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Aktuelle Ausgabe: 34 vom 21.08.2016
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Urknall der Individualität

Ein »Reformator der Malerei« - vor 750 Jahren wurde Giotto di Bondone geboren

Von Markus Springer

Vor ihm war die Schablonenhaftigkeit der Ikonen, doch bei ihm hat jeder Engel seine eigene Frisur: Giotto, der Wegbereiter der Renaissance. Nach ihm wurde eine Weltraumsonde benannt, weil er den Halleyschen Kometen, den er 1301 sah, auf ein Fresko bannte. Und der Streit über die Frage, ob Jesus Eigentum hatte, verbindet den Florentiner um ein paar Ecken mit der bayerischen Hauptstadt. Über einen Menschen hinter vielen Legenden.

»Die Vertreibung der Teufel aus Arezzo« (Ausschnitt): Das Fresco ist das zehnte von 28 eines Zyklus mit Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus, den Giotto zwischen 1295 und 1299 für die Oberkirche in Assisi schuf.
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   »Die Vertreibung der Teufel aus Arezzo« (Ausschnitt): Das Fresco ist das zehnte von 28 eines Zyklus mit Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus, den Giotto zwischen 1295 und 1299 für die Oberkirche in Assisi schuf.

        

Zu dem vielen, was man nicht weiß von Giotto, gehört der Anlass dieses Textes: sein Geburtstag. Noch nicht einmal über das Jahr herrscht Einigkeit. Der Urvater aller Kunsthistoriker, Giorgio Vasari (1511-1574), spricht von 1276. Glaubhafter ist der Florentiner Glockengießer und Volksdichter Antonio Pucci. Er notierte etwa 35 Jahre nach dem Tod des Künstlers, der große Giotto sei (nach heutigem Kalender) am 8. Januar 1337 »im Alter von 70 Jahren« gestorben. 1337 - 70 = 1267, klare Sache. Oder doch nicht? Eher unwahrscheinlich ist es, dass Giotto ausgerechnet in der ersten Januarwoche geboren wurde. Wahrscheinlicher ist also ein Geburtstag im Jahr 1266. Vor 750 Jahren. Aber nur, wenn Pucci wirklich das genaue Sterbealter des Malers kannte.

Bereits Ende 2015 war Giotto Teil der Mailänder Weltausstellung - die vorerst letzte große Giotto-Schau ist seit Januar vorbei. Unter dem Titel »Giotto, l'Italia« identifizierte sie den Weltstar Giotto in einer Art Unio Mystica der Kunst mit Italien als Ganzem. Das kleine San Marino dagegen bringt zum 750. Geburtstag eine seiner beliebten (weil seltenen und daher schnell werthaltigen) 2-Euro-Gedenkmünzen heraus. Aber erst 2017.

»Meine Brüder Vöglein, gar sehr müsst ihr euren Schöpfer loben!«: Franziskus predigt den Vögeln, Teil einer Predellatafel, um 1300, Louvre, Paris.
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   »Meine Brüder Vöglein, gar sehr müsst ihr euren Schöpfer loben!«: Franziskus predigt den Vögeln, Teil einer Predellatafel, um 1300, Louvre, Paris.

        

Woran kein Zweifel besteht: Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts war Giotto ein Star - nicht nur in Florenz, in ganz Italien. Sein fast gleichaltriger Zeitgenosse Dante Alighieri (1265-1321) setzte ihm in der »Göttlichen Kommödie« (Divina Commedia) ein weltliterarisches Denkmal. Am »Läuterungsberg« ist es, wo die Seelen bei Dante durchs Fegefeuer (Purgatorio) müssen, um in den Himmel zu kommen. Im elften Gesang heißt es dort: »O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden! / Wie wenig dauert deines Gipfels Grün, / Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden. / Als Maler sah man Cimabue blühn, / Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen, / Und Jenes Glanz in trüber Nacht verglühn.« (XI, 91-96)

In Giovanni Boccacios Dekameron hat Giotto einen weiteren Auftritt. In der »Mutter aller Novellensammlungen« schildert Boccaccio (1313-1375), wie sich während der Pest von 1348 zehn junge Menschen aus Florenz, sieben Damen und drei junge Männer, alle reich und gebildet, aufs Land flüchten und sich die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertreiben.

