich klaue die ganze Zeit bei Luther«: Nadia Bolz-Weber.
Foto: Brendow Verlag
   »Ich klaue die ganze Zeit bei Luther«: Nadia Bolz-Weber.

        

Nadia Bolz-Weber zieht nicht Zehntausende in den Gottesdienst wie Saddleback in Kalifornien. Ihre Gemeinde ist immer noch klein. Etwa 300 schräge Vögel aller Altersklassen und Geschlechter sind es heute, noch ein Pfarrer ist dazugekommen. Sie alle lieben ihre Nadia, die traditionelle Liturgie und die Gottesdienste, in denen keine Lobpreis-Popbands spielen, sondern die alten Kirchenlieder gesungen werden. Eine außergewöhnliche, und doch völlig normale Gemeinde der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Amerika (ELCA).

Bolz-Weber sieht in vielem, was in den evangelikalen Megakirchen gepredigt wird, eine Pervertierung des Erlösungswerks Gottes: Wenn die Kirche die Frage der Sünde auf moralische Fragen herunterbreche, »dann fangen wir an zu glauben, dass wir die Sünde durch moralisches Handeln bekämpfen können, und dann fangen wir an, unsere eigenen Götter zu werden«.

Es geht aber, Luther wusste das, um etwas ganz anderes, es geht ums Ganze des »simul iustus et peccator«. Wir Menschen sind gerechtfertigt in Christus. Aber wir bleiben Sünder.

Ob christlich-kirchliche »Reinheitskultur« oder »New-Age-Yogakultur« - immer gehe es um »Schmirgelpapier, um unsere Kanten abzuschleifen«. Aber genau dieser Versuch der Selbstperfektionierung verfehlt den Kern des Evangeliums, ist Ausdruck des in sich selbst verkrümmten Menschen, »incurvatus in se«: Selbstbezogenheit statt Ausrichtung auf Gott und die Mitmenschen - das ist das Wesen der Sünde, predigt Nadia Bolz-Weber mit Augustinus und Luther.

Kirche als »Sündenmanagement-Programm« fürs Volk? Hat nicht funktioniert, funktioniert nicht, sagt die Theologin. Trotzdem gebe es Selbstperfektionierungsprogramme - säkulare und religiöse - an allen Ecken und Enden der Welt.

Gerade aber »unsere Ecken und Kanten«, sagt sie, »unsere Fehler, Versagensmomente und Wunden sind das Gewebe, das uns miteinander und mit Gott in Verbindung bringt«. Solche Sätze werden zum Gesamtkunstwerk, wenn eine attraktive Frau mit christlichen Tattoos auf den Armen sie spricht. Und es wird klar, was da weit über ihre kleine Gemeinde in Denver hinaus immer mehr Ausstrahlung entwickelt.

In München ist Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel unter den Gästen in der Matthäuskirche, auch Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm schaut später noch vorbei. Liberal-lutherische »Multiplikatoren« sind da, aber für bayerisch-lutherische Verhältnisse auch ungewöhnlich viele junge Leute, die Bolz-Weber an den Lippen hängen.

»Was ist lutherisch? Die Erkenntnis, dass wir so wie wir sind – so wie wir sind! – mit Gott leben dürfen. Es braucht keine geistlich-religiöse Dressur, damit Gott uns liebt.«

Wir Menschen, sagt sie zum Beispiel, hätten eine grandiose Fähigkeit, selbst die besten Dinge in Sünde zu verkehren. Sogar Liebe, Mildtätigkeit und Barmherzigkeit, wenn wir uns dann besser als andere und ihnen überlegen fühlten. »Ich habe keinerlei Idealismus, was menschliches Handeln angeht, aber absoluten Idealismus, was Gottes Erlösungswerk betrifft.« Und sie sage eigentlich nie etwas Originelles: »Ich klaue die ganze Zeit bei Luther.«

Zum Schluss des von Matthäus-Pfarrer Norbert Roth in Lederhosen moderierten Abends zwischen Vortragsveranstaltung, Diskussion und Gottesdienst erklingt »Amazing Grace«. Das Lied mit seinem Text von der unverdienten Gnade Gottes sollte unbedingt im evangelischen Gesangbuch Aufnahme finden bei dessen nächster Revision: »Erstaunliche Gnade, wie süß der Klang, / Die einen sündigen Schuft wie mich errettete! / Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden, / War blind, aber nun sehe ich.«

US-Präsident Barack Obama stimmte es im letzten Jahr auf bewegende Weise bei der Trauerfeier nach dem rassistischen Kirchenattentat von Charleston an. Und auch die Geschichte des Lieds passt: Ein englischer Kapitän auf einem Sklavenschiff schrieb es 1748 nach Errettung aus Seenot. Danach wurde er Pastor und kämpfte für die Abschaffung der Sklaverei.

