20.09.2017
Protestantischer Friedhof

Dem 63-Jährigen lag der Erhalt der historischen Grabdenkmäler auf Augsburgs ältestem Friedhof immer besonders am Herzen.
Erwin Stier bei seinem Lieblingsgrab auf dem Augsburger Friedhof.
Erwin Stier bei seinem Lieblingsgrab: Die Galvanoplastik des »Engels mit der Rose« hat der Friedhofsleiter aufwendig restaurieren lassen.

 

Auch nach 26 Jahren gibt es noch Dinge, die Erwin Stier auf dem Protestantischen Friedhof neu entdeckt. Etwa eine jener kuriosen Berufsbezeichnungen, die sich auf den historischen Gräbern finden. »Neulich habe ich eine ›Fabrikdirektorsgattin‹ gesehen«, erzählt Stier schmunzelnd: »Die ist mir vorher noch nie aufgefallen.« Solche altertümlichen Bezeichnungen gibt es auf dem fast 500 Jahre alten Friedhof öfter. Am beeindruckendsten, meint Stier, seien die »Branntweinbrennereibesitzerseheleute«, die auf dem Grab der Familie Osswald verewigt sind: »Alle Buchstaben sind in Gold gefasst«, sagt der Friedhofsleiter: »Das war teuer.«

Erwin Stier kennt so ziemlich jeden Grabstein auf Augsburgs ältestem Friedhof. Seit 1991 arbeitet der gebürtige Augsburger auf dem 62 000 Quadratmeter großen, park­ähnlichen Gelände. Seit 1996 leitet Stier den Friedhof. Zum 30. November dieses Jahres geht der 63-Jährige nun in den Ruhestand.

Grabstätte für prominente Augsburger

Den Protestantischen Friedhof gibt es seit 1534. Er gehört den fünf evangelischen Innenstadtgemeinden. Zahlreiche prominente Augsburger sind hier begraben – etwa die Eltern des Dichters Bert Brecht und die Familie der Welser, der Renaissance-Baumeister Elias Holl hat hier ein Grab, ebenso wie der Bildhauer Fritz Koelle oder der MAN-Mitbegründer Heinrich von Buz.

Entsprechend groß ist die Anzahl prunkvoller historischer Grabdenkmäler. »Ich habe es immer als wichtigste Aufgabe angesehen, die historischen Denkmäler zu erhalten«, erläutert Stier. Das ist nicht immer einfach. Denn die Renovierung einer historischen Grabstätte kann mehrere Zehntausend Euro kosten. Und die Zuschüsse von öffentlicher Seite seien zuletzt geringer geworden, sagt Stier: »Das Bewusstsein, dass ein Friedhof auch ein Kulturgut ist, schwindet immer mehr.«

Zahl der Grabmalpaten nimmt zu

Auch deshalb hat der Friedhofsleiter in seiner Amtszeit stets versucht, sogenannte Grabmalpaten zu gewinnen. Sie übernehmen die Kosten für die Renovierung und die Pflege der Gräber. 98 solcher Förderer gibt es derzeit. Die Zahl sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, berichtet Stier: »Einige sind schon seit mehr als 20 Jahren dabei.«

»Das Alte bewahren und sich dem Neuen nicht verschließen« – das sei stets die Leitlinie für ihn und sein siebenköpfiges Team gewesen, sagt Stier. Zu den neuen Entwicklungen gehört dabei vor allem der Boom der Urnengräber. Rund zwei Drittel der fast 300 Beerdigungen im Jahr sind auf dem Friedhof mittlerweile Urnenbestattungen. Nur noch ein Drittel der Angehörigen trägt seine Verstorbenen in einem Sarg zu Grabe. »Vor zwanzig Jahren war das Verhältnis umgekehrt«, so Stier.

Naturpark und Treffpunkt

An der Vielseitigkeit seiner Aufgabe jedoch habe das nichts geändert. Die Bewahrung historischer Grabdenkmäler, die Gestaltung und Entwicklung der gesamten Parkanlage, der tägliche Umgang mit den Menschen, die hier ihre Angehörigen begraben und am Grab besuchen – das sei das Faszinierende. Ein Friedhof sei eben mehr als nur ein »Bestattungsraum«, meint der Friedhofsleiter: »Er ist Naturpark und Kommunikationsort.« Viele Besucher kämen auf den Friedhof, um Bekannte zu treffen. Oft entstünden Freundschaften, manchmal mehr: Zweimal hätten Besucher, die sich regelmäßig beim Grabbesuch trafen, am Ende sogar geheiratet, berichtet Stier lachend: »Wir haben hier also sogar schon Ehen gestiftet.«

 

Junger Nachfolger

Daniel Kette­mer

Daniel Kettemer ist der Nachfolger von Erwin Stier. Er wird seit August in seine neue Aufgabe eingearbeitet. Offiziell leitet er den Protestantischen Friedhof ab 1. Dezember 2017. Der 29-Jährige ist gelernter Garten- und Landschaftsbaumeister- und -techniker. Der gebürtige Münchner hat zuvor in einem Augsburger Garten- und Landschaftsbaubetrieb gearbeitet. Er freue sich nun »auf die Möglichkeit, selbst Dinge zu planen und zu verwirklichen«, sagt Kettemer.

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