Dante setzte Giotto ein literarisches Denkmal: Um 1530, rund 200 Jahre nach Giottos Tod schuf der Florentiner Maler Agnolo Tori, genannt Bronzino (1503-1572), dieses allegorische Porträt des Dichters Dante mit dem Läuterungsberg. In der »Göttlichen Kommödie« auf seinem Schoß aufgeschlagen ist allerdings nicht das Fegefeuer (Purgatorio), sondern der 25. Gesang des »Paradiso«.
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   Dante setzte Giotto ein literarisches Denkmal: Um 1530, rund 200 Jahre nach Giottos Tod schuf der Florentiner Maler Agnolo Tori, genannt Bronzino (1503-1572), dieses allegorische Porträt des Dichters Dante mit dem Läuterungsberg. In der »Göttlichen Kommödie« auf seinem Schoß aufgeschlagen ist allerdings nicht das Fegefeuer (Purgatorio), sondern der 25. Gesang des »Paradiso«.

        

Eine Episode führt zwei berühmte Florentiner auf einer Reise zufällig zusammen: den Maler Giotto und den Richter Forese da Rabatta, zeitweise Gonfaloniere (Staatschef) der Florentiner Republik. Boccaccio stellt die beiden nicht nur als erfolgreich, sondern auch als von über die Maßen hässlicher Gestalt dar. Die zwei geraten in einen heftigen Sommerregen und durch diesen auch noch kleidungsmäßig aus der Form. Nach längerem Schweigen sagt Forese lachend zu seinem Nebenmann: »Giotto, wenn jetzt ein Fremder, der dich nie gesehen hätte, uns hier entgegenkäme - kannst du dir denken, dass er dich als den ersten Maler der Welt, der du doch bist, erkennen würde?« Giotto beweist Schlagfertigkeit: »Mein Herr, ich glaube wohl, dass er mich als solchen erkennen würde, sobald er, nachdem er Euch besehen, glaubte, dass Ihr das Abc könnt.«

Als Boccaccio den Decamerone schrieb, war Giotto zwar schon tot. Doch der Dichter kannte die beiden Gestalten seiner Geschichte persönlich, ebenso wie viele seiner Leser. Und die dürften eine gewisse »Realität« des Erzählten erwartet haben.

Rund 100 Jahre nach Giottos Tod war für den Florentiner Bildhauer Lorenzo Ghiberti (1378-1455) dessen historische Bedeutung klar: Giotto stand für eine kulturelle Wende, wie sie schärfer nicht sein könnte. Nach den christlichen Bilderstürmen seit der Zeit des Kaisers Konstantin habe eine 600-jährige schreckliche bilderlose Zeit geherrscht. »Die Griechen« (Ghiberti meint die Byzantiner) hätten dann wieder angefangen mit dem Bildermachen, seien dabei aber hinter der Kunst »der Alten«, also der Antike, weit zurückgeblieben. Die Wiedergeburt der Künste habe in Florenz und mit Giotto begonnen, dem »Erwecker alles Kunstwissens, das seit sechshundert Jahren im Grabe gelegen hatte«.

Die Erfindung des »finsteren Mittelalters«

Die Renaissance schuf sich ihren eigenen geschichtsphilosophischen Mythos - und den vom »finsteren Mittelalter« als Kontrastfolie gleich mit. Die damals »erfundene« Deutung der Nachantike als dunkle und mit der Renaissance überwundene Zwischenzeit wirkt bis heute.

Krönung der Maria: Detail des Baroncelli-Polyptychons (um 1334, Santa Croce, Florenz).
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   Krönung der Maria: Detail des Baroncelli-Polyptychons (um 1334, Santa Croce, Florenz).

