10.10.2018
Asyl und Flüchtlinge

Nürnberger Sinn-Stiftung will abgeschobene tschetschenische Flüchtlinge zurückholen

Fassungslosigkeit bei Nürnberger Flüchtlingshelfern: Eine Familie musste nach Tschetschenien zurückkehren, obwohl sie dort um ihr Leben fürchten muss. Die schwerbehinderte Mutter ist ohne Rollstuhl, der Sohn aus seiner Schulklasse verschwunden. Die Regierung von Mittelfranken sieht "keine tatsächlichen und rechtlichen Gründe", die gegen eine Abschiebung sprechen.
Aufführung des Stücks „Der kleine Prinz“
Der neunjährige Islam ( vorne in der Mitte) bei der Aufführung des Stücks „Der kleine Prinz“ in der Nürnberger Kirche St. Leonhard

Wie jeden Montagmorgen wollte der neunjährige Islam Gezuev in die Nürnberger Wiesenschule gehen. Doch an diesem Tag wurde der Junge aus seinem bisherigen Leben herausgerissen. Um 6.30 Uhr stand die Polizei vor der Tür und hatte ein Dokument dabei: die Aufhebung der Duldung. Für Islams Eltern, die ihre Heimat, die zu Russland gehörende Teilrepublik Tschetschenien, unter Todesangst verlassen hatten, ein Schock. 20 Minuten habe man der Familie gegeben, um ein paar Sachen zusammenzupacken, erzählen die Mitarbeiter der evangelischen Sinn-Stiftung. Die Stiftung will die Gezuevs mit Hilfe eines Anwalts zurückholen.

"Sie können in Tschetschenien nicht bleiben", betont Leiterin Sabine Arnold. Sie steht im Kontakt mit dem 52-jährigen Vater Salman Gezuev. In seiner jüngsten Nachricht berichtet er, dass er kein Geld hat, um sich eine Wohnung zu mieten. Die Familie sei inzwischen getrennt bei Verwandten untergekommen

Asylantrag wurde abgelehnt

Seit sechseinhalb Jahren lebten die Gezuevs in Nürnberg, Sohn Islam kam als Kleinkind hierher. Der Vater ist seit über einem Vierteljahrhundert auf der Flucht. In beiden Tschetschenienkriegen entkam er brutalen Gefechten, Räuberbanden und russischen Soldaten, die ganze Dörfer abfackelten. Salmans Frau Kameta (50) wurde tagelang im Keller eines zerbombten Hauses gefangen gehalten und überlebte nur, indem sie Regenwasser trank. Nach eigenen Angaben wurde sie dort "misshandelt", Genaueres sagt sie nicht. Sie erlitt eine schwere Angina, eine Angststörung und eine Nervenkrankheit, wegen der sie auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Zeitweise lebte die Familie in der Türkei, kehrte von dort in den russischen Nordkaukasus zurück, wo sie erneut drangsaliert wurde. 2012 floh Salman Gezuev mit Frau und Sohn nach Deutschland und stellte einen Asylantrag, der später abgelehnt wurde. "Es sind sehr gebildete Menschen", schildert Sabine Arnold ihren Eindruck von der Familie, "Herr Gezuev hat sich sehr um seinen Sohn gekümmert". Die Mutter war wegen ihrer Behinderung kaum belastbar.

Doch auch Kameta integrierte sich gut. Die ehrenamtlichen Kräfte der Sinn-Stiftung organisierten einen Elektro-Rollstuhl. Die pensionierte Lehrerin Erika Gareus hat Kameta zwei jahrelang Deutschunterricht gegeben. "Sie ist sogar bei Regen mit dem Rollstuhl zum Unterricht gekommen", erzählt Gareus.

 

Islam mit seiner Mutter Kamete
Islam Gezuev mit seiner Mutter Kamete

Familienvater Salman, ein gelernter Architekt, arbeitete derweil für einen symbolischen Stundenlohn als Fliesenleger. Kurz bevor die Firma ihn übernehmen wollte, entzog ihm das Ausländeramt die Arbeitserlaubnis. Grund: keine Bleibeperspektive.

Und nun die Abschiebung, die alle fassungslos macht, die die Gezuevs kannten. Irina Gerasimov, die die Familie fünf Jahre lang betreut hat, sagt: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das passiert. Sie hätten einen Termin beim Rechtsanwalt gehabt. Ich dachte, sie bekommen ein Bleiberecht." Erika Gareus ist auch deshalb entsetzt, weil die Politik zuletzt ein Einwanderungsgesetz angekündigt hat: "Wir brauchen doch Leute, die fleißig sind und sich integrieren wollen. Dass man jetzt nochmal solche Fakten schafft, ist für mich nicht nachvollziehbar."

Adelheid Marcinko, Leiterin der Wiesenschule, bestätigt dem Evangelischen Pressedienst (epd): Erst durch eine Mail von Sabine Arnold habe sie von der Abschiebung des Drittklässlers Islam erfahren. "Ich war erschüttert und meine Kollegen auch", sagt Marčinko. "Dass die Behörden uns über so etwas nicht einmal informieren, ist traurig und eine Abwertung unserer Arbeit." Islam sei ein guter Schüler gewesen.

Kein Geld für einen Weiterflug

Salman Gezuev hat Sabine Arnold per WhatsApp geschrieben, dass die Familie, nachdem sie ihre Nürnberger Wohnung verlassen musste, einen ganzen Tag lang in einem Raum ausharren musste - ohne Handys, ohne Essen. Sogar der neunjährige Islam hätte hungern müssen. Abends wurde die Familie in ein Flugzeug von München nach Moskau gesetzt und dort mittellos sich selbst überlassen. Salman musste Freunde anbetteln, um Tickets für einen Weiterflug in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny bezahlen zu können. Kametas Rollstuhl blieb in Nürnberg zurück.

Nach wie vor werden in Tschetschenien Gegner und vermeintliche Gegner des Diktators Ramsan Kadyrow brutal verfolgt. Amnesty International berichtet von Menschen, die einfach verschwinden, von Folterungen und außergerichtlichen Hinrichtungen. Das Auswärtige Amt rät aufgrund der schlechten Sicherheitslage von Reisen in den Nordkaukasus ab. Aber die Zentrale Ausländerbehörde der Regierung von Mittelfranken schreibt in einem Bescheid, es stünden der Abschiebung "keine tatsächlichen und rechtlichen Gründe entgegen". Eine weitere Stellungnahme zu dem Fall war von der Behörde bis zum Mittag nicht zu erhalten.

Sabine Arnold hat sich per Brief bei mehreren Politikern über Bayerns Flüchtlingspolitik beschwert. Am Dienstag schrieb sie erneut an Innenminister Joachim Herrmann. Zu den Adressaten gehört auch Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU). Denn Stamm, das ist die bittere Ironie dieser Geschichte, hat der Sinn-Stiftung vergangenes Jahr den Bürgerpreis für hervorragende Integrationsarbeit verliehen. Doch diese, klagt Arnold, werde durch Abschiebungen wie die der Gezuevs zunichte gemacht.

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