7.09.2018
Resilienz bei Jugendlichen

Übungen gegen Stress: Wie Trainingsprogramme Schülern in Bayern helfen

Der Druck in Schule und Arbeitswelt hat in den letzten zehn Jahren messbar zugenommen. Immer mehr Berufstätige fehlen aufgrund psychischer Erkrankungen – auch Azubis sind stark betroffen. Das Trainingsprogramm "Stark" will Schülern Strategien vermitteln, wie sie mit Stress und Leistungsdruck besser umgehen können. Ein Besuch an der Berufsschule Fürstenfeldbruck.
Schülerinnen der Berufsschule Fürstenfeldbruck, die am Förderprogramm "Stark" teilnehmen
"Es tut gut, die eigenen Stärken zu hören", sagt eine Schülerin, als die Übung beendet ist und sie lesen darf, was ihre Mitschülerinnen über sie geschrieben haben.

Verona ist unzufrieden. Mit Fragebögen und in Gruppenarbeit hat sie in der letzten halben Stunde herausgearbeitet, dass sie zwar sehr hilfsbereit ist. Aber: "Meine Hilfsbereitschaft hat mir eigentlich nie genützt", klagt die Auszubildende nun im Stuhlkreis ihren zehn Mitschülerinnen an der Berufsschule Fürstenfeldbruck.

Zusammen mit Schulpsychologin Irene Timm überlegen die Schülerinnen der Gesundheitsklasse, warum Hilfsbereitschaft trotzdem eine positive Eigenschaft ist und wie Verona sie besser einsetzen könnte.

Was das Anti-Stress-Training bewirken soll

Unbemerkte Stärken entdecken und Selbstbewusstsein tanken – das ist ein Ziel des Trainingsprogramms "Stark" der Schulewirtschaft Akademie im Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft. In insgesamt sechs Doppelstunden sollen Schülerinnen und Schüler über das Schuljahr verteilt lernen, wie sie mit Stress umgehen, sich selbst einschätzen und ihre Zeit besser einteilen.

Seit 2016 können sich Lehrer, Sozialarbeiter und Psychologen in München schulen lassen und das Präventionsprogramm an die Berufsschulen, Mittelschulen und Gymnasien im ganzen Freistaat weitertragen. Pädagogen von mehr als 120 bayerischen Schulen haben die ein- bis zweitägige Fortbildung den Angaben zufolge bereits besucht.

Stärken sind viel schwieriger zu beschreiben als die eigenen Schwächen.

Julia, Schülerin der BBS Fürstenfeldbruck

Julia versucht ihre Klassenkameradin aufzumuntern: "Viele zeigen ihre Dankbarkeit nicht, freuen sich aber trotzdem über Hilfe." Aber auch die angehende Medizinische Fachangestellte findet: "Stärken sind viel schwieriger zu beschreiben als die eigenen Schwächen."

Bianca hat es bei dieser Übung leichter. Sie hat herausgefunden, dass sie besonders ihre Offenherzigkeit auszeichnet. Dadurch falle es ihr leicht, neue Freunde zu finden und in der Arztpraxis mit den Patienten in Kontakt zu treten, erklärt sie.

Spiele sollen helfen mit Stress umzugehen.
Mithilfe von Spielen und anderen Übungen sollen Schülerinnen und Schüler der Berufsschule Fürstenfeldbruck lernen, wie sie gut mit Stress umgehen.
Welche Aktivitäten helfen gegen Stress?
Über das Schuljahr verteilt überlegen sie in insgesamt sechs Doppelstunden unter anderem, bei welchen Aktivitäten sie sich entspannen können und was sie im Alltag glücklich macht. Dazu zählen neben Schokolade und Netflix auch Familie und Freunde.
Irene Timm, Schulpsychologin an der Berufsschule Fürstenfeldbruck
Schulpsychologin Irene Timm hat das Programm mit dem Titel "Stark" an der BBS Fürstenfeldbruck angestoßen. Zuvor hat sie mit anderen Lehrkräften der Schule eine Seminar der Schulewirtschaft Akademie Bayern besucht, die das Training konzipiert hat.
Die Schüler sollen mit dem Training "Stark" unbemerkte Stärken entdecken und Selbstbewusst sein tanken.
Die jungen Frauen und Männer sollen mit dem Training auch unbemerkte Stärken entdecken und Selbstbewusstsein tanken. Auf Papptellern, die sie sich auf den Rücken geheftet haben, notieren sie, welche Charakterzüge des anderen sie besonders mögen.
Diese Schülerin wird unter anderem für ihre Gelassenheit und ihre Herzlichkeit geschätzt.
Diese Schülerin wird unter anderem für ihre Gelassenheit und ihre Herzlichkeit geschätzt.
Schülerinnen der Berufsschule Fürstenfeldbruck, die am Förderprogramm "Stark" teilnehmen
"Es tut gut, die eigenen Stärken zu hören", sagt eine Schülerin, als die Übung beendet ist und sie lesen darf, was ihre Mitschülerinnen über sie geschrieben haben.