        

Fast wie in einem Evangelientext präsentiert Ghiberti eine Kindheits- und Berufungsgeschichte des Giotto: »Die Kunst der Malerei begann ihren Aufstieg in Etrurien: In einem Dorf nahe Florenz mit Namen Vespignano wurde ein Knabe voll wundersamer Begabung geboren.« Es ist Giotto, der Sohn bettelarmer Leute. Der Maler Cimabue kommt zufällig vorbei und sieht, wie der Knabe ein Schaf auf eine Steinplatte zeichnet. »Er verwunderte sich aufs höchste, dass er in so zartem Alter so Gutes zustande bringe«, deswegen bittet er den Vater, den Knaben bei ihm in die Lehren zu geben.

Erkennbar ist als typisches Renaissance-Programm hinter der frommen Legende: Künstler lernt man nicht. Als Künstler wird man geboren. Und: Dieser Künstler, Giotto, malt nach der Natur.

Das Einzige, was wohl wirklich stimmt bei Ghiberti, ist die Verbindung Giottos mit Vespignano bei Vicchio di Mugello, rund 20 Kilometer nördlich von Florenz. Doch zu der Zeit, als sich dort ein Landbesitz Giottos nachweisen lässt, war der Maler schon erfolgreich und wohlhabend.

Es ist also gar nicht so leicht, durch das Dickicht der Legenden zum »historischen Giotto« durchzudringen. Der Kunsthistoriker Michael Viktor Schwarz hat Giotto dennoch als eine der am besten belegten »Normalexistenzen« aus dem Italien des 14. Jahrhunderts bezeichnet. Normalexistenz natürlich nur, solange er keinen Pinsel in der Hand hatte. Warum? Neben seinen Fresken, Bildern und anderen Werken sind fast 150 Quellen überliefert.

Am Totenbett des heiligen Franziskus: Giottos Fresken in der Bardi-Kapelle der Franziskanerkirche Santa Croce in Florenz entstanden ab 1317. In der Barockzeit wurden sie übertüncht und mit Epitaphien zugestellt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie wiederentdeckt.
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   Am Totenbett des heiligen Franziskus: Giottos Fresken in der Bardi-Kapelle der Franziskanerkirche Santa Croce in Florenz entstanden ab 1317. In der Barockzeit wurden sie übertüncht und mit Epitaphien zugestellt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie wiederentdeckt.

        

Seine Werke versetzen bis heute Kunstfans in Andacht und Verzückung - doch nach den Maßstäben seiner Zeit hat Giotto ein durch und durch bürgerliches Leben geführt. Sein schwer verdientes Geld legte der Maler gewinnbringend an. Seine sieben Kinder sollten es einmal leichter haben: Seinen Söhnen verschaffte er geistliche Ämter, die diese mehr als Job denn als Berufung sahen. Die klassische Mittelstandskarriere damals.

Aufgewachsen ist Giotto ziemlich sicher in Florenz, und zwar als Sohn eines Schmieds mit dem Namen Bondone. Möglicherweise hieß er nach seinem Großvater Angiolino: Giotto könnte gut eine Kurzform von Angiolotto sein (eine Kose- und Vergrößerungsform von Angiolino). Giotto wird einen Sohn nach seinem Vater Bondone nennen, der diesen Namen dann zu Donatus latinisiert. Familientradition?

Von krasser Armut in der Jugend kann beim Handwerkersohn Giotto keine Rede sein. Vermutlich ging er zur Schule, lernte Lesen und Schreiben. Giotto hatte mindestens einen Bruder, der den Beruf des Vaters ergriff und Schmied wurde. Wie viele andere Künstler der Renaissancezeit kam also auch Giotto aus einer Handwerkerfamilie. Den jungen Giotto prägte ein Umfeld, in dem man Technik als Kunst verstand und an Machbarkeit glaubte.

Um 1300 wohnte Giotto wie die restliche Familie des Bondone im Pfarrbezirk von Santa Maria Novella, für den die Dominikaner zuständig waren. Bis heute erinnert Giottos eindrucksvolles Kreuz eines leidenden Christus an die Beziehung des Malers zu »seiner« Kirche. An das rege Geistesleben in der Gemeinde erinnern die astronomischen Gerätschaften in der markanten schwarz-weißen Fassade. Ein großer Gelehrter aus dem Konvent von Santa Maria Novella zur Zeit Giottos war der Dominikaner Fra Ricoldo di Montecroce (gest. 1320). Sein »Tractatus contra legem Saracenorum« wurde noch von Martin Luther als grundlegendes Werk über den Islam herangezogen.

