22.12.2013
Geschichte

Was war das für eine Welt, in die Jesus geboren wurde?

Herodes hat unter den Figuren der Weihnachtsgeschichte das denkbar schlechteste Image. Er soll den Kindermord in Bethlehem begangen haben, am Hof in Jerusalem und Jericho ließ er unter Verfolgungswahn morden und hinrichten. Die andere Seite: Herodes der Große war der einzige erfolgreiche jüdische Politiker seiner Zeit, gegenüber seinem Volk ein Menschenfreund und Wohltäter.
Vittore Carpaccio: Flucht nach Ägypten, zeno.org
Auch Maria, Josef und Baby Jesus waren Flüchtlinge. Hier zeigt der italienische Renaissance-Maler Vittore Carpaccio sie auf ihrer Flucht nach Ägypten.

»Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.« Mit diesen Worten beginnt Lukas im zweiten Kapitel die Geburtsgeschichte Jesu. Augustus wurde zur Zeit des Evangelisten als Lichtgestalt gesehen, als segensreicher Herrscher, der das Römische Reich befriedet und zu Wohlstand gebracht hatte. Lukas, im Hellenismus zu Hause, schildert die Umstände der Geburt Jesu dann auch als friedvolles Ereignis im ländlich-idyllischen Bethlehem mitsamt Engeln, Hirten und der Krippe.

Der Evangelist Matthäus dagegen beginnt seine Weihnachtsgeschichte mit dem judäischen König Herodes. Er zeichnet Herodes als negativen Pol der Heilsgeschichte, als pathologischen Tyrannen, der alle Neugeborenen Bethlehems töten will, um Jesus aus dem Weg zu räumen. Herodes ging deshalb als monströser Verbrecher in das kollektive Gedächtnis der Menschheit ein.

Matthäus erzählt in seinem zweiten Kapitel, wie Weise aus dem Morgenland von einem Stern geleitet nach Jerusalem kamen und nach einem »neugeborenen König der Juden« fragten. Als Herodes davon Wind bekam, rief er die Schriftgelehrten zusammen und wollte von ihnen wissen, wo nach dem Zeugnis der Schrift der verheißene Messias geboren werden sollte. Aufgrund einer alten Prophetie nannten sie ihm Bethlehem als Geburtsort. Herodes bestellte daraufhin die Weisen ein und schickte sie nach Bethlehem, fragte sie aber vorher nach dem Zeitpunkt des ersten Erscheinens des Sterns. Damit wollte er neben dem Geburtsort das ungefähre Alter des Kindes herausbekommen. Dann sollten die Weisen das Kind für ihn ausfindig machen.

Der Stern führte die Weisen zur Krippe.

So erzählt es Matthäus. Doch Gott befahl ihnen im Traum, nicht zu Herodes zurückzukehren, sie zogen auf anderen Wegen zurück in ihre Heimat. Als Herodes bemerkte, dass er hintergangen worden war, befahl er, alle unter zweijährigen Kinder in und um Bethlehem zu töten. Da war die heilige Familie aber bereits auf Geheiß eines Engels nach Ägypten geflohen. Sie blieben dort bis zum Tod des Herodes.

Der von Matthäus in Kapitel 2,16-18 überlieferte Kindermord von Bethlehem hat das Bild des Herodes nachhaltig geprägt. Maler und Bildhauer stellten den biblischen Bericht detailreich dar. »Das Massaker der Unschuldigen« von Peter Paul Rubens aus dem Jahr 1610 brachte im Londoner Auktionshaus Sotheby's 2002 die Rekordsumme von 76 Millionen Dollar ein. Das Bild zeigt, wie die Kinder von Bethlehem ihren Müttern aus den Händen gerissen und auf alle erdenkliche Art umgebracht werden.

Herodes hat den Kindermord wohl nie begangen

Geschichtsschreiber versuchten, die Grausamkeit des Herodes in Daten zu fassen, mit jeden Rahmen sprengenden Opferzahlen. Im Mittelalter ging man von einer sechsstelligen Zahl von ermordeten Kindern aus, was wiederum die christlichen Künstler zu noch grausameren Fresken, Gemälden und Reliefs inspirierte.

Doch Herodes hat diesen Kindermord wohl nie begangen. Der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der in seinen Werken »Jüdische Altertümer« und »Der jüdische Krieg« die Zeit des Herodes ausführlich beschreibt, erwähnt den Kindermord nicht.

Giuseppe Arcimboldo: Kopf des Herodes
Der Kopf des Herodes in einer Darstellung des italienischen Malers Giuseppe Arcimboldo (†1593).