Berufsanfänger sind hohem Druck ausgesetzt

Die Themen Stressbewältigung und gesunde Psyche sind laut Projektleiterin Christine Ringhoff von der Schulewirtschaft Akademie brandaktuell – und zwar schon bei jungen Leuten. Lernstress, Streit mit den Eltern, hohe Erwartungen von Vorgesetzten und Lehrern: Die Anforderungen an junge Menschen in Schule und Ausbildung sind hoch.

Im Beruf steigt die Belastung sogar noch: Der digitale Wandel erfordert viel Flexibilität, weil sich Arbeitsprozesse ständig verändern. Mit neuen Technologien verschmelzen Berufliches und Privates zunehmend. Und infolge des Fachkräftemangels muss ein Angestellter immer mehr Tätigkeiten ausüben.

Studie: Azubis häufiger krank als Kollegen

Während manche Jugendliche mit dem Druck klarkommen, halten andere ihm nicht so gut stand. Im Gesundheitsreport 2017 der Techniker Krankenkasse heißt es, Azubis seien zwar viel kürzer, aber fast doppelt so oft krankgeschrieben wie ihre Kollegen. Die Fehlzeiten von Arbeitnehmern aufgrund psychischer Erkrankungen seien zudem zwischen 2006 und 2016 in allen Altersgruppen deutlich gestiegen – unter Auszubildenden jedoch um rund 100 Prozent, erklärt Ringhoff. Umso wichtiger sei es, schon in jungen Jahren Methoden zu lernen, mit schwierigen Situationen klarzukommen.

Was theoretisch klingt, sieht in der Praxis in Fürstenfeldbruck zum Beispiel so aus: Die jungen Frauen der Gesundheitsklasse werfen sich abwechselnd einen Ball zu. "Musik hören", "Joggen" und "Schlafen" schallt es dazu durch den Raum – alles Aktivitäten, bei denen sie sich gerne entspannen. Anschließend überlegen sie, welche Eigenschaften damit verbunden sind: Wer zum Beispiel Klavier spielt, ist wahrscheinlich geduldig, denn bis man ein Lied zweihändig spielen kann, braucht es Zeit. Wer gerne Fußball spielt, ist vermutlich teamfähig, weil der Sport das Zusammenspiel erfordert.

Ziel ist es, die Gedanken und Gefühle zu verlangsamen.

Irene Timm, Schulpsychologin der BBS Fürstenfeldbruck

Schulpsychologin Timm geht es vor allem darum, dass die Schülerinnen und Schüler ihr Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse schärfen. "Ziel ist es, die Gedanken und Gefühle zu verlangsamen", sagt sie. Nur so können die jungen Erwachsenen lernen, aus der diffusen Aussage "Ich bin gestresst" zu formulieren, was ihnen wirklich fehlt. "Bin ich müde? Bin ich pessimistisch?", zählt Timm unterschiedliche Konkretionen auf.

Außerdem ist ihr wichtig, den Schülern zu zeigen, dass sie ihr Leben selbst in der Hand haben. Viele Menschen neigten dazu, festzulegen, wie sich ihre Umwelt ändern müsse, damit sie glücklich sind. Spannender sei aber die Frage: An welchen Stellschrauben kann ich selbst drehen?

Wie das Präventionsprogramm "Stark" umgesetzt wird

127 Schülerinnen und Schüler aus fünf Klassen der Berufsschule Fürstenfeldbruck nehmen an dem Präventionsprogramm teil. Die sechs Lektionen werden über ein Jahr verteilt in unterschiedlichen Fächern durchgenommen. Die Klassen werden dazu geteilt, jede Hälfte nach Möglichkeit von zwei Lehrern betreut.

Bei den Schülern kommt das Thema gut an. Basti (20) aus der IT-Klasse findet es gut, sein Verhalten und seine Gedanken zu reflektieren. Er weiß jetzt: "Ich bin ein Perfektionist und versuche, es immer allen recht zu machen." Gleichzeitig erwarte er von anderen, dass sie genauso akkurat sind wie er, erklärt der Münchner. Diese Haltung könne zu Problemen in seinem sozialen Umfeld führen. Zudem vernachlässige er es, Dinge zu tun, die für ihn gut wären: "Eigenen Wünschen nachzugeben, fällt mir schwer."