Das Kruzifix in seiner Heimatkirche Santa Maria Novella gehört zu Giottos Frühwerken. Es entstand um 1288/89.
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   Das Kruzifix in seiner Heimatkirche Santa Maria Novella gehört zu Giottos Frühwerken. Es entstand um 1288/89.

        

Während Giotto vermutlich in der Werkstatt Cimabues (»Ochsenkopf«, eigentlich Cenni di Pepo, etwa 1240-1302) lernte, dann in Rom, Padua, Assisi und seiner Heimatstadt Florenz Werke von einer nie zuvor gesehenen Ausdruckskraft schuf und dadurch immer berühmter wurde, eskalierte in der großen Politik in Deutschland und Italien der Streit zwischen Kaiser und Papst. Oder zwischen Guelfen und Ghibellinen, wie die beiden verfeindeten Parteien in Italien heißen.

Papst oder Kaiser: Wer hängt von wem ab? Wer ist mächtiger? In Florenz stand man tendenziell eher auf der Seite des Papstes. Es ist die Zeit, in der Giotto zu reifer Meisterschaft gefunden hat. Erstmals in der christlichen Malerei präsentiert ein Maler Menschen aus Fleisch und Blut, Individuen. Ihre Körper sind noch mittelalterlich schablonenhaft, doch jedes der über 100 Engels- und Himmelswesen auf dem Baroncelli-Polyptychon (Santa Croce) hat nun eine eigene Frisur, ein persönliches Alter und individuelle Gesichtszüge. Und die Franziskanerbrüder, die in der Bardi-Kapelle den Tod des San Francesco beweinen, spiegeln die ganze Palette menschlicher Gefühle zwischen verzweifelter Trauer, stiller Andacht und Erstarrung im Angesicht des Todes.

Nicht Geld - Armut verdirbt den Charakter!

Dass Giotto sich konkret in die großen politisch-religiösen Fragen seiner Zeit einmischte, zeigt aber keines seiner Bilder, sondern ein Lied, das er hinterlassen hat. Es ist eine Abrechnung mit der Armut. Fünf bissig-kluge Strophen, die, sagen die Forscher, ziemlich sicher aus seiner Feder stammen: Wie war das mit der Armut Jesu? Müssen Christen arm sein? Die Frage hat die Christenheit seit ihren Anfängen umgetrieben. Mit der franziskanischen Bewegung aus Assisi, zu Giottos Zeit gerade mal 100 Jahre alt, steht sie neu auf der Tagesordnung.

Bärte, Frisuren, Typen: Detail des Baroncelli-Polyptychons (um 1334, Santa Croce, Florenz).
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   Bärte, Frisuren, Typen: Detail des Baroncelli-Polyptychons (um 1334, Santa Croce, Florenz).

        

Giotto schildert zunächst die Folgen unfreiwilliger Armut, der die Menschen mit allen Mitteln (und zu Recht) zu entgehen suchten: »An jener Armut, die gegen den eigenen Willen ist, / ist nicht zu bezweifeln, dass sie doch / der Weg zum Sündigen ist, / indem sie oft die Richter zu Irrtümern führt; / und Frauen und Jungfrauen der Ehre entkleidet / und zu Diebstahl, Gewalt und Bosheit führt / und zu so mancher Lüge / und jeden des ehrbaren Stands beraubt.«

Dann nimmt sich Giotto in seinem Canzone die freiwillig gewählte Armut vor: Er attackiert die religiösen Heuchler in Kirche und Orden als Wölfe im Schafspelz, er preist den gesunden Menschenverstand und die Menschlichkeit weltlichen Lebens im Gegensatz zur Rigidität franziskanischer Armutsideale und Lebensregeln. Armut als Norm des christlichen Lebens? Giotto dreht den Gemeinplatz, Geld verderbe den Charakter, provokant um: »Mancando roba, par chè manchi senno«, formuliert er in toskanischem Dialekt: Wo es an Besitz fehlt, scheint es oft auch an Vernunft oder Verstand zu fehlen. Besitz dagegen ermögliche Entscheidungsfreiheit - und zwar zu etwas Gutem.