Matthäus, der für die judenchristliche Gemeinde schrieb, hatte jedoch einen Grund für seine besondere Ausgestaltung der Geburtsgeschichte: die Erfüllung der Prophetie der hebräischen Bibel. Die Heilige Familie flüchtet nach Ägypten, damit erfüllt sich ein Wort des Propheten Hosea: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.« (Hosea 11, 1) Außerdem verweist Matthäus damit auf die Heilsgeschichte Israels: Auch Mose kam aus Ägypten, auch Mose musste als Kind um sein Leben fürchten, nachdem der ägyptische Pharao befohlen hatte, alle männlichen Neugeborenen des Volks Israel zu töten (2. Mose 1, 22). Die Erzählung vom Kindermord sollte die Geburt Jesu weiter aufwerten. Historischer Hintergrund ist wohl auch, dass Herodes im Jahr 6 v. Chr. mit großer Härte gegen Pharisäer vorging, die verkündet hatten, dass mit der Geburt des Messias das Ende seiner Herrschaft bevorstünde.

Schwierige Beweislage

Es gibt jedoch auch Theologen, die davon ausgehen, dass der Kindermord tatsächlich stattgefunden hat. Einen Beweis sahen sie in einem archäologischen Fund in der südisraelischen Küstenstadt Aschkelon 1988. Bei Grabungen hinter den früheren Kaimauern stießen Wissenschaftler im Erdreich auf die Skelette von mehr als hundert Neugeborenen. Die Opfer des Herodes? Erste Analysen deuteten an, dass sie vor zwei Jahrtausenden gelebt haben. Inzwischen aber konnten Forscher der Harvard-Universität mit mikrobiologischen Methoden nachweisen, dass es sich um Säuglinge aus dem dritten Jahrhundert gehandelt hat. Außerdem waren auch Mädchen darunter.

Herodes war entlastet, doch den Makel bekam er nicht los. Zum Gedenken an den Kindermord begehen die christlichen Kirchen jedes Jahr am letzten Sonntag im Dezember den »Tag der unschuldigen Kinder«.

Auch wenn die grausame Geschichte vom Kindermord nicht stimmt - Herodes ließ mindestens drei seiner eigenen Söhne umbringen. Was wiederum erklären könnte, warum Matthäus die Geschichte in sein Evangelium aufgenommen hatte. Herodes war ein machtbewusster Herrscher, König über Judäa, Samarien und Galiläa, über ein Gebiet, das im Norden weit über das heutige Israel hinausgeht. Aber er war nur Herrscher von römischen Gnaden, Verwalter der ihm anvertrauten Gebiete Roms. Aber darin war er äußerst erfolgreich.

Historisch gesichert ist, dass Herodes um das Jahr 73 vor Christus geboren wurde und 4 Jahre vor Christi Geburt in Jericho starb. Er entstammte einer einflussreichen idumäischen Familie. Die arabischen Idumäer, im Alten Testament als Edomiter bezeichnet, siedelten im südlichen Judäa und wurden von den jüdischen Hasmonäern zwangsbekehrt. Herodes war also kein Jude aus den Zwölf Stämmen Israels. Er hielt sich an die jüdischen Regeln und Riten, wurde jedoch von den Schriftgelehrten nicht als Jude anerkannt und durfte eigentlich vom Gesetz her nicht König werden.

Intrigen, Machtkämpfe, Hinrichtungen

Er wurde es aber doch. Im Jahr 47 v. Chr. wurde Herodes als 15-Jähriger von seinem Vater als Statthalter von Galiläa eingesetzt. Damit begann eine Geschichte, die als Vorlage für mehrere Kriminalfilme dienen könnte. Es geht um wahnhaften Hass, verquere Liebes- und Bettgeschichten, Machtkämpfe, Intrigen und immer wieder um Hinrichtungen auf Befehl des Herodes. Die einzige Macht, die ihn bremsen konnte, war Rom.

Als sein Vater vergiftet worden war, ließ Herodes den Mörder seines Vaters umbringen. Er ehelichte die Hasmonäerin Mariamne und verstieß seine erste Frau Doris. Auf Bitten von Mariamne ernannte Herodes seinen Schwager Aristobulos zum Hohepriester. Gleich beim ersten Laubhüttenfest machte der 16-Jährige einen guten Eindruck, das Volk war begeistert. Doch sie hatten dem Falschen applaudiert. Nach Abschluss der Feiern ließ Herodes den Jungen im Schwimmbad von seinen Dienern in einer gespielten Kampfszene ertränken.

29 v. Chr. ließ er seine Frau Mariamne hinrichten, im Jahr darauf auch seinen Schwager Kostobaros wegen einer Verschwörung. Seine Söhne mit Mariamne ließ er nach belanglosen Anschuldigungen wegen Hochverrats erdrosseln, sein Sohn Antipatros wurde alleiniger Thronfolger. Doch nur ein Jahr später ließ er auch Antipatros hinrichten. Herodes bestimmte seinen Sohn Herodes Antipas zu seinem neuen Thronfolger - den Mann, der später Johannes den Täufer ermorden lassen sollte.

