1.02.2013
Glaube und Politik

Christian Schmidt: Ich segne den Krieg nicht

Christian Schmidt ist Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CSU in Bayern, außerdem ist er stellvertretender Bundesvorsitzender. Zugleich ist der Protestant aus Franken Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung. In einer Zwickmühle sieht er sich aber nicht.
Christian Schmidt

Was sind derzeit Themen beim EAK?

Schmidt: Wir befassen uns nicht nur mit kirchlichen Fragen, sondern auch mit ethischen und gesellschaftspolitischen. Derzeit beschäftigen wir uns sehr mit dem Thema Familie. Ganz wichtig ist hier die Reintegration von Elternteilen - insbesondere von Müttern -, die für ihre Kinder ihren Berufsweg unterbrochen haben. Die Frage für uns ist: Wer kümmert sich um die Kinder, wenn sie aus der 'heißen' Kleinkind-Phase raus sind? Wie können betreuende Elternteile in den Arbeitsmarkt reintegriert werden, was können der Staat, die Bundesagentur für Arbeit, die Gesellschaft oder die Kirchen tun?

Wie wird der EAK im politischen Betrieb aufgenommen? Zählt eine kirchliche Stimme?

Schmidt: Natürlich wird nicht bei jeder politischen Entscheidung gefragt: 'Was sagt eigentlich der EAK dazu?'. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die ja früher EAK-Bundesvorsitzende war, fragt nicht immer nach unserer Meinung. Wir haben also eine Bringschuld. Aber ich stelle mit einer gewissen Befriedigung fest, dass unsere Meinung immer mehr zählt. In der CSU ist das natürlich auch ein Verdienst von Günther Beckstein, der ja jetzt amtierender EKD-Präses ist und die evangelische Flagge hochhält.

Dossier

#Glaubensfrage

Woran glaube ich? An welchen Werten orientiere ich mich? Welche Rolle spielen Gott und Religion in meinem Leben? Das sind Fragen, mit denen sich Prominente aus Kirche und Politik, Gesellschaft und Kultur in unserer Reihe #Glaubensfrage beschäftigen. Mehr dazu in unserem Dossier: www.sonntagsblatt.de/glaubensfrage

Sind Sie - wie die bayerische Landeskirche - für die Wiedereinführung des Buß- und Bettages

Schmidt: Der Feiertag wurde ja zur Finanzierung der Pflegeversicherung 1995 in den meisten Bundesländern abgeschafft. Befürworte ich die Wiedereinführung, muss ich darüber nachdenken, was das für die Pflegeversicherung bedeutet. Die Kirche dringt da schon weit ins Politische vor.
Ehrlich gesagt: Ich finde, die Kirche muss sich die Frage stellen, mit welchen Inhalten sie ihre Gläubigen erreicht. Wenn mir ein 20-Jähriger schreibt, dass er mit weitem Abstand der Jüngste im Gottesdienst ist, dann wundere ich mich schon. Ein Buß- und Bettag macht dann Sinn, wenn er auch als Buß- und Bettag verstanden wird. Und da ist die Kirche in einer Bringschuld.

So begeistert sind Sie also nicht?

Schmidt: Der EAK überlegt da einen anderen Vorschlag. Der Reformationstag am 31. Oktober ist bereits jetzt in fünf Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag. Wir wollen, dass der Reformationstag 2017 zum 500-jährigen Reformationsjubiläum bundesweiter Feiertag wird. Vielleicht entsteht daraus ein dauerhafter Feiertag zur Erinnerung an die Einheit der Christen. Der Buß- und Bettag dagegen könnte auch gegebenenfalls auf einen Sonntag gelegt werden. So wie es jetzt ist, sollte es aber nicht bleiben.

Da schwingt doch schon Kritik an einer zu politischen Kirche mit. Was wünschen Sie sich eigentlich von Ihrem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm?

Schmidt: Er ist ein politischer Mensch. Im kirchlichen Amt wird von ihm verlangt, dass er Kirche und schiere Politik trennt - was er bisher auch macht. Ich wünsche mir, dass er - wie auch sein Vorgänger Johannes Friedrich - einen selbstbewussten, aber toleranten Umgang mit anderen Religionen einfordert. Beim Dialog mit dem Islam hat Friedrich Akzente gesetzt.

Ist der evangelische Glaube für Sie Leitfaden für Ihr politisches Handeln?

Schmidt: Der Glaube ist für mich ein starker Bezugspunkt. Ich bin über die Evangelische Jugend in die Junge Union gekommen. Außerdem war ich Kirchenvorsteher, Gottesdiensthelfer und alles, was man so in einer Kirchengemeinde macht. Das prägt mich bis heute. Gerade in meiner Arbeit im Sicherheitsbereich, wo es um den Einsatz von Bundeswehr-Soldaten und deren Leben geht, sind Grundfragen entscheidend. Da helfen mir meine christlich-politischen Kreise in Berlin und Nürnberg.

Sie sind im Verteidigungsministerium. Ihre Entscheidungen haben Auswirkungen auf Soldaten und die Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten. Gerät man da als Christ nicht ständig in Gewissenskonflikte?

