17.03.2014
Barmer Erklärung

Auf den Spuren von Barmen

Was hat die Barmer Theologische Erklärung mit uns zu tun? Auf einer Reise zur Gemaker Kirche in Wuppertal, wo die sechs Thesen im Mai 1934 verabschiedet wurde, will sich eine Pfarrerin aus Marktbreit in Unterfranken für ihren Glauben und das kirchliche Leben in der Gemeinde inspirieren lassen.
Die Wuppertaler Schwebebahn.
Die Wuppertaler Schwebebahn.

Ich sitze im Zug. Fahre an Würzburg, Aschaffenburg, Frankfurt und Köln vorbei. Es ist derselbe Weg, den im Mai 1934 die elf bayerischen Synodalen der Barmer Bekenntnissynode vor sich hatten. Allerdings war es sicher nicht so komfortabel wie heute, und sicher brauchten sie länger als vier Stunden. Ich erreiche Wuppertal. Am Hauptbahnhof steige ich in die legendäre Schwebebahn. »Erbaut 1898-1903« steht auf einer Gedenktafel. Das Wahrzeichen der Stadt begrüßte demnach schon die Teilnehmenden von Barmen. Schaukelnd geht es über der Wupper bis zur Station Alter Markt im Stadtteil Wuppertal-Barmen. Von dort sind es nur noch wenige Schritte zum historischen Ort: der Gemarker Kirche in Barmen. Vor der imposanten Steinkirche weht eine große orangefarbene Fahne mit der Aufschrift: »Gelebte Reformation. Barmer Theologische Erklärung.«

»Charta des geistlichen Widerstands«

Ich bin angekommen und ich verstehe: Was vor 500 Jahren in Wittenberg seinen Anfang genommen hat und was vor über 80 Jahren in Barmen passierte, das gehört untrennbar zusammen. So jedenfalls sehen es die Ausstellungsmacher. Seit 2014, zum 80. Jahrestag, gibt es hier in der Gemarker Kirche eine bemerkenswerte Schau. Geschichte, Wirkungsgeschichte und gegenwärtige Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung (BTE) sollen erlebbar werden. Das beginnt schon damit, dass der Eingang über den Eine-Welt-Laden erfolgt. Eine gute Idee, schließlich wurde die BTE weit über Deutschland hinaus bekannt. Als protestantische Christen in Südafrika 1982 die Erklärung von Belhar verabschiedeten, die sich gegen die Apartheid wendete, diente ihnen Barmen als Vorlage. Außerdem wurde sie in unzählige Sprachen übersetzt. Über dem französischen Text steht die gewichtige Formulierung: Charta des geistlichen Widerstands.

Im Eingangsbereich begegnen mir vier farbenprächtige Bilder der Reformatoren: Luther, Zwingli, Melanchthon und Calvin. Hier sind sie vereint: Lutheraner und Reformierte. Ich empfinde das als eine Ansage. Schließlich fand man in Barmen nach den Streitgesprächen und Spaltungen des Protestantismus im 16. Jahrhundert das erste Mal zu einer gemeinsamen Tagung und einem gemeinsamen Wort zusammen. Schade, dass erst der äußere Druck durch den Nationalsozialismus und die Deutschen Christen dazu geführt hat. Jedenfalls hat man erkannt, dass es Situationen gibt, in denen nicht die Unterscheidung und die Einteilung in Konfessionen, sondern das gemeinsame Hören auf die Bibel und das gemeinsame Bekennen Vorrang haben. Das macht Barmen bis heute bedeutsam. Auch wir fragen, wo wir als Christen über alle Konfessionen hinweg mit einer Stimme sprechen müssen. Wo wir uns einmischen, Partei ergreifen und unmissverständlich Nein sagen müssen.

Das Museum  »Gelebte Reformation. Barmer Theologische Erklärung« in Wuppertal-Barmen.
Das Museum »Gelebte Reformation. Barmer Theologische Erklärung« in Wuppertal-Barmen.

Dann stehe ich vor den wichtigsten Ausstellungsstücken: einer alten Reiseschreibmaschine mit schwarz-weißen Tasten und der BTE im Original.
Es ist klar: Es geht um weit mehr als um ein Stück bedrucktes Papier. Die dargestellte Entstehungsgeschichte der BTE zeigt mir, dass Bekennen sowohl Mut als auch Vertrauen in Gottes Vermögen erfordert. Darüber war sich auch das ursprüngliche Verfassertrio bewusst. Zu ihm gehörte neben dem Altonaer Pfarrer Hans Asmussen und dem renommierten Schweizer Theologieprofessor Karl Barth auch ein bayerischer Theologe: der Münchner Oberkirchenrat Thomas Breit. Am 15. und 16. Mai 1934 trafen die drei sich im Hotel Basler Hof in Frankfurt, wo sie den ersten Entwurf formulierten.

Bis zur einstimmigen Annahme am 31. Mai 1934 blieb nicht viel Zeit, aber viel Diskussionsbedarf. Vor allem von lutherischer Seite gab es Bedenken. Weniger inhaltlicher Art. Es sollte auf gar keinen Fall der Eindruck entstehen, dass man hier eine Union mit nichtlutherischen Kirchen eingehen wollte. Bis zum Schluss gab es Momente, in denen viele dachten: Das wird nichts.

