10.03.2020
Manchmal schenkt Moses Hoffnung

"Ohne ihn würde es nicht funktionieren": Anatolij Korshov ist Geflüchteter und arbeitet in der Pflege

Seit acht Jahren ist im Leben von Anatolij Korshov nichts mehr wie in den rund vier Jahrzehnten zuvor: Seit 2012 lebt der Ukrainer mit seiner Familie nach der Flucht vor politischer Verfolgung in Nürnberg, sein Aufenthaltstitel wird immer wieder verlängert.
Leiter Horst Fuchs, Sozialdienstleiterin Anca Büttner und Pflegehelfer Anatolij Korshov vor dem Evangelischen Altenheim in Nürnberg

Sicher auch, weil der 50-Jährige wie auch seine Frau und die beiden älteren Kinder sich ausbilden lassen und arbeiten – allesamt in Pflegeberufen. Seit Oktober 2018 hat Anatolij ein Amt im Kirchenvorstand. Vertrauen auf Gott ist bei all dem sein Antrieb. Davon lassen sich auch seine beiden Chefs am Evangelischen Altenheim in Nürnberg-Eibach tragen. Auch wenn die Umstände manchmal zum Verzweifeln sind.

Aus seiner Gemeinde in St.- Leonhard-Schweinau ist Anatolij Korshov schon lange nicht mehr wegzudenken. Beinahe jeder Vierte hier hat russlanddeutsche Wurzeln und spricht nahezu ausschließlich Russisch. Da ist es nicht nur gut, wenn ein engagierter Muttersprachler die monatlich stattfindenden evangelisch-lutherischen Gottesdienste in russisch-deutscher Sprache mitgestaltet und auch beim anschließenden Hauskreis dabei ist.

Korshov übersetzt die Anliegen dieser Gemeindeglieder gegenüber den Deutsch sprechenden und umgekehrt. Wie bereits in der alten Heimat Odessa, wo er für seinen christlichen Glauben ebenso offen eintrat wie für seine politischen Überzeugungen in Julia Timoschenkos oppositioneller Batkivschina. Das sah nicht jeder dort so gerne, weshalb Korshov und seine Familie nach einigen gefährlichen Entwicklungen um Leib und Leben fürchten mussten und ihr Glück seitdem in Deutschland suchen.

Es wird händeringend Personal gesucht

Das tut die Familie nicht nur in der evangelischen Kirchengemeinde, sondern in einem Berufsbereich, in dem händeringend Leute gesucht werden. Gattin Anschela arbeitet nach ihrer Ausbildung als Sozialpflegehelferin in Fürth. Anatolij und Sohn Pavlo sind beide im Evangelischen Altenheim tätig – der Vater seit Mai 2019 als Hilfs-, Pavlo als Fachkraft, Tochter Polina fängt dort bald ihre Ausbildung an.

"Wir suchen wie alle anderen Einrichtungen händeringend nach Fachkräften", sagt Leiter Horst Fuchs. Da man nicht die vom Gesetzgeber geforderte Zahl an Fachkräften vorweisen kann, seien von den 88 Betten derzeit nur 65 belegt. In den vergangenen Jahren waren es auch regelmäßig Geflüchtete, die in seinem Haus ein berufsvorbereitendes Praktikum oder ein Freiwilliges Soziales Jahr begonnen haben. Manche Behörden würden es diesen Anwärtern auf eine Anerkennung als Asylbewerber und Berufseinsteiger ungebührlich schwer machen. "Dabei bräuchten wir auch diese Leute so dringend", sagt Fuchs.

Ein Lied davon singen kann auch Anca Büttner, die 2006 aus Rumänien nach Deutschland kam und sich in der Eibacher Einrichtung mittlerweile zur Leiterin des Sozialdiensts hochgearbeitet hat. Dass sie es mit dem Ankommen in Deutschland leichter hatte, sei ganz klar ihrer Heirat mit einem Deutschen geschuldet. "Ansonsten hätte ich dieselben Widerstände erlebt", meint die Mutter zweier Kinder.

Kaum sprachliche Barrieren

Sprachliche Barrieren seien es zumindest nicht, die bei der Arbeit in einem Altenheim im Wege stehen – im Gegenteil: "Senioren sprechen meist nicht mehr so viel, auch nicht mehr so lange Sätze", erklärt Anatolij Korshov. Viel Kommunikation funktioniere auch über Mimik und Gestik, manchmal mit Händen und Füßen.

"Die Heimbewohner sind zudem gewohnt, dass viele Mitarbeiter schlechtes oder nur wenig Deutsch sprechen. Ohne diese Leute würde der Laden nicht funktionieren", sagt Anca Büttner. Fuchs beobachtet dabei, dass mancher auch nach 20 Jahren seinen deutschen Wortschatz noch nicht bedeutend erweitert hat. Viele würden eben nur auf der Arbeit Deutsch reden; wenn sie nach Hause kommen, fallen sie wieder in ihre Muttersprache zurück. Verständlich einerseits, aber freilich wenig hilfreich.

Für Anatolij gilt das nicht. Er hat sein Deutsch in den acht Jahren, seit er in Nürnberg lebt, stetig verbessert und arbeitet weiter daran. Die Arbeit im Altenheim ist für ihn auch immer eine christliche. Bis Oktober 2021 läuft nun seine – wieder einmal – verlängerte Aufenthaltserlaubnis. Auch mit Anfang 50 möchte er im Herbst dann eine Weiterbildung zur Pflegefachkraft starten – ein gänzlich neuer Ausbildungsberuf. Die Hoffnung gibt Anatolij nicht auf und wird dabei sogar philosophisch: "Ich denke manchmal an Moses. Der hat auch auf Gott vertraut, dass er ihm einen behüteten Weg durch die Wüste zeigt."

Sabine Arnold von der SinN-Stiftung des evangelischen Dekanats in Nürnberg begleitet die Familie schon seit vielen Jahren und kennt die Regeln des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, die für Fälle wie die Korshovs gelten. "Wenn Sie seit mindestens fünf Jahren ohne Unterbrechung einen Aufenthaltstitel in Deutschland besitzen, kann Ihnen unter bestimmten Voraussetzungen ein unbefristeter Aufenthaltstitel erteilt werden", erklärt Arnold. Anatolijs Frau sage, sie habe hier in Deutschland Geduld gelernt.

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Gholamreza Sadeghinejad
Autor
Seit September 2018 hat Gholamreza Sadeghinejad bereits die landeskirchliche Projektstelle "Beheimatung Geflüchteter in der ELKB". Seine Berufung durch den Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitsche fand am 16. Februar in St. Markus in Nürnberg statt. Der Iraner hat in den langen Jahren der Flucht vor seinen muslimischen Landsleuten, die konvertierte Christen verfolgen, Geduld gelernt. Und Demut vor dem Glauben, den er auch den Iranern in Bayern nahebringt, die Christen werden wollen.

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