14.05.2019
Diakonie an der Schule

Projekt "School-In": Wie sich Jugendliche für jüngere Schüler engagieren

Diakonie ist Krankenhaus, Pflege, Jugendhilfe, aber auch eine Haltung. An der Ganztagesschule in Gräfenberg hat ein Angebot der Diakonie bereits eine jahrelange Tradition unter Lehrern und Schülern. Denn dort leitet die Sozialfachwirtin mit dem Diakonieverein Hilpoltstein ein Projekt, mit dem der diakonische Gedanke um eine wichtige Facette erweitert wird.
Vivian Seitz (rechts) und Lara Büttner mit den Mädchen und Jungen der diakonischen Kindertagesstätte in Gräfenberg.

Im Fall von Vivian Seitz, 15, und Lara Büttner, 13, hat das Lernen bei School-In nicht nur etwas Lehrreiches, sondern auch etwas Lehrendes: Die beiden Schülerinnen sind "Fun-Reader", also "Spaß-Leser", die genau diese Freude am Lesen regelmäßig den Mädchen und Jungen der etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt liegenden diakonischen Kindertagesstätte in Gräfenberg beibringen.

An einem Montagnachmittag machen sich die jungen Frauen mit einem guten Buch und verschiedenen Mal- und Bastelutensilien auf. Dann heißt es: Eine Stunde lang vorlesen, verstehen, austauschen und das Gehörte kreativ umsetzen - mal mit einem Bild, mal mit einem spontan ausgedachten Spiel. "Lieselotte versteckt sich" ist heute dran.

Die Geschichte der Kuh Lieselotte, die mit ihren Freunden verstecken spielen will und auf einen Baum klettert, sich dann aber nicht mehr runtertraut, kennen die Kleinen schon gut. Trotzdem hören sie gespannt zu und stellen dann eifrig mit den Schülerinnen die Szenen der Erzählung noch einmal nach, bevor es ans Ausmalen der mitgebrachten Vorlagen geht.

"Wir orientieren uns bei der Bücherauswahl in der Regel am Jahreskreis, abgestimmt auf die christlichen Feste. Außerdem greifen wir pädagogische Themen oder Fragen des Umweltschutzes auf. Die Kinder freuen sich immer, wenn wir kommen", erklärt Vivian. Und Lara ergänzt: "Man kriegt wahnsinnig viel zurück von den Kindern."

Diakonisches Lernen: Schüler sozial engagiert

Einzelne Schüler und kleine Schülergruppen aus der Mittelschule und der Realschule Gräfenberg können bei einem sozialen Schul(halb)jahr, einem Praktikum oder einer diakonischen Aktionswoche bei School-In aktiv werden. Das diakonische Lernen hat also System, wie auch die Nachmittage, die Vivian und Lara bei den Kita-Kindern verbringen, gut organisiert sind. In einem eigens für das Projekt eingerichteten Raum besprechen die Lehrer mit den "Fun-Readern" das Programm und Konzept der kommenden Besuche. "Lesesozialisation" nennt sich das, was die Mädchen machen, im Fachjargon. Die christliche Komponente kommt in diesem Falle mit dazu.

"Die Schüler der achten bis zehnten Klasse gehen raus und zu anderen Menschen und fangen etwas Sinnvolles mit ihnen an, wobei sie nicht alleine in ihren Inhalten, sondern schon mit ihrem Engagement an sich Werte vermitteln", meint Mathilde Niehaus, die als Pädagogin an der Ganztagesschule in Gräfenberg arbeitet und ehrenamtlich mit dem Diakonieverein Hilpoltstein unter anderem einen Mittagstisch betreibt. Im Anschluss an die Besuche, wie sie beispielsweise auch in der Kita in Hilpoltstein von einem anderen Team stattfinden, wird noch einmal gemeinsam reflektiert, was gut war und was man besser machen kann. "Diakonisches Lernen hat immer einen schulischen und einen außerschulischen Lernort", sagt Niehaus.

Mit School-In lernen, Verantwortung zu übernehmen

"School-In" wird in Gräfenberg von Anfang an gelebt. Die Schüler der fünften bis sechsten Klassen bekommen beispielsweise Lesepaten oder ältere Schüler an die Hand, die mit ihnen eigene Projekte wie Musicals angehen. Ab der siebten Klasse kann man dann selbst Verantwortung übernehmen: beispielsweise als Tutor, Hausaufgabenbetreuer oder in der Lernwerkstatt Religion. Oder eben "Fun-Reader" werden. Alles freiwillig. "Rund 20 der etwa 280 Schüler machen derzeit mit", meint Heike Schütz.

Allein 18 Pädagoginnen und Pädagogen sind bei der Organisation an der Ganztagesschule in Gräfenberg mit eingebunden. Bessere Schulnoten gibt es für die Teilnahme nicht. Dafür regelmäßig mal Ausflüge für die Schüler, auch mal zur Leipziger Buchmesse. Nicht zuletzt haben die Jugendlichen so Gelegenheit, schon früh in soziale Berufe reinzuschnuppern. Oder wie es Heike Schütz sagt, "den sozialen Nahraum erkunden".

Rund 150 solcher diakonischen Lernorte wie die Gräfenberger Schule, die eine didaktisch angeleitete Begegnung von Schülern in Einrichtungen der Diakonie und bei diakonisch aktiven Kirchengemeinden ermöglichen, gibt es in Bayern. Die 2011 gestartete Initiative des Diakonischen Werks Bayern hat 2016 den mit 10.000 Euro dotierten Sozialpreis der Bayerischen Landesstiftung verliehen bekommen. Diakonisches Lernen ist mittlerweile in allen Lehrplänen für den Evangelischen Religionsunterricht in Bayern verankert.

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