Bei lebendigem Leid verbrannt

Wer seine Macht bedrohte, mit dem machte er kurzen Prozess: In der Endphase seiner Herrschaft gab es Ärger um den Tempel, als von Gesetzeslehrern aufgehetzte Thoraschüler einen großen Adler vom Sockel rissen, den Herodes als Zeichen seiner Macht angebracht hatte. Die Tempelwache griff ein und brachte 40 Personen zu Herodes. Der ließ die Anstifter lebendig verbrennen, die Schüler wurden hingerichtet.

Kurz vor seinem Tod ließ Herodes die angesehensten jüdischen Männer im Hippodrom von Jericho einschließen. Sein Plan war, sie bei seinem Tod ermorden zu lassen, damit die Juden bei seinem Begräbnis weinen würden. Seine Schwester vereitelte jedoch den Plan und befreite die Männer.

Bei dieser blutdurchtränkten Biografie fällte es schwer, auf die Wohltaten des Herodes zu verweisen. Doch die gab es ebenso reichlich. In seinem Herrschaftsgebiet trieb er gigantische Projekte voran, die ihm schließlich den Namen »Der Große« einbrachten. Herodes war zweimal in Rom und ließ sich von den prunkvollen Bauten inspirieren. Sein Hauptwerk ist der prunkvolle Neubau des Tempels in Jerusalem. Im ganzen Imperium gab es wohl nichts Vergleichbares. Er ließ in Jerusalem die Wasserleitungen erneuern und gründete neue Städte, darunter die hellenistische Musterstadt Caesarea Maritima mit einer einzigartigen Hafenanlage. Später sollten Pontius Pilatus und seine Kollegen in der Musterstadt residieren. Zu Ehren von Augustus ließ Herodes die Stadt Samaria ausbauen und in »Sebaste« (griechisch für Augustus) umbenennen.

Paranoider Herodes

Sein Verfolgungswahn erklärt die gewaltigen Festungsanlagen, die unter seiner Herrschaft entstanden. Er baute die Felsenfestung Masada in der Nähe des Toten Meers und die Palastfestung Herodeion südlich von Jerusalem auf einem teilweise künstlich aufgeschütteten Hügel. Dort wurde vor wenigen Jahren auch sein Grab gefunden.

Um dies alles zu erreichen, presste er nicht sein Volk aus, sondern trieb die Wirtschaft voran. Er betrieb die Gewinnung von Erdpech am Toten Meer in Konkurrenz mit der Ägypterin Kleopatra. Die Substanz war sehr begehrt, weil sie für das Kalfatern von Holzschiffen unverzichtbar war. Er besaß außerdem eine Lizenz zur Ausbeutung der Kupferminen auf Zypern. In Kombination mit britischem Zinn erreichte er so eine dominante Stellung bei der Herstellung von Bronze.

Herodes galt vielen als guter Herrscher, weil er mit klugen Entscheidungen Hungersnöte bekämpfte. Wann immer es ging, senkte er die Steuerlast und brachte die Wirtschaft voran. Nach einer großen Dürre 25 v. Chr. gab es in Judäa eine Hungersnot und Seuchen. Herodes gab sein Gold und Silber für ägyptisches Getreide und startete damit eine vorbildliche Hilfsaktion. Die Bauern bekamen Saatgut für das nächste Jahr, außerdem erließ er den Bürgern ein Drittel aller Steuern.

Hate me - No! Love me

Herodes wollte nicht nur gefürchtet sein, er wollte auch geliebt werden. Dafür baute er im religiös versteiften Jerusalem ein Theater und ein Amphitheater für griechische und römische Spiele. Die Gelehrten waren entsetzt, dem Volk gefiel es.

Er versuchte auch international zu punkten: Als die Olympischen Spiele in finanzielle Schieflage gerieten, sprang er mit erheblichen Mitteln ein und sicherte damit ihre Zukunft.

Trotz der brutalen Gewalt gegenüber seinem innersten Zirkel gelang es ihm, sein Reich zu befrieden und zu einem Bollwerk der römischen Herrschaft im Orient zu formen. Er war Partner der Lichtgestalt Augustus, ein Augustus im Kleinen, weil in seinem Reich Menschen unterschiedlicher Herkunft glücklich zusammenlebten. Herodes vereinte so eine Region, die seit Jahrzehnten unheilbar zerrüttet schien, und betrieb eine erfolgreiche Integrationspolitik der verschiedenen Völker und Religionen. Wie viel wert das war, erkennt man mit einem Blick auf die heutige Lage im Nahen Osten.

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Autor
Als mittellose Ausländerin kam die Witwe Rut in Betlehem an. In festem Glauben an den Gott Israels ging sie ihren Weg und wurde schließlich zur Ahnmutter König Davids. Ihre Beharrlichkeit, die Treue zu ihrer Schwiegermutter und ihr Glaube beeindrucken noch heute.
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