2.08.2018
Digitalisierung

Google muss die Kirche besser finden

Wer im Internet nach Rat und seelischem Beistand sucht, landet derzeit eher nicht auf kirchlichen Portalen.
Seelsorge und die Suche im Netz.
Seelsorge und die Suche im Netz - wie kommen sie besser zusammen als derzeit?

 

Der Sozialwissenschaftler Robert Lehmann von der Technischen Hochschule Nürnberg empfiehlt den Kirchen, ihre Beratungsdienste stärker online anzubieten. Derzeit würden beispielsweise Fragen zu Beziehungskrisen eher von Portalen beantwortet, die mit Scheidung Geld verdienen, sagte Lehmann beim zweiten Forum Digitalisierung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Als Antwort auf die Internetanfragen Ratsuchender müssten seriöse kirchliche Beratungsstellen auf den ersten Plätzen der Suchergebnisse stehen, forderte der Wissenschaftler vor den 250 Teilnehmern. Florian Härer, Trainer und Coach bei einem Stuttgarter Automobilkonzern, empfahl kirchlichen Mitarbeitern, bei der Lösung von Problemen mehr auszuprobieren. "Wir haben Angst, etwas zu zeigen, bevor es komplett fertig ist", sagte er. Heute brauche es aber agile Methoden, um in einer sich permanent wandelnden Welt schneller zu Ergebnissen zu kommen. Das gelte für die Automobilkonzerne ebenso wie für die Seelsorge.

Die Kritik nicht ganz teilen kann der Social-Media-Beauftragte der bayerischen Landeskirche, Christoph Breit. "Wenn jemand sich bei Google zum Beispiel über Suizid informieren möchte, bekommt er an erster Stelle die Nummer der Telefonseelsorge." Dennoch hält auch der bayerische kirchliche Internetexperte den Ausbau der digitalen Angebote für notwendig. "Unser Ziel ist es, insgesamt im Internet serviceorientierter für unsere Mitglieder zu werden." Die bayerische Landeskirche plane beispielsweise eine Plattform, die alle kirchlichen Angebote bündele.

"Seelsorge und Verkündigung sollen dort vertreten sein, wo die Menschen sie auch suchen", bekräftigt Breit. Allerdings gehe die Digitalisierung nun mal nicht so schnell wie in der freien Wirtschaft, da die evangelische Kirche ein hohes Maß an Mitbestimmung ihrer Mitglieder, etwa durch die Landessynode, habe. Im Zuge des PuK-Prozesses – der innerkirchliche Strukturprozess "Profil und Konzentration" – solle jedoch auch das digitale Angebot ausgebaut werden. Ein konkretes Budget zum Ausbau der Online-Aktivitäten gebe es allerdings nicht.

Die Württemberger Landeskirche hat unlängst für ein Informationssicherheits- und Datenschutzprojekt in den nächsten Jahren ein Budget in Höhe von 4,1 Millionen Euro beschlossen.

Mehrere Projekte will die Württemberger Landeskirche nun in Angriff nehmen. So wurde beim Forum Digitalisierung eine Lieder-App vorgestellt, die bis Ende des Jahres fertig sein soll. In der App können Gottesdienstbesucher alle Inhalte des Evangelischen Gesangbuchs auf ihr Smartphone herunterladen. Außerdem plant die Württemberger Landeskirche die Entwicklung eines Computerspiels, das mit realistischen Animationen in die Welt des Neuen Testaments einführt. Auch eine kirchliche Personalgespräche-App sowie YouTube-Filme, die kreative Inhalte biblischer Bücher und Briefe vorstellen, sollen in den nächsten Monaten umgesetzt werden.

 

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