Schmidt: Natürlich sind solche Konflikte immer da, wo über Gewalt als Option diskutiert wird. Ich segne den Krieg nicht. Aber ich befürworte den Einsatz von Gewalt und militärischen Mitteln zur Schaffung oder Erhaltung von einigermaßen gerechten Zuständen. Die Frage ist natürlich, wie 'gerecht' definiert wird. Ich betrachte Gerechtigkeit von meinem christlichen Hintergrund her, dass individuelle und freie Entfaltung für die Menschen gewährleistet sein soll.

Wie bewerten Sie die Situation in Mali?

Schmidt: In Mali führt mich nur die Vernunft dazu, zu sagen: 'Wir müssen den europäischen Einsatz unterstützen.' Die Neigung überhaupt nicht. Ich halte es für notwendig, dass die Franzosen interveniert und damit die Notbremse gezogen haben. Unser europäisches militärisches Interesse kann sich nur damit begründen, dass es eine Ausdehnung der islamistischen Terrorgefahr gibt. Und diese Gefahr ist gegeben.

Die Franzosen haben interveniert, die Deutschen zaudern. Muss nicht irgendwann eine europäische Armee her?

Schmidt: Ich halte es in der Tat für besser, wenn es einen koordinierten europäischen Einsatz gibt und nicht, wie jetzt geschehen, einen unilateralen. Insgesamt sind wir in Mali zu spät dran. Auf der anderen Seite bin ich nicht begeistert, dass die Europäer - obendrein als ehemalige Kolonialmächte - dorthin gehen und sagen, was gemacht werden soll. Wir müssen die malischen Streitkräfte eher dabei unterstützen, selbst für Frieden zu sorgen. Das müssen wir auch in den künftigen Krisengebieten tun: Pakistan, Jemen und Nordafrika.

Zurückhaltung war ja auch in Afghanistan der Plan. Das hat aber nicht funktioniert.

Schmidt: Man kann militärische Elemente zur Deeskalation verwenden. Da reicht oft schon die Präsenz von Soldaten wie im Kongo 2006. In Afghanistan hat man sich aber zu lange auf diese Taktik verlassen und gedacht, dass militärischer Kampf nicht nötig ist. Das haben wir unterschätzt. Es hat ja auch lange gedauert, bis sich die Deutschen eingestanden haben, dass in Afghanistan Krieg herrscht.

Im Augenblick sind wir in einer leidlich entwickelten Situation. Das Land ist zwar nicht befriedet, aber im Verhältnis zu vor zehn Jahren ist es sehr viel friedlicher dort. Daher hat mich auch der Satz »Nichts ist gut in Afghanistan« der früheren EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann geärgert.

Die Krisen von heute sind ja vordergründig religiöser Art: Islam gegen den Westen, also gegen das Christentum. Wie ist die Situation in Deutschland mit den Muslimen?

Schmidt: Wir kommen nicht darum herum, uns noch mehr mit dem Islam zu beschäftigen und sauber zwischen Islam, Islamismus und Extremismus zu trennen. Da wird noch viel vermischt - meist aus Unkenntnis. Die meisten muslimischen Gläubigen sind jedenfalls so sozialisiert wie der Durchschnittsbürger.

Ich finde es gut, wenn die Muslime vertrauensbildend agieren. Zum Beispiel übersetzen manche Gemeinden die Predigten in Deutsch oder lassen sie draußen am Bildschirm mitlaufen. So können alle hören, was da gepredigt wird.

Die Bundeswehr wird verkleinert, Standorte werden geschlossen. Will denn überhaupt noch einer zur Bundeswehr?

Schmidt: Die Reform ist schmerzhaft. Das lässt sich nicht leugnen. Dennoch ist die Bundeswehr als Ausbildungsort beliebt, und ich kann sie jungen Leuten nur empfehlen. Wir haben nach dem Bundesfreiwilligendienst derzeit eine Übernachfrage. Zwar gibt es aktuell 20 bis 30 Prozent Abbrecher. Ich vermute aber, dass da Leute dabei sind, die sich auf mehrere Studienplätze beworben haben und dann abbrechen, wenn sie woanders ihr Wunschstudium aufnehmen können. Mancher hat sich die Bundeswehr sicherlich auch anders vorgestellt. 

Verändert sich mit der Bundeswehrreform auch die Klientel?

Schmidt: Bisher ist das nicht erkennbar. Die Bundeswehr ist immer noch Spiegelbild der Gesellschaft. Es stimmt nicht, dass sich nur Leute aus sozial-prekären Schichten verpflichten, die woanders sonst keine Perspektive haben. Diese Entwicklung ist zum Teil in den USA zu beobachten. Natürlich müssen wir das bei einer Armee ohne Wehrpflicht im Auge behalten, aber noch besteht kein Handlungsbedarf.

Wie viel Sinn macht eigentlich noch eine katholische oder evangelische Militärseelsorge? Denn auch in der Bundeswehr gibt es ja immer weniger konfessionsgebundene Soldaten.

Schmidt: Das stimmt. Dazu kommen muslimische und jüdische Soldaten. Aber die Mehrzahl ist weiterhin christlich. Die Militärseelsorge hat sich aber im Laufe der Zeit gewandelt, sie geht inzwischen über den rein konfessionellen Bereich hinaus. Die Seelsorger sind vor allem in den Einsatzgebieten oft erste Berater in allen Lebenslagen und nicht nur Pfarrer.

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