Achtsamkeit & Resilienz

Dossier-Tipp

Dossier Achtsamkeit Resilienz

Was macht unsere Seele stark? Manche Menschen können bessere als andere mit Lebenskrisen und Schickssalschlägen umgehen. Wissenschaftler erforschen diese seelische Widerstandskraft unter dem Begriff Resilienz. Was macht uns resilient? Wie können wir Resilienz trainieren? Und was hat Achtsamkeit damit zu tun? Das und mehr lesen Sie in unserem Dossier über Achtsamkeit & Resilienz unter www.sonntagsblatt.de/achtsamkeit !

Wie die Schüler die Übungen finden

Alex (24), der ebenfalls eine Ausbildung zum Fachinformatiker macht, erinnert sich an eine Übung in der letzten Stunde: Die ganze Klasse machte mit geschlossenen Augen eine Entspannungsübung – bis der Lehrer ankündigte, er tippe gleich jemandem auf die Schulter, der dann ein Lied singen müsse. Das sei natürlich nur ein Test gewesen, aber der plötzliche Stress war immens, betont der junge Mann.

Was genau löst den Stress aus? Das ist für Alex ein interessanter Gedanke. Und er freut sich, in den nächsten drei Unterrichtseinheiten konkrete Werkzeuge an die Hand zu bekommen, wie er in einer solchen Situation Ruhe bewahrt – zum Beispiel durch Atemübungen.

Es tut gut, die eigenen Stärken zu hören.

Julia, Schülerin an BBS Fürstenfeldbruck

In der Gesundheitsklasse neigt sich die Unterrichtsstunde dem Ende entgegen: Die Schülerinnen kleben sich je einen Pappteller auf den Rücken. "Schreiben Sie auf die Pappteller Eigenschaften, die sie an der anderen Person schätzen", fordert Timm sie auf.

Erst zieren sich die jungen Frauen. "Wir kennen uns noch gar nicht so gut", sagt eine. Aber dann kommen sie in Fahrt: "voll lieb", "immer lustig", "sehr erwachsen" notieren sie und umschnörkeln das Geschriebene mit Herzchen und Sternchen.

Als sie die Teller abnehmen und jede lesen darf, wofür sie die Mitschülerinnen besonders mögen, wird es still im Klassenraum. "Es tut gut, die eigenen Stärken zu hören", sagt Julia. Als sie den Klassenraum verlassen, tragen alle ein Lächeln auf den Lippen.

Resilienz-Förderprogramme für Kinder & Jugendliche: Eine Auswahl

  • Neben dem Programm "Stark" für Oberstufen-Schüler und Auszubildende bietet die Schulewirtschaft Akademie auch die Kompetenzwerkstatt für Schüler der Mittelstufe an. Sie soll Jugendliche befähigen, eigene Stärken zu entdecken und ihnen so bei der Berufswahl helfen. Mehr Infos unter www.stark-bayern.de.
     
  • Das Programm "Prävention und Resilienzförderung in Kindertageseinrichtungen" (kurz: PRiK) wurde von Psychologen und Sozialarbeitern der Evangelischen Hochschule Freiburg entwickelt und richtet sich an Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren. In dem dazugehörigen Buch lernen Erzieher und Pädagogen verschiedene Faktoren von Resilienz kennen und finden Vorschläge für Spiele und Übungen mit den Kindern. Mehr Infos unter www.resilienz-freiburg.de.
     
  • Das Programm "Entwicklungsförderungin Familien: Eltern- und Kinder-Training" (kurz: Effekt) ist an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entstanden. Die Besonderheit hier: Nicht nur die Kinder schulen ihre sozialen Kompetenzen. Auch für die Eltern werden Trainings angeboten. Mehr Infos unter www.effekt-training.de.

Weitere Artikel zum Thema:

Leben

Seelische Widerstandsfähigkeit lässt sich nach Einschätzung der Resilienz-Trainerin Maria Moll nur bis zu einem bestimmten Grad erlernen. Aber "an Haltungen wie einer positiven Grundhaltung lässt sich arbeiten", sagte Moll dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Sozialpädagogin bietet Resilienz-Trainings an, bei denen es darum geht, mehr Gelassenheit im Alltag zu erlangen.

Seelisches Immunsystem

Gute Laune - schlechte Laune
Manche Menschen verdauen Misserfolge, Druck oder Stress besser als andere und gehen sogar gestärkt aus Krisen hervor. Psychologen nennen diese Eigenschaft "Resilienz". Die gute Nachricht: Die psychische Widerstandskraft, auch "seelisches Immunsystem" genannt, kann man trainieren. Sechs praktische Übungen, wie das im Alltag geht.