Doch wie geht Giottos fast »frühreformiert« wirkende Absage an das franziskanische Armutsideal mit dem Umstand zusammen, dass die Franziskaner zu seinen bedeutendsten Auftraggebern zählten? Immerhin schuf Giotto grandiose Freskenzyklen für die Basilika San Francesco in Assisi oder für die Franziskanerkirche Santa Croce in Florenz. Damit nicht genug: Unter seinen sieben Kindern sind ein Francesco und eine Chiara. Giotto kann also mit den Ideen und den damaligen Vertretern des heiligen Franziskus nicht grundsätzlich so auf Kriegsfuß gestanden haben, wie es seine Verse in ungeschliffener Volkssprache vermitteln.

Von 1304 bis 1306 malte Giotto in Padua die Privatkapelle des reichen Bankiers Enrico Scrovegni mit 38 Szenen aus dem Leben Jesu aus. Berühmt ist Giottos Abbildung des Halleyschen Kometen in der Anbetung der Heiligen Drei Könige, den er 1301 mit bloßem Auge am Himmel sehen konnte.
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   Von 1304 bis 1306 malte Giotto in Padua die Privatkapelle des reichen Bankiers Enrico Scrovegni mit 38 Szenen aus dem Leben Jesu aus. Berühmt ist Giottos Abbildung des Halleyschen Kometen in der Anbetung der Heiligen Drei Könige, den er 1301 mit bloßem Auge am Himmel sehen konnte.

        

Vermutlich spiegelt sich in Giottos Versen wider, was München unter Kaiser Ludwig dem Bayern für kurze Zeit zu einem intellektuellen Zentrum Europas machte: der Armutsstreit im Franziskanerorden.

Der Streit war eigentlich ein Konflikt zwischen Pragmatikern, die tendenziell dem Papst näherstanden (den »Konventualen«), und fundamentalistischeren Vertretern der Armutsregel, die zeitweise mit dem Papsttum über Kreuz lagen (den »Spiritualen«). Die Folgen dieser Auseinandersetzungen sind bis heute an den verschiedenen Zweigen der Franziskanischen Orden ablesbar.

In den 1320er-Jahren wurde der Streit hochpolitisch: Was als Auseinandersetzung zwischen dem Dominikaner-Inquisitor Jean de Beaune und dem franziskanischen Lektor Berengar Talon von Perpignan begonnen hatte, zog immer weitere Kreise. Umberto Eco verarbeitete die Ereignisse zum Hintergrund seines Romans »Der Name der Rose«.

1327 eskaliert der Armutsstreit der Franziskaner: Ihr Ordensgeneral Michael von Cesena (1270-1342) wird gegen den Willen des Papstes in Avignon wiedergewählt und daraufhin exkommuniziert, ebenso wie der Jurist Bonagratia von Bergamo oder der Philosoph und Theologe Wilhelm von Ockham. Den Spiritualen um Michael gelingt die abenteuerliche Flucht aus Avignon. In Pisa (das mit Florenz rivalisiert) stoßen sie zu Ludwig dem Bayern, in dessen Begleitung sich schon Marsilius von Padua befindet. Ludwig gewährt den franziskanischen Flüchtlingen in München Asyl - und instrumentalisiert den Streit politisch in seinem Kampf mit dem Papst.

Dass Wilhelm von Ockham von München aus dann ganz modern die Autonomie weltlicher Herrschaft forderte, für die Scheidung von Glauben und Wissen eintrat und für die Trennung von Kirche und Staat - das war natürlich exzellente Munition für die Politik des Kaisers.

