21.07.2018
Krisen meistern

Was ist Resilienz? - Psychologin Donya Gilan erklärt

Was hilft Menschen, Lebenskrisen unbeschadet zu überstehen? Diese Frage erforscht die Diplom-Psychologin Donya Gilan am Deutschen Resilienz Zentrum in Mainz. Wie man Resilienz lernen kann und warum sie trotzdem keine Wunderwaffe ist. Ein Interview.
Blumen stoßen durch den Asphalt ans Licht vor.

Frau Gilan, was versteht man unter Resilienz?

Gilan: Der Begriff kommt aus der Materialkunde und beschreibt das Phänomen, dass Stoffe nach einer Verformung wieder in ihre Ausgangslage zurückkehren können. In der Psychologie und Medizin versteht man unter Resilienz die "seelische Widerstandskraft". Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit, dass Menschen ihre psychische Gesundheit trotz widriger Lebensumstände aufrechterhalten oder sie nach einer Krise zurückgewinnen. Die heutige Resilienzforschung ist das Resultat eines Paradigmenwechsels: Lange Zeit lag der Fokus auf der Ursachenforschung und Behandlung von bestehenden Krankheiten. 1978 verabschiedete die Weltgesundheitsorganisation die Deklaration "Health for all", ein Jahr später entwarf der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky sein Konzept der Salutogenese. Beides leitete einen Perspektivwechsel in der Medizin ein: Statt nur die Pathogenese – also die Frage, was den Menschen krank macht – ins Zentrum zu stellen, konzentrierte man sich stärker auf die Frage, was gesund hält.

Ist seelische Widerstandskraft angeboren, oder kann der Einzelne Resilienz auch erlernen?

Gilan: Die Kunst der Krisenbewältigung ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Sie hängt von vielen Faktoren ab: Familiäre Erfahrungen gehören dazu, Freunde, Gene, Werte, Glaubensvorstellungen und die konkrete Lebenssituation. Ein Patentrezept für Resilienz gibt es also nicht. Aber wir haben Hinweise darauf, dass die Resilienz eines Menschen formbar ist. Sicherlich gibt es Menschen, denen es aufgrund ihrer genetischen Veranlagung leichter fällt, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Die gute Nachricht für alle ist aber: Resilienz ist erlernbar. Sie entsteht durch Interaktion mit der Umwelt im wirklichen Leben, Tag für Tag. Wie reagiere ich bei Stress und in Krisen? Wie kann ich trotz großer Belastung meine Emotionen steuern? Wie bewerte ich alltägliche Stresssituationen, Misserfolge, aber auch Erfolge? Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation und Bewältigungsstrategien sind keine Mechanismen, die man von heute auf morgen erlernt  – es geht hier um einen lebenslangen Lernprozess. Noch eine gute Nachricht: Resilienz ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel! Wir kommen alle ständig mit kleineren oder größeren Krisen zurecht.

Was ist dann das Besondere?

Gilan: Für die Forschung interessant ist, warum manche Menschen in extremen Krisen eine besondere Widerstandskraft zeigen. Dafür scheint es einige Mechanismen zu geben: Vielfach wurde in Studien beobachtet, dass besonders resiliente Menschen nicht so lange in einer Passivität verharren, sondern früh nach Möglichkeiten suchen, die ihre Situation positiv verändern könnten. Sie sehen in Niederlagen oder kritischen Situationen ein Entwicklungspotenzial und versuchen, dem Geschehen einen Sinn zu geben: So wird die Situation kontrollierbarer und lässt sich besser in den Lebenskontext integrieren. Menschen, die als resilient gelten, überwinden Schmerz und Trauer schneller als andere, indem sie den Blick in die Zukunft richten, geistig flexibel bleiben, ihre Sichtweise ändern können und an ihrer Einstellung arbeiten. Manche von ihnen erleben das, was die Psychologie als "posttraumatisches Wachstum" bezeichnet: Mit zeitlichem Abstand gehen sie gestärkt aus Krisen hervor.

Das ganze Interview lesen Sie im Sonntagsblatt-THEMA "Die Kraft der Seele. Was uns fürs Leben stark macht" (2018), das Sie hier online bestellen können.

 

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Neustart für die Seele

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Wir essen zu viel, schleppen zu viel mit uns rum, leben in vollgestopften Wohnungen, schieben zu viel Unangenehmes vor uns her. "Einfaches Leben" bedeutet, sich von materiellen und seelischen Lasten zu befreien. Jesus hatte erkannt, dass auch im Glauben an Gott vieles verkompliziert wurde. Mit seiner Klarheit entrümpelte er auch den Glauben.