19.01.2018
Holocaust-Gedenktag

Die israelische Komponistin Ella Milch-Sheriff hat eine neue Oper geschrieben. Am Holocaust-Gedenktag (27. Januar) wird »Die Banalität der Liebe« im Theater Regensburg uraufgeführt. Im Fokus der Inszenierung (Itay Tiran) steht eine der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, die bis heute in Israel umstritten ist: Hannah Arendt. Zur Premiere wird eine Delegation von 50 Teilnehmern aus Israel erwartet.
Die Komponistin Ella Milch-Sheriff und der Regisseur Itay Tiran beim Besuch der Wallhalla
Die Komponistin Ella Milch-Sheriff und der Regisseur Itay Tiran beim Besuch der Wallhalla: Seit Anfang Dezember arbeiten sie an ihrer Oper, die am 27. Januar in Regensburg uraufgeführt wird.

Ella Milch-Sheriff liebt Rätsel. Auch ihrer neuen Oper »Die Banalität der Liebe« liegt eine Geschichte mit vielen Fragezeichen zugrunde: Es geht um die komplizierte Liebesgeschichte zwischen der deutschen Jüdin Hannah Arendt und dem renommierten Philosophie-Professor Martin Heidegger. Sie beginnt 1924, als sie als junges Mädchen zum ersten Mal seine Vorlesung an der Universität in Marburg besucht. Es entwickelt sich eine geheime, aber intensive Beziehung – bis der Aufstieg der Nationalsozialisten alles verändert.

Arendt emigriert Anfang der 1930er-Jahre in die USA, während Heidegger 1933 als Unterstützer Hitlers auftritt. Er ist Parteimitglied. Obwohl Arendt dies nach dem Krieg erfährt und er sich nie für seine katastrophale Fehleinschätzung entschuldigt, trifft sie sich nach dem Krieg wieder mit ihm und hilft ihm sogar, seine Schriften in den USA bekannt zu machen. 25 Jahre währt diese Freundschaft.

Verrat am Judentum

Als diese Liebesgeschichte 1982 in der israelischen Öffentlichkeit bekannt wurde, galt dies manchen auch als ein Verrat am Judentum. »Die beiden verband eine sexuelle und auch intellektuelle Attraktion. Das können wir verstehen. Was wir aber nicht verstehen können, ist das, was nachher passierte«, sagt Milch-Sheriff im Interview.

Ob Arendt Schuldgefühle wegen ihrer Beziehung zu Heidegger hatte, ob sie Reue empfand, darauf gebe die Oper keine Antwort. Milch-Sheriff, 1954 in Haifa geboren, befreit sich von dem künstlerischen Ziel der Verarbeitung einer Liebesgeschichte, die schon immer unter Klischeeverdacht stand. Über diese Liebe wird zwar gesprochen. »Das Herz hat sein eigenes Leben.« Mit diesem Satz fängt die Oper an und hört sie auf. Aber es greift zu kurz, wenn man die Geschichte darauf reduziert. »Sie war eine erwachsene, intellektuelle Frau«, hält die Komponistin dagegen.

Oper mit politischer Sprengkraft

Milch-Sheriff verhandelt grundsätzlichere Dinge, weshalb man ihre Oper als eine mit politischer Sprengkraft bezeichnen kann. Es geht um die Tragik, die nicht nur Hannah Arendt begleitete, sondern alle Juden und Deutschen, für die die deutsche Sprache und Kultur so wichtig gewesen seien wie für den Philosophen Heidegger. »Ich kann sagen, dass die Geschichte eine Symbiose zwischen Juden und Deutschen, zwischen Arendt und Heidegger behandelt. Wir können nicht miteinander leben, aber wir können auch nicht ohne einander leben.«

 

Hannah Arendt

Hannah Arendt brachte die jüdische Gemeinschaft mehrmals gegen sich auf: Sie zog gegen die Staatengründung Israels zu Felde, weil sie einen Konflikt mit den Palästinensern befürchtete. Und sie schmälerte in den Augen vieler das Leid des Holocausts, weil sie ihre Protokolle über den Eichmann Prozess in den 1960er-Jahren mit »Die Banalität des Bösen« übertitelte. Darin schilderte sie Adolf Eichmann, der die Deportation Hunderttausender Juden in die Vernichtungslager zu verantworten hatte, nicht als bösartiges Monster, sondern als fantasielosen, banalen Befehlsempfänger. Arendts Rede von der Banalität des Bösen war eine Provokation, die von den Überlebenden falsch verstanden werden musste. Studien zeigten später, dass der Verwaltungsmassenmörder eine perfide Show abzog. Um dem Strick zu entgehen, inszenierte er sich als subalternen Befehlsempfänger.

 

Diese Liebesgeschichte, die Unmöglichkeit deutsch-israelischer Beziehung verhandelt die Komposition in ihrem Stück. »Während des Komponierens ist mir klar geworden, dass ich Klage führen will gegen mehrere Protagonisten in der Oper.« Sie alle trügen Verantwortung an der zerstörerischen Kraft dieser Beziehung: Heidegger, weil er ein Nazi war. Adolf Eichmann, weil er ein Massenmörder war, und mit ihm die Deutschen. Aber auch gegen die Kirche, die moralische Instanz der Gesellschaft, die nichts gegen die Nazi-Verbrechen getan habe, trifft Schuld, sagt Milch-Sheriff. Der israelische Chefankläger im Eichmann-Prozess, Gideon Hausner, trägt auf der Bühne eine Papstrobe. Er schlüpft in die Rolle, die der Kirche zukomme.

Arie mit Wagner-Anklängen

Ferner führe sie Anklage gegen die Juden selbst, weil sie der Faszination erliegen, »die die deutsche Kultur, Musik, Lyrik auf uns ausüben«. Davon habe sie eine Arie komponiert, mit zahlreichen Wagner-Anklängen. »Darin führe ich Klage gegen mich, gegen alle Juden, die ihre Mörder lieben und die deutsche Kultur weiterlieben werden«, sagt Milch-Sheriff.

Bliebe nur noch das Publikum, das über die Geschichte richten könnte. Doch auch gegen die Zuschauer werde Klage geführt, weil sie eine Veränderung weder fordern noch befördern. »Wir brauchen einander, um produktiv und kreativ zu sein«, sagt Milch-Sheriff. Ohne diese Einsicht gebe es keine Zukunft. Das sei die Tragik dieser Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen und Juden.

Zeichen des Muts

Bis vor Kurzem konnte man Arendts Bücher in Israel nicht lesen, sie wurden nicht übersetzt. »Die Banalität des Bösen«, ihre Protokolle des Eichmann-Prozesses aus den 1960er-Jahren, wurden vom Judentum boykottiert. Seit etwa fünf Jahren wandle sich das Bild von ihr. Arendt werde in Israel beachtet. Ihre Schriften über den Totalitarismus würden seit Trumps Regierungsantritt rezipiert.

Das Auftragswerk für Regensburg sei »ein Zeichen des Muts«, sagt Sheriff. Eine Delegation von 50 Israelis komme nach Regensburg – in die Stadt, in deren Geschichte zwei Judenpogrome stattfanden und wo jetzt in Zeiten des zunehmenden Antisemintismus eine Synagoge errichtet wird. Am Holocaust-Gedenktag feiert das Stück Premiere. Ella Sheriff: »Es gibt keinen besseren Tag dafür.«

 

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