Ex-Junkie Nadia Bolz-Weber hat eine Staatsmeisterschaft im Gewichtheben gewonnen. Sie reißt auch mit Mitte 40 noch locker 70 Kilo aus dem Stand. Und sie schreibt hinreißende Andachten über ihre Erfahrungen beim Training in der Muskelbude.

Sie hat einen (Ex-)Mann, zwei Kinder und eine dänische Dogge namens Zachäus.

Ihr erstes Tattoo ließ sie sich stechen, als sie 17 war. Es war eine Friedenstaube. Als sie Theologie studierte, kam eine großflächige Maria Magdalena auf dem rechten Arm dazu. Ihr linker Arm ist ein Gesamtkunstwerk, das um das liturgische Jahr kreist. Alle ihre bunten Tattoos haben mit dem Evangelium zu tun.

Nadia Bolz-Weber »verkörpert« also etwas: ein progressives Christentum, das Muskeln zeigt, das eine Bekehrungserfahrung und pietistische Inbrunst mit lutherischer Geistesklarheit und sozialer Gerechtigkeit verbindet.

Ur-lutherische Predigt wird bei Nadia Bolz-Weber zu krachendem Rock 'n' Roll, klingt neu, unverbraucht, zeitlos.

Woran liegt es dann, dass bei ihr der evangelisch-lutherische Funke überspringt, andernorts - auch in Bayern - weniger Rock 'n' Roll und mehr Verwaltungs- oder Niedergangs-Blues herrschen?

Was die US-Pastorin dazu zu sagen hat, dürfte denen nicht schmecken, die von »Volkskirche« reden und staatlich alimentierte Amtskirche meinen. Sie sei in der Wolle gefärbte Amerikanerin, lacht Bolz-Weber entschuldigend. Die Trennung von Staat und Kirche sei Teil ihrer DNA. Sie finde es »absurd«, dass ein christlicher Pastor und Gemeindeleiter »Beamter im öffentlichen Dienst« sein solle - »wie ein Postbote zuständig für einen Sprengel«. Wie könne man einen Menschen beerdigen, den man gar nicht kennt?

Immer wieder begegne ihr in den Predigerseminaren eine Frage von jungen Theologen: Wie kann ich ein guter Diener der Kirche sein und zugleich ich selbst bleiben? Eine Frage als Problemanzeige, die jede Kirche beschämen müsse, meint Bolz-Weber.

Auf Pfarrkonferenzen sehe es ähnlich aus: Hinter vorgehaltener Hand gestehen viele, dass sie eine Rolle spielen, oft nur die Fassade aufrechterhalten. Die meisten Pfarrer haben »einen Job und eine Kirche«, sagt Bolz-Weber.

Ein moralisches Christentum der Selbst- oder Gesellschaftsperfektionierung, Kultur-Pendelei, die zwischen privat und Kirchenjobfassade unterscheidet, der Zwang, Teile von sich auszuklammern - all das muss zwangsläufig in die Lüge führen, weiß Bolz-Weber: »Ich glaube nicht, dass Kirchenleitende so tun sollten, als seien sie etwas, das sie nicht sind.« Stattdessen sollten sich Christen freier zu ihrer Sündhaftigkeit, ihren Ecken und Kanten bekennen - und mehr von der grundstürzenden, unverdienten Gnade Gottes reden, der uns in Jesus Christus die Sünde vergeben hat.

»Luthertum wird auf die Lutheraner verschwendet«, sagt Nadia Bolz-Weber. »Denn die verstehen oft die Kraft dessen nicht, was sie da haben.«

 

  Weitere Informationen:  www.houseforall.org

 

Nadia Bolz-Weber: Unheilige Heilige. Gott in all den falschen Leuten finden. Brendow Verlag Moers, 2016. 256 Seiten, ISBN 978-3-8650-6890-3, 18 Euro.

 

  BUCHTIPP: Nadia Bolz-Weber: Unheilige Heilige. Gott in all den falschen Leuten finden. Brendow Verlag Moers, 2016. 256 Seiten, ISBN 978-3-8650-6890-3, 18 Euro.

        

        

        

Nadia Bolz-Weber: »Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen«: Pastorin der Ausgestoßenen. Brendow Verlag Moers, 2015. 256 Seiten, ISBN 978-3-8650-6780-7, 16,95 Euro.

  BUCHTIPP: Nadia Bolz-Weber: »Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen«: Pastorin der Ausgestoßenen. Brendow Verlag Moers, 2015. 256 Seiten, ISBN 978-3-8650-6780-7, 16,95 Euro.

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abgerufen 29.09.2016 - 20:37 Uhr

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