Schüler spielte besondere Rolle

Nach langer nächtlicher Beratung wurde es doch etwas, und ein Jugendlicher hatte in dieser Runde, die fast ausschließlich aus Männern bestand – Stephanie Mackensen von Astfeld war die einzige Frau – seinen Auftritt: der Pfarrerssohn Karl Immer. Für die Zeit der Synode hatte der Gymnasiast schulfrei erhalten. Über die Nacht vom 30. zum 31. Mai 1934 schreibt er später: »Und dann, in früher Morgenstunde, wurde einer gesucht, der mit einer Schreibmaschine fertig wurde. Es war keiner da, so musste ich mit dem bekannten Zwei-Finger-System aushelfen. Ich weiß nicht mehr, welche Mühe und Not die Schreibmaschine und Pastor Asmussen mit mir hatten, aber auf jeden Fall: Ich schrieb die Barmer Erklärung.«

Ich entdecke: Es gibt immer auch die ganz praktische Seite großer historischer Ereignisse. Dazu gehört auch, dass die Gemeinde in Barmen das ganze Treffen organisiert hat. Wer damals mithalf, die Gäste zu versorgen, durfte bei den Beratungen zuhören. Es dürften nicht wenige gewesen sein, denn schließlich hatten bei den Kirchenwahlen 1933 in Barmen nicht die Deutschen Christen, sondern die Liste der Bekennenden Kirche 70 Prozent der Stimmen errungen. Hierin liegt auch der Grund, warum Barmen als Ort für die Synode gewählt wurde. Auf die Frage, ob die Synode nicht in München abgehalten werden könne, soll Hans Meiser, der damalige bayrische Landesbischof, geantwortet haben: »Die Synode muss nach Barmen. Dort gibt es die richtigen Gemeinden dafür, nicht in der Großstadt München.«

Torpedo-Schreibmaschine
Auf dieser Torpedo-Schreibmaschine wurde die Barmer Theologische Erklärung vom Schüler Karl Immer getippt.

Vor der Glasvitrine mit dem Original der BTE stehen sechs orangefarbene leuchtende Stelen. Für jede These eine und dazu eine markante Überschrift:
DAS EINE WORT GOTTES – JESUS CHRISTUS – GEMEINSCHAFT – DIENST – DER STAAT – KIRCHE. Zu diesen Themen hat man sich jeweils in der Reihenfolge von Bibelwort, Bekenntniswort und Verwerfung geäußert. Wie wir als Gemeinde, als Christen und als Kirche Christus nachfolgen, auf ihn hören, ihn bezeugen und in der Welt bekennen, das bleibt aktuell. Wir müssen dazu unsere eigenen Antworten finden, denn unsere Herausforderungen sind andere als damals. Die Barmer Bekenntnissynode sah insbesondere die Gemeinden in der Pflicht und sie sah sich ihnen gegenüber verpflichtet. Insofern stärkt die BTE die Rolle der Gemeinden.

Als ich die Ausstellung verlasse, sehe ich in unmittelbarer Nachbarschaft die in hellem Weiß leuchtende Synagoge. Die Rheinische Kirche überließ 1990 das Grundstück zum Bau und verstand dies bewusst als nachgeholte siebte Barmer These. 1934 schwieg man zum Unrecht an den jüdischen Mitbürgern.
Draußen entdecke ich außerdem ein grünes Banner vor dem Gemeindehaus mit dem Bibelwort: »Wenn ein Fremder unter euch wohnt, bedrückt ihn nicht. Wie ein Einheimischer soll er leben, und du sollst ihn lieben, wie dich selbst.« (3. Mose 19, 33-34) Dazu der Zusatz: »Flüchtlinge willkommen! Refugees welcome!«

Was bedeutet uns die Barmer Erklärung?

Ich spüre: Barmen wirkt weiter. Auf der Rückfahrt recken sich in Frankfurt die Wolkenkratzer der Finanzwelt in den wolkenverhangenen Himmel. Ich frage mich: Vertrauen wir auf die Finanzmärkte manchmal mehr als auf Jesus Christus? Werden kommende Generationen uns fragen: »Warum habt ihr nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt…?« Und was werde ich meiner Gemeinde erzählen? Vielleicht werden wir einen Ausflug nach Barmen machen und dann überlegen: was bedeutet uns die BTE? Welche Ordnungen sind unserer Kirche angemessen? Wo wollen wir hin, als Gemeinde, als Kirche im 21. Jahrhundert? Und dabei, davon bin ich überzeugt, wird uns das Schlusswort der BTE hilfreich sein: »Verbum Dei manet in aeternum.« Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.

Die reformierte Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen.
Die nach dem Krieg wiedererrichtete reformierte Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen, rechts daneben die Synagoge. Die Rheinische Kirche überließ 1990 der jüdischen Gemeinde das Grundstück zum Bau und verstand dies als nachgeholte siebte Barmer These.
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