21.09.2014
Graffiti in der Kirche

Schmiererei. Kriminell. Bestenfalls ein Ausdruck des Protests. Um mit Vorurteilen gegen Graffiti aufzuräumen, lassen die Murnauer ihre evangelische Christuskirche von zwei Jugendlichen mit Spraydosen verschönern. Die Ausstellung beginnt am 25. September und ist unter dem Namen »sing and (s)pray« ein Beitrag der Kirche zur örtlichen Kunstnacht.
Graffiti im Jugendraum der Murnauer Christuskirche
Die Graffitiwand im Jugendraum der Murnauer Kirchengemeinde.

Es zischt und dampft und stinkt: Wenn Michi Specht und Hugo Thorday lossprayen, bleiben die Leinwände nicht lange trocken. »Je nachdem wie komplex ein Bild ist, brauchen wir im Durchschnitt ein bis zwei Tage pro Leinwand«, sagt Michi. Der 18-Jährige ist seit sechs Jahren in der Murnauer Kirchengemeinde aktiv, im Jugendraum hat er gemeinsam mit Hugo eine Graffitiwand gestaltet. Das hat Pfarrer Andreas Fach so gut gefallen, dass er daraus das Thema für den Beitrag der Kirchengemeinde zur diesjährigen Kunstnacht machte: Insgesamt 15 Leinwände besprühen die Jugendlichen mit ihrer Kunst und hängen sie anschließend in der Kirche auf.

Seit 2008 beteiligt sich die Christuskirche an dem Murnauer Fest. »Immer mit einer Kombination aus Ausstellung und Konzert, zugeschnitten auf das Laufpublikum, das an diesem Abend die Kirche aufsucht«, erklärt Kirchenvorstand Dieter Kirsch. Im letzten Jahr gab es Plakate zum Thema Religion in der Werbung, die Kirche war innen und außen in Licht getaucht. »In der Verfremdung einer Lichtinstallation sollte das Gewohnte zum Besonderen werden und der Automatismus unserer Wahrnehmung gebrochen - also Kunst entstehen«, sagt Kirsch.

Dieses Jahr dürfen Michi und Hugo ran.

Seit mehr als drei Wochen besprühen sie die Leinwände unterschiedlicher Formate. Manche sind nur 15 x 30 cm groß, andere sind dreiteilige Bilder mit je 90 x 100 cm großen Tafeln. »Hugo ist sozusagen mein Mentor«, sagt Michi. Die beiden Jungs kennen sich schon seit der Grundschule und wohnen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt.

Ein vorgegebenes Thema haben sie für ihre Arbeit nicht. »In Gesprächen mit den zweien habe ich zwar versucht, sie auf theologische Spuren zu setzen, aber da haben sie eher zurückhaltend reagiert«, erzählt Kirsch. Doch das findet der Kirchenvorsteher nicht schlimm: »Ich verweigere weitere Einflussnahme. Die beiden sollen ihre Chance nutzen.« Immerhin beschäftige sich Michi beziehungsweise »4-BAG«, wie sein Künstlername lautet, zur Zeit intensiv mit dem Fisch-Motiv.

Richtige Spezialgebiete haben Michi und Hugo nicht. »Ich versuche mich in allem ein bisschen«, sagt Hugo: Von klassischen Graffiti über Muster und Strukturen zu Figuren und Comics probiere er alles aus. »Außerdem experimentiere ich gerne mit neuen Techniken und Ideen«, erklärt der 17-Jährige. Sein Künstlername lautet »RAME«. Michi sprüht derzeit am liebsten Comics. »Ein Comic ist alles, was kein Schriftzug ist«, beschreibt er: »Also Menschen, Gesichter, Gegenstände und Zeichen.« Mehr wollen die beiden noch nicht verraten - schließlich sollen die Leute in die Ausstellung kommen und sich selbst ein Bild machen.

Graffiti und Murnauer Christuskirche
Innen bunt und außen bunt: Wenn die Graffiti von Michi und Hugo erst einmal in der Christuskirche hängen, wird sie von innen genauso farbenfroh sein wie die Blumenwiese draußen.

Nicht ohne Widerspruch

Auf die Reaktionen ist auch Dieter Kirsch gespannt. Denn gerade beim Thema Graffiti blase einem viel Wind entgegen. »Da die Kirchengemeinde aus allen Kreisen der Marktgemeinde kommt, sind auch die gängigen Vorurteile über Graffiti zu finden«, sagt er. Dass die Kirche ihre Räume für »Schmierereien« hergibt, sei für viele nicht verstehbar.

Kirsch weiß, wovon er spricht. Er hat bereits in der Marktgemeinde gemeinsam mit Jugendlichen das Projekt »Graffiti als Kunst« verwirklicht, aus dem eine StreetArt-Galerie entstanden ist. »Solche Angebote sind wichtig, um den Ruf von Graffiti als Kunst zu pflegen, und auch als Möglichkeit, die Sprayerszene zu entkriminalisieren«, sagt der Kirchenvorsteher. Außerdem sei die Ausstellung der Versuch, die Tradition Murnaus als Markt der Kunst und Kultur fortzusetzen. »Immerhin entstand hier die Vereinigung Blauer Reiter und lebte hier Horváth gute acht Jahre«, sagt Kirsch.

Im diesjährigen »sing and (s)pray«-Projekt sieht er zudem eine Chance, dass Jugendliche und Erwachsene sich und die Welt der anderen besser kennenlernen und verstehen. Auch sei es eine wichtige Chance für die Kirchengemeinde, sich im Ort zu präsentieren. Zur Vernissage am Donnerstag, den 25. September, hat der Bürgermeister sein Kommen zugesagt und der Vorsitzende des Kunstvereins wird die Laudatio halten. Während der Kunstnacht wird in der Kirche auch eine Projektband der Gemeinde auftreten. »Vom Konfirmanden, Mentor, Lehrer bis zum Pfarrer mit einem Stilmix von Pop, Gospel bis zu Klassik - eben echtes musikalischer Cross-Over«, verrät Pfarrer Andreas Fach.

»Natürlich ist es Kunst!«

Wer Michi und Hugo die »K-Frage« stellt, bekommt eine überzeugte Antwort: »Natürlich ist Graffiti Kunst«, sagt »4-BAG«. Schließlich könne man sich von ihnen genauso inspirieren lassen wie von jedem anderem Bild. »Klar erkennt man manchmal auf den ersten Blick nicht, was das sein soll«, sagt er: »Doch das ist ja bei anderen Kunstrichtungen auch so.« Und wer sage, Graffiti sei nur eine Schmiererei, der solle sich mal richtig gute Graffiti
anschauen.

Die Sprayer machen sich wieder an die Dosen, bald muss ihre Kunst fertig sein. Schließlich wollen es Michi und Hugo mit ihrer Ausstellung allen zeigen. »RAME« erklärt: »Wir hoffen, dass die Menschen nach dem Besuch in der Kirche Graffiti genauso als Kunst ansehen wie andere Bilder auch - und nicht mehr als blöde Schmiererei.«

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Sonntagsblatt