Wie der Maler Giotto über Ludwig aus München dachte, wissen wir nicht. Es dürfte sich wenig von der Haltung seines Florentiner Zeitgenossen Giovanni Villani (1280-1348 an der Pest) unterschieden haben, der in seiner Chronik ähnlich wie Dante ein vernichtendes Urteil über Ludwigs Kaiserkrönung durch das römische Volk fällte: »Und man vergegenwärtige sich, wie groß die Überheblichkeit dieses verfluchten Bayern war. Denn in keiner älteren oder neueren Chronik habe ich gefunden, dass irgendein anderer christlicher Kaiser sich jemals habe von anderen als vom Papst oder dessen Legaten krönen lassen.«

Für eine pragmatische Haltung in der Armutsfrage hatte Giotto auch persönliche Gründe. Das zeigen Quellen, die ein Licht auf den Unternehmer Giotto werfen, der etwa ab 1315 Mitglied der Apotheker- und Gewürzhändlerzunft war. Klingt seltsam, doch diese Zunft war schlicht auch für den Handel mit Pigmenten und Farben zuständig.

Giotto hatte nichts gegen innovative Geschäftsideen, wenn sie nur profitabel waren. Eine notarielle Urkunde beweist, dass sich der später fast wie ein Messias verehrte Künstler als Spekulant und Geldverleiher betätigte. Zur Zeit Giottos herrschte in Florenz im Bankwesen und der Tuchmanufaktur Goldgräberstimmung. 1312 vermietete Giotto einen aus Frankreich importierten Webstuhl (telarium francigenum) an einen Heimarbeiter namens Bartolus Rinuccii. Bislang hatte man in Florenz Tuch als billige Massenware hergestellt. Nun begann man, die feinen französischen Webtechniken zu kopieren - der Beginn eines Booms in der mittelitalienischen Tuchproduktion, dessen Erfolgsmuster an Japan oder China denken lässt.

Beutete Giotto den armen Weber Rinuccii aus? Ein Wirtschaftshistoriker hat ausgerechnet, dass der Jahresprofit des Malers bei satten 120 Prozent des eingesetzten Kapitals lag. Vielleicht lohnte sich die Sache also auch für den Weber.

Wegweiser und Webstuhl-Kapitalist

Als Giotto am 8. Januar 1337 in Florenz starb, wurde er im Dom bestattet. Eine enorme Ehre, die nur Fürsten, Heerführern, Gelehrten und Dichtern zuteil wurde - und dies auch erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. War Giottos Künstlergrab also jenes, das die Tradition kommunaler Ehrengräber des Stadtstaats Florenz erst begründete? Oder begrub man ihn als Baumeister und Architekt in »seiner« Kirche, für die er den Campanile errichtet hatte?

Eine der vielen Legenden, die man sich bald nach seinem Tod erzählte, illustriert Giottos naturalistisches Können: Als Lehrling habe Giotto seinen Meister Cimabue gefoppt, indem er einem von dessen Porträtbildern so wirklichkeitsgetreu eine Fliege auf die Nase malte, dass Cimabue sie für echt hielt und das unliebsame Insekt mit einem Tuch wegzuwedeln versuchte.

Zum genialen Wegbereiter der Renaissance, zu dem Giotto bald stilisiert wurde, passten derlei Anekdoten besser als die Erinnerung an den Webstuhl-Kapitalisten. »Giotto wandelte die Malkunst vom Griechischen ins Lateinische und führte sie zur Moderne«: Dieser oft zitierte Satz des Florentiner Malers Cennino Cennini (etwa 1370-1440) bringt seither den Mythos Giotto auf den Punkt.

Cenninis Geburtsgeschichte der Renaissance-Malerei fängt wörtlich bei Adam und Eva und der Erschaffung der Welt an - und ist wenige Sätze später bei Giotto. Doch dass sie sich liest wie eine biblische Ahnentafel, hat einen guten Grund: Es gibt tatsächlich eine Kunst vor Giotto und eine nach ihm. Was Giotto erfand, ist in der Malerei aller seiner Nachfolger sichtbar - ein Urknall der Individualität, der Humanität und der Geistesfreiheit, der bis heute nachhallt.

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abgerufen 31.08.2016 - 02:23 Uhr

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